Oldenburg - Auch Kinder ab 12 Jahren dürfen in Deutschland gegen Covid-19 geimpft werden. Doch auch für diese Altersgruppe mangelt es noch an Impfstoff. Wie die Lage rund um den Einsatz des Impfstoffs von Biontech/Pfizer bei Kindern aussieht, haben wir hier zusammengefasst:
Was sagt die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) zum Impfen von Kindern?
Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hat am 28. Mai grünes Licht für die Zulassung des Corona-Impfstoffs der Hersteller Biontech und Pfizer für Kinder ab zwölf Jahren gegeben. In einer Studie waren 1131 Teilnehmer im Alter zwischen 12 und 15 Jahren mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft worden, 1129 hatten ein Placebo (Scheinmedikament) erhalten. In der ersten Gruppe war keine Infektion aufgetreten, in der zweiten 16. Als Nebenwirkungen wurden vor allem Fieber, Kopfschmerzen, Schüttelfrost und Muskelschmerzen beobachtet.
Die Zulassung wurde am 31. Mai durch die EU-Kommission bestätigt.
Was bedeutet die Zulassung für Impfungen in Deutschland?
Ärztinnen und Ärzte dürfen den Impfstoff von Biontech/Pfizer auch bei Kindern ab zwölf Jahren einsetzen, weil er von der EMA zugelassen wurde. Eine Empfehlung der Stiko ist dafür nicht nötig.
Was bedeutet die Empfehlung der Stiko?
Die Stiko spricht Empfehlungen zum Einsatz von Impfstoffen in bestimmten Bevölkerungsgruppen aus. Dafür analysiert sie Daten und aktuelle wissenschaftliche Studien und stellt den zu erwartenden Nutzen eventuellen Risiken gegenüber. Die Empfehlung ist für Ärztinnen und Ärzte jedoch nicht bindend.
Was hat die Stiko empfohlen?
Am 10. Juni hat die Stiko lediglich eine Corona-Impfung von vorerkrankten Kindern über 12 Jahren empfohlen. Eine allgemeine Empfehlung für die Impfung von Kindern hat sie nicht ausgesprochen.
Nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und der Risikoakzeptanz von Kindern, Jugendlichen oder ihren Eltern sei eine Impfung aber auch bei gesunden jungen Leuten möglich, heißt es in einem Bulletin des Robert Koch-Instituts.
„Es geht um eine Abwägung von Nutzen und möglichem Risiko“, sagte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Die Wirkung der Impfung für 12- bis 17-Jährige sei dabei unbestritten. „Die Schutzwirkung ist sehr gut“, betonte Mertens. Durch die relativ kleine Gruppe von rund 1100 Kindern und Jugendlichen in der Zulassungsstudie und einen Beobachtungszeitraum von nur zwei Monaten seien aber mögliche schwere Nebenwirkungen nicht hinreichend auszuschließen.
Dazu sei das Risiko für 12- bis 17-Jährige, schwer an Covid-19 zu erkranken, sehr gering. „Wir hatten in dieser Altersgruppe in Deutschland bisher nur zwei Todesfälle“, berichtete Mertens. In beiden Fällen hätten schwerste Vorerkrankungen vorgelegen.
Wie häufig erkranken Kinder an Covid-19?
Kinder erkranken deutlich seltener an Covid-19 als Erwachsene, auch Hospitalisierungen und schwere Verläufe der Krankheit sind bei ihnen die absolute Ausnahme. Bis zum 3. Juni sind nach Daten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie gut 1600 Kinder und Jugendliche mit Covid-19 ins Krankenhaus gekommen, davon mussten 80 auf der Intensivstation behandelt werden. 0,3 Prozent starben an der Krankheit.
Angenommen wird, dass ein erheblicher Teil der Infektionen ohne oder nur mit milden Krankheitsanzeichen verläuft: Die Zahl der mit dem Coronavirus Sars-Cov2 infizierten 10- bis 19-Jährigen lag laut RKI am 1. Juni bei 356.838 (9,7 Prozent aller Infizierten). Das ist nur etwas mehr als der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung (circa 9,3 Prozent).
Wie sieht es mit Langzeitfolgen einer Coronavirus-Infektion bei Kindern aus?
Spätfolgen (Long Covid oder Post Covid), die teils auch erst Monate nach der Infektion auftreten oder sich verschlechtern, werden auch bei Minderjährigen beobachtet. Zur Dauer und Häufigkeit ist aber noch vieles unklar. Es habe den Anschein, dass Langzeitfolgen bei Kindern eher aufträten als die akute Erkrankung, sagte Charité-Virologe Christian Drosten im Podcast „Coronavirus-Update“.
Im Zusammenhang mit Spätfolgen wird auch häufig das pädiatrische Multisystem-Inflammationssyndrom (PIMS) genannt, das eine Krankenhausbehandlung erfordert. Das sind Entzündungen, die Kinder etwa ab dem Grundschulalter bis zur Pubertät betreffen können. Die Datenlage zu der schweren Erkrankung, die Wochen nach einer akuten Infektion auftritt, sei laut Drosten unklar. Zu befürchten sei, dass das Syndrom in einem von 1000 Fällen auftrete.
Welchen Beitrag leisten Kinder zum Erreichen der Herdenimmunität?
Auch Kinder und Jugendliche zählen, wenn es um das Erreichen einer schützenden Herdenimmunität geht. Diese lässt sich nur erreichen, wenn ein Großteil der Gesamtbevölkerung geimpft ist oder die Infektion durchgemacht hat. Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, nennt derzeit einen Anteil Immuner von 80 Prozent als Zielmarke.
Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl findet, dass auch diese Gruppe eine Verantwortung für die Gesellschaft zu tragen hat. Er könnte sich sogar eine Impfpflicht für Schüler vorstellen. Stiko-Mitglied Martin Terhardt nennt solche Vorschläge „abwegig“.
Impfungen bei Kindern: Was plant die Politik?
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will Kinder und Jugendliche auch ohne allgemeine Impfempfehlung der Stiko in die Impfkampagne einbinden. Spahn betont, eine Impfung der Kinder solle eine individuelle Entscheidung der Betroffenen und ihrer Eltern und Ärzte sein. „Wir werden definitiv keine verpflichtenden Impfungen haben, auch nicht an Schulen oder Kindergärten.“ Als Kriterien für eine Impfentscheidung nennt der Minister Vorerkrankungen, die persönliche und familiäre Situation, und Risiken auch einer Covid-19-Infektion. Ziel ist, bis Ende August allen Kindern ab 12 Jahren Impfungen anzubieten.
Was ist in Niedersachsen geplant?
Die niedersächsische Landesregierung hat Ende Mai ein Konzept für ein Impfangebot an alle 450.000 Schülerinnen und Schüler ab zwölf Jahren vorgelegt. Die Erstimpfung ist in den beiden letzten Wochen vor den Sommerferien vom 12. bis zum 23. Juli vorgesehen. Die Zweitimpfung soll zum Ende der Ferien vom 23. August bis 3. September erfolgen. Gegebenenfalls könne noch in der ersten Woche nach den Ferien geimpft werden, sagte Kultusminister Grant Hendrik Tonne.
Gibt es genügend Impfstoffe für Kinder und Jugendliche?
Nein. Es sind keine zusätzlichen Impfdosen für Kinder und Jugendliche vorgesehen.
