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NWZonline.de Region

„Papa hat gesagt, es gehört einfach dazu“

13.10.2017

Oldenburger Land Es ist ihr achter Geburtstag. Sie hatte einen tollen Tag, einen richtig glücklichen Kindergeburtstag mit Kuchen und Geschenken. Bis abends ihr Vater ins Zimmer kommt und sie auffordert, ihn anzufassen. Er würde ihr damit einen Gefallen tun. Eine enge Vater-Tochter-Beziehung sei normal, nichts Verbotenes.

Ihr Vater erklärt seiner achtjährigen Tochter, dass alle so ihre Väter lieb haben würden, nur dass eben niemand drüber redet. „Ich habe es nicht gerne gemacht und fand es ekelig, aber ich hatte ja einen tollen Tag und tat ihm damit etwas Gutes und schenkte ihm etwas“, erinnert sich Jasmin an diesen Tag, der alles verändern sollte.

Dieser Tag im Oktober vor zwanzig Jahren markiert den Beginn eines lebenslangen Martyriums. „Die körperlichen Übergriffe waren nicht von Anfang an Vergewaltigungen. Es steigerte sich mit den Jahren und auch mit meinem Alter“, erzählt die junge Frau, die in einigen Tagen ihren 28. Geburtstag feiert.

Die Übergriffe durch ihren Vater finden abends statt, im Kinderzimmer und in ihrem Zuhause, in dem auch noch ihre Mutter und ihre jüngere Schwester leben.

Ihren Vater beschreibt Jasmin als fürsorglich, witzig, er war sehr beliebt, auch unter ihren Freundinnen. Und er war stolz auf seine „Große“, die in der Schule gute Leistungen brachte. Sie hatte schon immer ein enges Verhältnis zu ihrem Vater, denn die Mutter war durch psychische Erkrankungen häufig abwesend und in Therapie. Jasmin erschafft sich einen „Tag- und einen Nachtvater“. Tagsüber ist es die normale Vater-Tochter-Beziehung, abends muss das Mädchen die Übergriffe ihres „Nachtvaters“ über sich ergehen lassen.

„Seit meinem achten Geburtstag hatte ich Schlafstörungen und Albträume“, erinnert sich Jasmin, die ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen stammt und jetzt im Oldenburger Land lebt.

Je schlimmer die Übergriffe werden, umso schlimmer sind auch die körperlichen Schäden und die Einschränkungen im Alltag. Das schmerzende Handgelenk, das vom Festhalten weh tut, erinnert sie bei jeder Berührung an die Taten. Das Verdrängen wird schwieriger.

So gibt es bald nicht nur zwei Väter, sondern auch zwei Jasmins, sagt sie. Denn auch heute noch hat die junge Frau das Gefühl, dass in ihr zwei Menschen wohnen – und nur der einen Frau ist diese schlimme Geschichte passiert. „Ich hätte es sonst nicht ausgehalten“, ist sich die 27-Jährige sicher.

Mit den Jahren realisiert das Mädchen, dass die Taten, die ihr der Vater als ganz normal verkauft, nicht normal sind. Im Affekt erzählt sie ihrer Mutter von dem Verhalten ihres Vaters – die aber glaubt ihrer Tochter nicht, unterstellt Jasmin eine blühende Fantasie.

Jugendamt eingeschaltet

Die Ehe der Eltern ist zerrüttet. Sie trennen sich, als Jasmin elf Jahre alt ist. Schon früher lebt sie die meiste Zeit bei ihrer Großmutter, den Rest der Zeit bei ihren Eltern. Denn ihre Eltern können sich nicht genug um sie und ihre Schwester kümmern. Alle zwei Wochenenden soll sie nach der Trennung zu ihrem Vater. Aber sie weigert sich, das Jugendamt wird eingeschaltet. „Ich konnte nicht sagen, warum ich da nicht hin will. Ich habe mich geschämt. Deswegen habe ich Geschichten erfunden.“ Sie behauptet, ihr Vater würde sie schlagen. Aber die Lügen fliegen auf, denn der Vater hat sie nie geschlagen. Und auch die Fragereien von mehreren Jugendamtsmitarbeitern, die auf sie wie Verhöre wirken, hindern das kleine Mädchen, die Wahrheit zu sagen. „Das Jugendamt konnte nichts machen“, sagt die erwachsene Frau, „aber sie hätten vielleicht fragen sollen, warum ich mir diese Geschichten ausdenke.“

So viele Fälle gibt es in der Region

Wie viele Fälle von Kindesmissbrauch es seit Januar 2017 in der Region gegeben hat, ist nicht bekannt. Die Polizei veröffentlicht nur einmal im Jahr Zahlen in der Polizeilichen Kriminalstatistik. Die Statistik aus dem vergangenen Jahr zählt 306 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher sein.

Sexueller Missbrauch wird überwiegend von Männern begangen. Viele sexuelle Übergriffe passieren innerhalb von Familien. 2016 wurden 14051 Fälle polizeilich erfasst.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass man, wenn man aufmerksam ist, merkt, dass etwas nicht stimmt“, blickt Jasmin zurück. Bis heute glaubt Jasmins Mutter ihr nicht, dass ihr Vater sie sexuell missbraucht und vergewaltigt hat. „Das zieht einem den Boden unter den Füßen weg, als Kind hat man ja die Erwartung, dass die Mutter einen unterstützt. Ich hatte ja schon das Schicksal gegen mich und noch das Gefühl, dass sich meine Mutter dazu stellt.“ Bis heute hat Jasmin keinen Kontakt zu ihrer Mutter oder Schwester, sie kommunzieren nur über Anwälte.

Die Übergriffe enden jäh. „Ich habe ihm gedroht, dass ich es jemandem sage. Das habe ich öfter gemacht, ich weiß nicht, was da anders war. Er hat mich dann gehen lassen und sich umgebracht.“

Das Martyrium ist damit nicht vorbei. Denn irgendwie fühlt sie sich schuldig am Tod ihres Vaters. Und sie kann ihre Drohung, jemandem von den Taten zu erzählen, nicht wahr machen. So schweigt sie weiter, verdrängt die Taten. „Über Tote redet man nicht schlecht“, sagt sie.

Jasmin verlässt ihre Heimatstadt, zieht in die Region. Zu Personen, die ihrem Gefühl von Familie nahekommen, sie aufnehmen und bei denen sie sich geborgen fühlt. „Seit dem Tod bin ich wie in Watte gepackt gelaufen, die Emotionen brachen dann so nach und nach raus.“ Irgendwann geht gar nichts mehr, sie kann nicht essen, schläft nicht, erträgt keine Berührungen, ihre Konzentration ist weg. Manchmal wird sie von Bildern überwältigt, ist nicht mehr handlungsfähig und völlig hilflos.

Kein Allheilmittel

Mit 16 beginnt sie ihre erste Therapie, zunächst wegen Schlafstörungen. Seit sechs Jahren befindet sie jetzt sich wegen der posttraumatischen Belastungsstörung in Behandlung, sowohl ambulant als auch zwischenzeitlich stationär. „Am schlimmsten finde ich, dass es keine Methode gibt, das Trauma zu verkraften.“ Man gehe nicht wie mit einer Mittelohrentzündung zum Arzt, bekommt Medikamente verschrieben und alles ist gut. Noch heute muss die junge Frau Albträume durchleben, schläft schlecht und bekommt häufig Magenprobleme. Sie hat außerdem das Gefühl, sich Anspannung weglaufen zu müssen. Berührungen, bestimmte Essens-Konsistenzen, Gerüche oder Geräusche können bei ihr sogenannte Flash-Backs auslösen. Dann wird sie von Erinnerungen überwältigt. Das können nur kurze Bilder aus der Vergangenheit sein oder sie ist komplett in den Bildern gefangen, kann sich nicht orientieren, ist völlig weggetreten. „In der Therapie lernt man, damit umzugehen.“

Neben der professionellen Hilfe ist Jasmin ihr Umfeld wichtig. Dort kennt nicht jeder alle Details ihrer Geschichte, aber die 27-Jährige muss sich dort nicht erklären, sie trifft auf Verständnis. „In der Therapie lernt man ein Sicherheitsnetz und Methoden kennen, die mal greifen und mal nicht. Aber wichtiger sind die Menschen im Umfeld, damit kommt man besser durch den Alltag.“ Eine Beratungsstelle in der Region hat sie auch aufgesucht, sich jedoch nicht getraut, dort ihre Geschichte zu erzählen.

Die Albträume und Schlafstörungen wird sie wohl nie wieder los werden – aber das hat sie akzeptiert. Manchmal beneide sie andere Menschen, die in ihrem Alltag einfach funktionieren. Sie bedauert mittlerweile, nicht früher mit der Therapie angefangen zu haben. Aber: „Ich bin stolz, was ich geschafft habe“, blickt die junge Frau auf Abitur und ihr Studium zurück, dass sie in Kürze abschließen wird. „Ich bin zufrieden mit den äußeren Umständen: mit dem WG-Zimmer, meinem Job, meinen Freunden und der Familie, die ich gefunden habe. Aber ich trage noch eine große Unzufriedenheit in mir.“ Und in ihr arbeitet auch der Wunsch, eines Tages eine Beziehung einzugehen und eine Familie zu gründen. „Damit ist Intimität verbunden, und die kann ich momentan nicht eingehen.“ Ob das je klappt, kann kein Therapeut voraussagen.

Jasmin glaubt nicht, dass ihr Vater pädophil war. Ihres Wissens nach war sie auch das einzige Opfer ihres Vaters. Er hatte viele Affären. Die Übergriffe hatten laut der einen Jasmin eher etwas mit der Vorstellung des Vaters von einer guten Beziehung zu seiner „Großen“ zu tun. Die eine Jasmin glaubt auch, dass ihr Vater damit ausgelebt hat, wie lieb er seine Tochter hatte.

„Wenn ich gedroht habe, es zu verraten, hat er angefangen zu weinen und gesagt, dass es ihm leid getan hat. Das glaube ich ihm auch.“ Wütend ist sie nur auf ihre Mutter, gegenüber ihrem Vater hegt sie manchmal den irrationalen Wunsch, Dinge klarzustellen. „Wenn er ins Gefängnis gegangen wäre, wäre es vielleicht eine Art Abschluss oder Genugtuung gewesen“, mutmaßt die junge Frau.

Genervt ist sie von Formulierungen wie „Das Opfer hat lebenslänglich“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“ – denn viele begreifen gar nicht, was in einem Opfer sexueller Gewalt vorgeht. Und so ein Trauma heilt nicht wie eine Wunde. Jasmin trägt es mit sich herum. Jeden Tag. Und die Bilder, vor denen sie sich so fürchtet, können jederzeit wiederkommen. Jeden Tag. Und sie muss lernen, damit zu leben. Jeden Tag.

(* Name von der Redaktion geändert)

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