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NWZonline.de Region

Wenn nur noch eine fremde Stimme hilft

04.11.2017

Oldenburger Land „Die Telefonseelsorge, guten Abend“, Klara meldet sich am Telefon im Dienstzimmer der Oldenburger Telefonseelsorge. Es ist jedes Mal etwas aufregend, wer anruft. Einen Namen gibt es nicht, aber die ersten Worte und die Stimme sind wichtig.

Am anderen Ende der Leitung ist ein Mann. Seine Partnerin will ihn verlassen. Das macht ihn richtig fertig. Er hat Angst aggressiv zu werden, die Hand gegen sie zu erheben, schlecht über sie zu reden bei seinen Freunden. Was soll er bloß tun? Klara hört ihm lange zu. Sie will keine Floskeln oder Empfehlungen aneinanderreihen, sondern versucht zunächst den Anrufer zu beruhigen und unterstützt ihn dabei, seine Gedanken zu ordnen.

Jeder verdient Gehör

Sie fragt ihn beispielsweise, ob er seiner Arbeit nachkommen kann und wie er im Alltag zurecht kommt.Die Mitarbeiterin Klara kennt solche Gespräche. Weit über zehn Jahre arbeitet sie schon für die Telefonseelsorge. Seit kurzem ist sie im Rentenalter, aber auch während ihrer Berufstätigkeit hat sie ihren Dienst gerne in die Abendstunden gelegt. Dann rufen die Menschen an, die sich einsam fühlen. „Mir geht es nicht gut“, heißt es dann, oder „Ich kann nicht schlafen, ich muss immer nur grübeln“. Klara spricht mit ihnen allen, fragt, was sie beschäftigt, aber auch, an was sie sich erinnern und was ihnen Freude gemacht hat. Manche sind arbeitslos, depressiv, kommen nicht mehr alleine zurecht oder warten auf einen Platz in einer Klinik.

Bei jedem Anruf sprechen zwei Menschen miteinander, die sich nicht kennen, nichts voneinander wissen. Sie begegnen sich jetzt und hier und vermutlich niemals sonst. Vielfältig wie das Leben sind die Anrufe, die die Telefonseelsorger erreichen. Alltägliches und höchst Krisenhaftes, andauerndes Schweigen und wasserfallartiger Redeschwall, ganz kurze und ganz lange Gespräche – hier am Telefon hört man von allem.

Vieles hat sich Klara in den vergangenen Jahren angehört. Es gibt Verzweifelte, Gelangweilte, Trauernde, die ihren Schmerz nicht überwinden oder Studenten mit Lernblockaden und Prüfungsängsten.

Und es gibt die Jugendliche, die sich gerne einen Scherz mit einem Anruf machen wollen. Alkoholiker, die in diesem Telefonat bekunden, trocken werden zu wollen und sexualisierte Anrufer, die die Telefonseelsorger als Ansprechpartner ausnutzen möchten. „Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt, denn so verschieden wie die Menschen sind auch ihre Bedürfnisse und Gründe für einen Anruf“, meint Klara.

Sie will aber vor allem die Menschen nicht vergessen, für die die Telefonseelsorge ein emotionaler Halt im Alltag und ein Begleiter durchs Leben geworden ist. Denn es gibt auch die Anrufer, die immer wieder am Telefon sind, weil sie sonst niemanden haben, krank sind oder auch die Wohnung nicht verlassen können.

Zum Reden ist es nie zu spät. Wenn das Telefon klingelt, möchte jemand Zeit und Gehör finden. Einfach einmal reden können, ohne das Gesicht zu verlieren, angenommen und verstanden werden, manchmal einen Rat hören.

Wichtig für beide Seiten

Klara macht eine Pause. Die Technik wird für 10 Minuten angehalten, und eine Tasse Tee tut jetzt gut. Sie erzählt, wie wichtig die Arbeit am Telefon im Verlauf der Jahre für sie geworden ist. Ihre Haltung zum Leben und ihre Einstellung zu den Menschen habe sich grundlegend verändert. Sie sei achtsamer und auch nachsichtiger geworden. Sie sei dankbar, die Vielschichtigkeit des menschlichen Daseins erfahren zu haben. Die Telefonseelsorge habe ihr Leben bereichert.

Anonym, jederzeit erreichbar und kostenlos

Die Seelsorge ist kostenlos erreichbar unter Telefon  0800 1110111 und Telefon  0800 1110222

Ehrenamtliche werden ausgiebig und intensiv geschult, bevor sie telefonische Gespräche führen. Interessierte sind zur Erweiterung des Teams willkommen.

Auswahlgespräche für finden in diesem Monat bei der Telefonseelsorge statt.

Ausbildungskurse für neue Mitarbeiter starten nächstes Jahr.

Chatseelsorge ist Seelsorge im Einzelkontakt im Internet unterwww.telefonseelsorge.de

In Wilhelmshaven gibt es die zweite Telefonseelsorge. Dort sind etwa 35 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig. Die Leiterin Christhild Roberz ist unter der E-Mail-Adresse „telefonseelsorge@kirche-am-meer.de“ erreichbar.

Kontakt und weitere Informationen bei der Leitung der Telefonseelsorge Oldenburg: Elke Andrae und Jürgen Walter, Email: info@oldenburg-telefonseelsorge.de

Die selbstgewählte Pause endet. Einmal noch den Kopf und das Dienstzimmer durchlüften, dann geht’s weiter.

Ihr Kollege, der den Dienst fortführt, kommt in einer Stunde. Er hat eine lange Anfahrt aus der Region und kommt nach seinem Dienstschluss. 70 ehrenamtliche Mitarbeiter sind es insgesamt, eine bunte Mischung von Berufsgruppen und Altersklassen. Sie alle arbeiten dabei im Stillen und Verborgenen, sie reden mit anderen nicht über ihre Aufgabe. Dieses Ehrenamt bleibt für die Öffentlichkeit verborgen. Eine Auszeichnung oder auch Dankesworte vom Oberbürgermeister für den unermüdlichen Einsatz und den Notdienst für die Seele rund um die Uhr wird es also für die Diensthabenden nicht geben.

Aber gerade diese besondere Anonymität ist die Grundlage der Telefonseelsorge, denn die Anrufer wissen, dass sie ihre Gespräche im Schutz absoluter Vertraulichkeit führen können.

Zuhören will gelernt sein. Am Anfang stehen ein sorgfältiges Auswahlverfahren und eine umfassende Ausbildung, Es geht um Einfühlungsvermögen, Belastbarkeit, Konfliktbereitschaft, Teamfähigkeit und darum geht, welches die Motive für die Arbeit in der Telefonseelsorge sind. Dazu gehört, sich gründlich und ehrlich mit sich selbst und der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Erst nach Abschluss einer mindestens einjährigen Ausbildungszeit kann die Arbeit am Telefon beginnen, die durch kontinuierliche Fortbildung sowie durch begleitende Supervision weiterentwickelt wird.

Etwas zurückgeben

Was bewegt die Telefonseelsorgenden, sich immer wieder die Nöte und Ängste ihrer Mitmenschen anzuhören? In ihrer Freizeit, ohne finanzielle Entschädigung, oft zusätzlich zum Job, auch Nachts?

Mitarbeiterin Klara begründet es so: „Es war nicht immer so, aber nun habe ich ein gutes Leben. Darum möchte ich etwas zurückgeben, ein offenes Ohr haben, ein zugewandtes Herz. Die Arbeit am Telefon erlebe ich für mich als erfüllend und bedeutsam“.