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NWZonline.de Region

Wie ein EWE-Vorstand einen Mitarbeiter bespitzeln ließ

12.05.2017

Oldenburg /Lübeck /Hamburg Ein Mann macht sich an der Stoßstange eines geparkten Autos zu schaffen. An einem Freitagabend, im April 2016, irgendwo in der Nähe von Hamburg. Der Mann schaut sich um. Vielleicht ist er nervös? Kurze Zeit später steht er auf, schaut noch einmal, verschwindet in der Dunkelheit.

Keine Szene aus einem Spionagefilm, sondern der Beginn der „Spitzelaffäre“, die Monate später den Oldenburger Energieversorger EWE erschüttert und zum Rücktritt von Personalvorstand Nikolaus Behr führt.

Christian C. hat alles aufgezeichnet. Mit einer eigens dafür installierten Kamera. Es ist nicht der erste Peilsender, der an seinem Auto angebracht wird. Erzählt er. Damit lässt sich ein genaues Bewegungsprofil erstellen. Aber warum?

Christian C. montiert den GPS-Sender von der Stoßstange ab, legt ihn in den Wagen. „Damit die es nicht merken“, sagt er. Wer immer die auch sein mögen, die sowas tun.

Christian C. fährt ins niedersächsische Scheeßel, will den Spion ins Tageslicht locken. Es klappt. Ein Mann verfolgt ihn. Weil der Peilsender seine Position verraten hat. Jetzt ist der frühere leitende EWE-Mitarbeiter ganz sicher, dass er bespitzelt und beschattet wird. Von seinem ehemaligen Arbeitgeber, wie sich später herausstellt.

Gerät abgeklemmt

Christian C. ist spätestens seit dem 1. April 2016 alarmiert. Ein Kumpel ruft an, bei dem der Wagen zur Inspektion steht: „Weißt Du eigentlich, dass Du einen Peilsender unter dem Auto hast?“ Unterm Ersatzrad genauer gesagt. Christian C. klemmt das Gerät mit einem Seitenschneider drei Tage später auf der Autobahn ab, installiert vor der Haustür die Kamera.

Die Polizei findet später heraus, wo die SIM-Karten in den Peilsendern gekauft wurden und wer sie gekauft hat. Die Ermittler durchsuchen Anfang August 2016 eine Detektei in Hamburg. Die Staatsanwaltschaft Lübeck ermittelt gegen den Inhaber und einen Detektiv – wegen eines Verstoßes gegen das Datenschutzgesetz, illegal und strafbar.

Diese Ermittlungen sind allerdings inzwischen eingestellt. Zu geringe Schuld des Täters, kein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung, so die Staatsanwaltschaft.

Auftraggeber der Detektei ist die Hamburger Niederlassung der renommierten Anwaltskanzlei Hogan Lovells. EWE hat jahrelang mit der Kanzlei zusammengearbeitet. Der Auftrag für die Bespitzelung von Christian C. kommt aus Oldenburg, vom damaligen Personalvorstand Nikolaus Behr. Und wieder lautet die Frage: warum?

„Uns hat sich die Motivlage nicht ergründet“, sagt EWE-Sprecher Christian Blömer im September 2016, als die Affäre öffentlich wird. EWE-Aufsichtsratschef Stephan-Andreas Kaulvers deutet an, dass es eher private Aspekte gebe, aber auch berufliche.

Christian C., ehemalige Führungskraft der EWE Netz AG, wehrt sich jahrelang gegen seine Kündigung. Die erste von 2012. Fünf weitere fristlose Kündigungen folgen. Christian C. gewinnt mehrere Arbeitsgerichtsprozesse. Behr war bis 2012 Chef der EWE Netz.

In einem der Prozesse sagt Bärbel S., ehemalige Mitarbeiterin von EWE Netz, gegen Christian C. aus. Er habe „Unruhe ins Unternehmen gebracht“, habe über die Geschäftsführung hergezogen. Bärbel S. habe Behr „sehr nahe gestanden“, sagt Christian C. Das erzählen auch andere EWE-Mitarbeiter.

Christian C. vermutet eine Intrige gegen sich, sucht Beweise, zeigt Bärbel S. wegen Falschaussage an.

Jetzt reagiert die EWE ganz schnell, bietet Christian C. eine Abfindung von 320 000 Euro an. Bedingung: Die Maßnahmen gegen Bärbel S. „müssen eingestellt bzw. zurückgenommen werden“, heißt es in einem Brief. Bärbel S. arbeitet zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bei EWE.

Nikolaus Behr bestreitet, dass es private Gründe für die Bespitzelung gab. Er stellt die Rolle von Christian C. anders dar. „Ein ehemaliger Manager hat nach nicht einmal zweijähriger Mitarbeit versucht, die EWE um eine astronomische Abfindung zu schröpfen. Zu seinen Methoden gehörten Schmutzkampagnen, die Observierung mindestens eines früheren Vorgesetzten sowie eine absurde Anzeigenflut gegen Mitarbeiter der EWE, aus denenen nie eine Verurteilung erfolgte“, sagt Behr.

Der ehemalige Manager, also Christian C., stand demnach unter Verdacht, während des Kündigungsschutzprozesses unerlaubterweise für die Konkurrenz gearbeitet zu haben. „Allein dies zu belegen, war Ziel der GPS-Maßnahme“, sagt Behr. „Ein Fachanwalt hat die Einbindung einer Detektei empfohlen, was nicht nur mir bekannt war.“

Die EWE will nach eigenen Angaben Ende August 2016 von den Vorwürfen gegen Behr erfahren haben.

Am 24. August schreibt Christian C. eine Mail an den damaligen EWE-Vorstandschef Matthias Brückmann, beklagt den Verstoß gegen seine Persönlichkeitsrechte durch den Ex-Arbeitgeber, fordert Unterlassung und Aufklärung.

„Die Überwachung von Mitarbeitern oder anderen Personen verstößt auf elementare Weise gegen die von EWE vertretenen Werte“, sagt Brückmann, der wenige Monate später über eine andere Affäre stolpert, nach dem Rücktritt von Behr.

Wusste bei der EWE tatsächlich niemand außer Behr von der Bespitzelung?

Ende April 2016 klingelt eine Oldenburger Geschäftsfrau eines Abends an Brückmanns Haustür. Weil sie den EWE-Vorstandschef gut kennt, weil sie aus dem Umfeld von Christian C. von der Überwachung gehört hat. „Ich wollte ihn über den GPS-Sender informieren“, sagt die Frau. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Die beiden unterhalten sich kurz vor der Villa am Eversten Holz. Brückmann habe es gehört und abgewunken, sagt die Frau. „Er wusste es auf jeden Fall.“

Die EWE erklärt, der Vorstandschef habe erst Ende August durch die Staatsanwaltschaft vom Peilsender erfahren: „Herr Brückmann befand sich im Urlaub, als das Schreiben am 23.8. bei ihm einging“, sagt Sprecher Blömer.

Die EWE bekommt monatlich Rechnungen der Kanzlei Hogan Lovells aus Hamburg, die das Unternehmen in den Arbeitsgerichtsprozessen gegen Christian C. vertritt. Spätestens im Februar 2016 tauchen in diesen Rechnungen Posten für die Hamburger Detektei auf, die mit der Bespitzelung beauftragt wurde.

Die Rechnungen seien „verschleiert“ gewesen, erklärt die EWE. „Die Leistungen der Detektei sind in keinem Punkt klar und umfassend dargestellt“, sagt Sprecher Blömer später. Die EWE argumentiert auch, dass Behr zwar über seinen privaten und dienstlichen E-Mail-Zugang Kontakt mit der Anwaltskanzlei hatte, den Auftrag für den Privatdetektiv aber über die private Mail erteilt hat.

Stempel und Unterschrift

„2,3 Std. Unter anderem Einschaltung PD, E-Mail PD und Behr“, steht in der Rechnung von Hogan Lovells an die EWE vom 6. Februar 2016.

(PD heißt Privatdetektiv)

„0,2 Std. Durchsicht Bericht Privatdetektiv, Bericht PD/Behr noch mal 0,7 Std.“, wird am 10. März 2016 berechnet.

„0,5 Std. Durchsicht/Prüfung/Weiterverfolgung PD Bericht/ E Mail mit Behr“ am 25. April 2016.

„0,3 Std. Telefonat mit PD. Telefonat mit N. Behr“, listet die Rechnung vom 24. Mai 2016 auf.

Zwischen Februar und Mai 2016 soll Hogan Lovells an 21 Tagen Leistungen im Zusammenhang mit dem Privatdetektiv mit der EWE abgerechnet haben. Stundensatz angeblich 480 Euro.

„Die Rechnungen der Anwaltskanzlei für die Leistungen der Privatdetektei beliefen sich auf einen sehr niedrigen vierstelligen Bereich“, sagt EWE-Sprecher Blömer.

Die EWE hat mit Stempel und Unterschrift unter jeder Rechnung bestätigt, dass die Leistungen von Hogan Lovells erbracht wurden. Aber nicht Behr hat sie unterschrieben, sondern Silke W., ehemalige leitende Mitarbeiterin der EWE. Ohne zu wissen, wofür der Detektiv eingesetzt wurde, was in den Berichten steht? „Den Inhalt der Berichte kannte nur Herr Behr“, sagt EWE-Sprecher Blömer.

Silke W. ist aus dem Unternehmen ausgeschieden. Aus „persönlichen Gründen“, heißt es bei der EWE.

Die Rechnungen von Hogan Lovells an die EWE im Zusammenhang mit Christian C. sollen sich insgesamt auf rund 128 000 Euro belaufen – Prozesse inklusive.

Vielleicht muss man noch einen Schritt zurückgehen, um die Geschichte ganz zu verstehen. Ins Jahr 2008.

Die „Kleine Osteria“, ein italienisches Lokal in Rastede, ist fast Pleite, der Besitzer kann die Stromrechnungen nicht bezahlen. Da trifft es sich gut, dass der damalige EWE-Vorstandschef Werner Brinker Stammgast ist. Brinker bürgt für den Besitzer im Unternehmen, will eventuelle Rückstände begleichen.

Wenige Monate später ist der Betreiber insolvent, das Lokal wird geschlossen. Die ausstehende Stromrechnung von 4531,74 Euro bleibt offen.

Bis 2011 ein Mitarbeiter der Abteilung von Christian C. darauf stößt. Der weist auf den unternehmenseigenen Verhaltenkodex hin, kritisiert den Chef. Jetzt zahlt Brinker die Summe, der Vorfall ist für die EWE erledigt.

Doch Christian C. hat damit womöglich den Zorn der Chefetage auf sich gezogen. Mit weiteren Hinweisen auf Verhaltenskodex-Verstöße im Unternehmen soll er auch Nikolaus Behr verärgert haben, ab 2012 Personalvorstand der EWE AG.

Die Spitzelaffäre löst eine Klage- und Anzeigenwelle aus. Eckard S., Büroleiter von Hogan Lovells, tritt Anfang Oktober 2016 zurück, die EWE beendet die Zusammenarbeit mit der Kanzlei.

Die Staatsanwaltschaft Lübeck ermittelt gegen Eckard S. und einen weiteren Anwalt von Hogan Lovells wegen der Anstiftung zu einer Straftat. Das Verfahren wird Ende März 2017 eingestellt.

Eckard S. hat der Staatsanwaltschaft aber offenbar einiges zum Bespitzelungsauftrag erzählt, um sich zu entlasten. Die EWE hätte ein Interesse gehabt, zu wissen, welche Einkünfte Christian C. habe und ob er Konkurrenztätigkeit ausführe. Was Christian C. bestreitet, der seit 2013 als Selbstständiger arbeitet.

Die Detektive folgen ihm auch bei beruflichen Fahrten in andere Bundesländer. Christian C. vermutet heute einen dritten Peilsender, weil Hogan Lovells und die Detektei auch Ende Mai 2016 noch in engem Kontakt stehen.

Die EWE hat nach eigenen Angaben die Peilsender-Affäre umfassend intern geprüft. Ergebnis: keine Anzeige gegen Behr, keine finanziellen Forderungen gegen ihn. „Beide Parteien haben einen Auflösungsvertrag unterzeichnet“, sagt Blömer. Haken dran, Affäre erledigt.

„Die EWE habe ich ohne Abfindung verlassen“, sagt Behr. „Damit habe ich die Verantwortung für eine von mir veranlasste Fehlentscheidung übernommen, der eine juristische Falschberatung vorausgegangen war.“

Verfahren laufen noch

Christian C. ist noch lange nicht fertig. Er hat Nikolaus Behr mehrfach angezeigt. Während die Staatsanwaltschaft Lübeck die Ermittlungen gegen den Ex-Vorstand im Januar eingestellt hat, dauern die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Oldenburg wegen des Aussspähens von Daten an. Christian C. hat Behr und Silke W. wegen möglicher Untreue angezeigt. Auch hier ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg.

Christian C. hat die EWE Netz wegen Betruges in den Arbeitsgerichtsprozessen angezeigt. Er hatte dabei auf Wiedereinstellung geklagt und zuletzt verloren, soll sich mit 90 000 Euro Abfindung zufrieden geben. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat die Ermittlungen nach Oldenburg abgegeben.

Christian C. will in einem Zivilprozess in Lübeck Schadenersatz und Schmerzensgeld von der EWE wegen der GPS-Überwachung fordern.

„Ziel der Beschattung waren meine Kunden und mein privates Umfeld aus vermutlich niederen Beweggründen, meine Familie und Freunde hatten Angst um mich. Hilfeersuchen an den Vorstand und den Aufsichtsrat waren erfolglos. Jetzt werde ich es gerichtlich aufklären“, sagt Christian C.

Berichte zur Führungskrise bei EWE im NWZ-Spezial

Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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