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NWZonline.de Region

Aussagen der Zeugen lassen Kliniken schlecht dastehen

30.01.2015

Oldenburg /Delmenhorst Der Vorsitzende Richter zweifelt lautstark an der Zeugin. „Das ist doch das entscheidende. Andere Sachen wissen sie genau, aber das wissen sie nicht“, grummelt Sebastian Bührmann, als die ehemalige Pflegedienstleiterin des Klinikums Oldenburg wieder einmal eine Antwort schuldig bleibt. „Das ist mir nicht eingängig“, sagt Bührmann, „ich habe Zweifel“ und „diesen Teil verstehe ich nicht“.

Minutenlang geht das am Donnerstag vor dem Landgericht Oldenburg so. „Es ist nicht einfach, Ihnen hier gegenüber zu sitzen“, meint die Zeugin noch kleinlaut, bevor sie die Schotten ganz dicht macht.

Nicht nur der Vorsitzende Richter dürfte sich von Aussagen der früheren Pflegedirektorin einiges versprochen haben. Was hat Ex-Krankenpfleger Niels Högel in seiner Zeit im Klinikum Oldenburg zwischen Mitte 1999 und Ende 2002 angestellt? Warum wurde er intern versetzt? Warum mit einem Top-Zeugnis entlassen? Viel schlauer ist Bührmann nach dem merkwürdigen Auftritt der Zeugin wohl nicht.

„Ungutes Gefühl“

Diese war als Pflegedienstleiterin damals Vorgesetzte von Högel, will aber von den ganzen Vorgängen fast nichts mitbekommen haben. Die Zeugin bestreitet, dass der ehemalige Chefarzt der Herzchirurgie sie über Högels auffälliges Verhalten informiert hat. Es habe nie ein Gespräch über den Pfleger gegeben. Trotzdem wird Högel 2001 in die Anästhesie versetzt. Auf eigenen Wunsch, wie die Zeugin betont.

An Probleme mit dem Krankenpfleger kann sie sich erst 2002 erinnern. Von einem „unguten Gefühl“ spricht die Ex-Pflegedirektorin. Und davon, dass Högel häufig bei Reanimationen dabei war. Eigentlich kein Entlassungsgrund, möchte man meinen. Trotzdem, erklärt die Zeugin, sei sie sich damals mit dem Chefarzt der Anästhesie einig gewesen: H. muss weg.

Auf die Frage des erstaunten Richters Bührmann, warum der Arzt das Entlassungsgespräch geführt habe und nicht sie als Vorgesetzte, meint die Zeugin nur: „Es war alles so schlimm. Wenn ich noch mal einen solchen Fall hätte, würde ich es anders machen.“

Am Ende einigen sich Klinikum und Högel auf eine Aufhebung des Vertrages zum 31. Dezember 2002. Der Krankenpfleger bekommt ein Top-Zeugnis ausgestellt und bewirbt sich damit erfolgreich am Klinikum Delmenhorst. „Ich kann doch in ein Zeugnis nichts Negatives schreiben“, argumentiert die Ex-Pflegedienstleiterin.

Im Klinikum Oldenburg sollen zwölf Patienten durch eine Überdosis Kalium gestorben sein. Högel bestreitet seine Schuld. Der 38-Jährige hat indes 90 Tötungsversuche im Klinikum Delmenhorst in den Jahren 2003 bis 2005 zugegeben. Bis zu 33 Patienten will er mit dem Herzmedikament Gilurytmal getötet haben.

Die Aussagen am Donnerstag werfen auch wieder ein schlechtes Licht auf das Klinikum Delmenhorst. Eine Zeugin, damals stellvertretende Stationsleiterin auf der Intensivstation, bekommt eines Tages Beweise gegen Högel in die Hand. Ein Pfleger findet in einem Patientenzimmer leere Ampullen Gilurytmal. Alles passt: Högel hat Dienst, das Medikament ist nicht angeordnet, ein Reanimation wird notwendig.

Die Krankenschwester übergibt die Beweisstücke ihrem Vorgesetzten. Doch der schnauzt sie an: Sie solle sich zurücknehmen, ihre Kompetenzen nicht überschreiten. Er werde sich kümmern. „Ich fand die Antwort nicht gut. Ich habe mich sehr darüber geärgert“, sagt die Zeugin.

Hat sich der Stationsleiter gekümmert? Zunächst passiert nichts. Einige Wochen später wird Högel auf frischer Tat ertappt, von der Polizei festgenommen, vom Krankenhaus entlassen. Es ist Juli 2005. Etwa fünf Jahre sind vergangenen, seit der Pfleger im Klinikum Oldenburg zum ersten Mal auffällig wurde.

Beweisaufnahme endet

Richter Bührmann hat sich nach der letzten Zeugin wieder abgeregt. Er will den aktuellen Prozess möglichst noch im Februar zu Ende bringen. Högel ist wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs angeklagt. In der kommenden Woche soll als letzter Zeuge ein ehemalige Apotheker des Klinikums Oldenburg aussagen, der auch für die Medikamentenbelieferung des Klinikums Delmenhorst zuständig war.

Am Donnerstag sagte auch eine Ex-Freundin von Högel unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. In zwei Wochen soll das Gutachten des Gerichtspsychiaters über den Ex-Krankenpfleger vorliegen. Dieser Expertise kommt möglicherweise entscheidende Bedeutung zu, weil H. bislang nur gegenüber dem Sachverständigen ein Geständnis abgelegt hat.

Damit es im Prozess wirksam wird, muss er es vor der Kammer bestätigen. „Am 12. Februar werde ich sie fragen, ob das ihre Einlassung zur Sache sein soll und ob sie weitere Angaben machen wollen“, sagt Bührmann am Ende des Prozesstags zu Högel.

Danach könnte die Beweisaufnahme geschlossen werden. Für Ende Februar oder Anfang März – ein halbes Jahr nach Prozessbeginn – wird das Urteil erwartet.

Die Durchsuchungen im Klinikum Delmenhorst dürften bereits auf mögliche weitere Mordprozesse gegen Niels Högel zielen. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln derzeit noch in bis zu 200 Todesfällen an den Arbeitsstätten des Ex-Pflegers. In Delmenhorst seien wichtige Akten beschlagnahmt worden, hieß es.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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