Roffhausen/Wilhelmshaven/Frankfurt - Nein – sie ließen sich nicht beeindrucken. Weder Demonstranten noch Politiker konnten auf sie einwirken, und selbst die Drohung der mächtigen IG Metall, es werde „Unruhen“ in allen Werken bei Daimler-Benz geben, lief ins Leere. Nüchtern und kühl beschlossen die Mitglieder des Aufsichtsrats der AEG Aktiengesellschaft den Rückzug aus der Bürotechnik. Auf einer Sondersitzung am 9. Dezember 1991, also vor genau 30 Jahren, wurde in Frankfurt festgelegt, dass die AEG-Tochter Olympia alle Entwicklungs- und Fertigungsaktivitäten einstellen werde.
Schock für die Region
Für die 2700 Beschäftigten im Olympiawerk Roffhausen war die Entscheidung ebenso ein Schock wie für die gesamte Region Friesland-Wilhelmshaven. So sicher hatten sich alle gefühlt, Olympia galt als wirtschaftlicher Leuchtturm an der Küste, geborgen im großen Konzerngeflecht der Muttergesellschaft Daimler-Benz – da werde es doch Möglichkeiten geben, die für die Region so wichtigen Arbeitsplätze zu sichern. Auch wenn Olympia längst nicht mehr die bedeutende Weltmarke war, die weltweit etwa 20 000 Menschen beschäftigte – mit bedeutenden Produktionsstätten beispielsweise in Mexiko.
Darum ging es damals
Das einstmals so kraftvolle Unternehmen hatte allerdings im Laufe der Jahre Stück für Stück an Bedeutung und Wirtschaftskraft verloren, war angesichts andauernder Verluste immer weiter geschrumpft, hatte im verzweifelten Versuch der Gegensteuerung versucht, mit immer neuen Vorständen aus der Dauerkrise zu kommen. Vergebens.
Selbst die Überlegung, mit der Produktion von Kaffeemaschinen aus der Krise zu kommen, war nicht erfolgreich – und das Flaggschiff des Konzerns, die legendäre Olympia-Schreibmaschine, war inzwischen durch Computer und Laptops verdrängt worden und verschwand in der globalen Bedeutungslosigkeit. Für den mächtigen Daimler-Benz-Konzernchef Edzard Reuter in Stuttgart war Olympia zu einem lästigen, störenden Pickel am Rande seines Riesenreichs geworden.
Kampf der Olympianer
Die Region stand auf, als Reuters Pläne, Olympia entweder zu veräußern oder aber plattzumachen, bekannt wurden. Alle und alles wurde mobilisiert, um auf den Stuttgarter Riesen einzuwirken, sich zu seiner regionalen Verantwortung an der Nordseeküste zu bekennen.
Doch die Proteste blieben wirkungslos. Weder Politiker noch Beschäftigte wurden in den Chefetagen gehört. Selbst eine Mahnwache vor der Konzernzentrale in Stuttgart blieb wirkungslos. Wie weit entfernt die Küste von Edzard Reuter war, zeigte ein Eintrag von ihm im Gästebuch der Mahnwache: Er schrieb dort von Wilhelmshafen – mit einem f!
Im Sonderzug nach Frankfurt fuhren zahlreiche Olympia-Mitarbeiter, um im Dezember 1991 vor der AEG-Zentrale für den Erhalt der 2700 Arbeitsplätze in Roffhausen zu demonstrieren. Insgesamt gab es 2000 Demonstranten.
Mit Weihnachtsliedern und Gedichten formulierten sie ihre Sorgen: „Alle Jahre wieder – zittern uns die Glieder“ oder „Hoch vom Norden kommen wir her – und wollen euch sagen, wir haben bald keine Arbeit mehr“.
Eine kleine Wende
Zu einer kleinen Wende kam es im Februar nach dem Schließungsbeschluss. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann verbündete sich mit Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder. Beide übten öffentlichen Druck auf Reuter aus – mit dem Ergebnis, dass sich Daimler-Benz finanziell am Aufbau des Technologie Centrums Nordwest beteiligte.
Und die legendäre Schreibmaschine sorgte später noch einmal für Aufsehen, als der russische Geheimdienst einen größeren Posten kaufte – weil sie sicher gegen Hacker-Angriffe ist.
