Oldenburg - Ein Interview mit Patientenmörder Niels Högel hat eine Kontroverse zwischen Patientenschützern und Betroffenen einerseits und der Mediengruppe RTL andererseits ausgelöst. Die Dokuserie „Der Todespfleger“ biete Högel genau das, wonach er strebe: Befriedigung seiner Geltungssucht, sagte der Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, Johann Kühme.
In einem Sachbuch, das ebenfalls „Der Todespfleger“ heißt, gehen die früheren NWZ-Journalisten Karsten Krogmann und Marco Seng der Frage nach, warum Niels Högel zum größten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte werden konnte. Die mit dem renommierten Theodor-Wolff-Preis ausgezeichneten Reporter recherchierten in den Kliniken Delmenhorst und Oldenburg, sprachen mit Angehörigen und schildern nun den Fall mit bisher unbekannten Fakten in ihrem Sachbuch. Trotz gleichlautenden Titels hat es nichts mit der RTL-Serie zu tun.
Das Taschenbuch (Goldmann-Verlag, 320 Seiten) ist am 20. September erschienen und auch im Nordwest-Shop für 15 Euro erhältlich.
Der Vorsitzende der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte, die „öffentliche Zurschaustellung eines Serienmörders“ in dieser Weise sei „nicht hinnehmbar“. Er forderte RTL auf, die Serie zu stoppen. Der frühere Chefreporter der NWZ, Karsten Krogmann, kritisierte, ein Interview bringe „null Erkenntnisgewinn“. Högel sei „gutachterlich bescheinigt ein notorischer Lügner“, sagte Krogmann, der zur Opferhilfevereinigung „Weißer Ring“ gewechselt ist. Krogmann, der in der Doku als Fachmann für den Fall Högel auftritt, sagte, er habe unter der Bedingung zugesagt, dass Högel selbst keine Bühne erhält. Er empfinde jedes weitere Wort von Högel als Verhöhnung der Opfer.
Die Polizei hatte vertraglich vereinbart, dass sie nur mitwirkt, wenn Högel nicht zu Wort kommt. Nachdem das Interview bekannt geworden sei, habe er verfügt, dass alle Szenen mit der Polizei entfernt werden, sagte Kühme.
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RTL weist die Kritik zurück. Alle Interviewpartner seien vorab über das O-Ton-Interview informiert worden; dazu hätten sie Einverständnis erteilt. Das Högel-Interview diene der „journalistischen Ausgewogenheit“. Der Medienwissenschaftler Matthias Rath von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg habe die Produktion begleitet. Der frühere Högel-Kollege Matthias Corssen aus Ganderkesee, ein Überlebender der Mordserie, äußerte sich „entsetzt“. Er habe „klar gegen das Högel-Interview protestiert“. Er und andere Betroffene prüften Schadenersatzforderungen.
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