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NWZonline.de Region

Selbst die Creme riecht im Knast anders

20.04.2013

Oldenburg Die Matratze: viel härter als die eigene. Die Wandfarbe: gelbeTupftechnik. Der gelbliche Heizkörper: sind da Blutflecken drauf?Der Blick vom Bett aus: Stacheldraht. Dieser Geruch: völlig andersals in der vertrauten Umgebung. Er setzt sich fest in Haaren undKleidung. Selbst die eigene Creme riecht plötzlich anders. DieFreiheit – die gibt es nicht mehr.

Jurastudium hinter Gittern

60 Jurastudenten und Doktoranden sowie rund 20 Universitätsangehörige und Professoren der Universitäten Greifswald, Hamburg, Göttingen und Münster schlüpften in Oldenburg unter weitgehend realistischen Bedingungen in die Rolle Strafgefangener.

Seit Schließung des alten Gefängnisses Ende März wurde nichts verändert.

Die Gäste besichtigten auch die Hauptanstalt an der Cloppenburger Straße sowie die Abteilung des offenen Vollzuges Wilhelmshaven. Zwei Seminareinheiten sowie Vorträge und Gespräche rundeten die Exkursion ab.

80 Jurastudenten, Doktoranden, Betreuer und Professoren von denUniversitäten Greifswald, Hamburg, Göttingen und Münster haben sichfür diesen Freiheitsentzug, den schwersten Eingriff des Staates demBürger gegenüber, entschieden. Auf Probe. Wenn sie an diesemSonnabend aus der alten Justizvollzugsanstalt (JVA) Oldenburg wiederentlassen werden, liegen drei Nächte in den etwa 8 m² großenHafträumen hinter ihnen. Es sind die Hafträume, in denen bis zurSchließung der Anstalt die echten Strafgefangenen untergebrachtwaren. Die bislang in Deutschland einmalige Veranstaltung ist eineIdee des Anstaltsleiters Gerd Koop und Professor Peter Wetzels vonder Universität Hamburg.

Gefühl für Strafmaß

„Es ist wichtig, ein Gefühl für die Freiheitsstrafe zu haben“,sagt Carina Lutter. Die 22-Jährige studiert Jura im sechstenSemester in Hamburg. Als sie sich am Morgen für die Exkursion fertiggemacht hat, hat sie sich in ihrem Badezimmer umgeguckt. „Hier istes ja schon ganz schön. . .“, hat sie gedacht. Nun, in der JVA, musssie sich mit einem kleinen Waschbecken in ihrem Haftraum begnügen;die Toilette ist durch einen Vorhang abgetrennt. Mit 30 anderenFrauen muss sie sich einen Duschraum mit drei Duschen teilen. JederHäftling hat sein eigenes Geschirr im Haftraum, das er zu denEssensausgaben um 6.45, 12 und 19 Uhr mitbringt. Ein Glockenschlagkündigt die jeweilige Mahlzeit an. Gegessen wird im Haftraum oder inder gemeinsamen, gut ausgestatteten Stationsküche. Für den Abwaschist jeder selbst zuständig.

„Ihren Personalausweis, bitte“: Ein Stück seiner Identität mussjeder Häftling nach Betreten der Schleuse abgeben – für die gesamteDauer des Aufenthalts. Stattdessen gibt es eine ID-Karte. Fast wieeine neue Identität. „Da steht auch Ihre Haftraum-Nummer drauf,falls Sie sich verlaufen“, sagt Thomas Gerdes. Er ist derDienstleiter hier an der Gerichtsstraße. Wie alle anderenJustizvollzugsbeamten steht er den Häftlingen auf Probe für Fragenzur Verfügung.

Zwei Schleusen-Schritte weiter lächelt Sylvia Schaar denNeuankömmling an und stellt seine Tasche auf den Stuhl vor sich.„Ich heiße Sie willkommen. Haben Sie verbotene Gegenstände dabei?“Was ist denn alles verboten? Schaar holt Luft und legt los: „Parfum,Schlüssel, Handy, Laptop, Kamera. . .“ Während sie aufzählt,inspiziert sie bereits das Taschen-Innere. Fischt eineGesichts-Reinigungsmilch aus der Tasche („Die könnte Alkoholenthalten“) sowie eine Packung Teebeutel („Ich weiß nicht, was hiergenau drin ist. Es gibt auch Leute, die Schwarztee rauchen.“) Mitdem Hinweis: „Sie werden bei uns komplett versorgt“ würde sie sowohlReinigungsmilch als auch Tee einbehalten. Für ihre besonderenHäftlingen drücken die Beamten an diesem Tag aber ein Auge zu. Vorallem den Laptop dürfen die Studenten behalten; schließlich liegenauch Seminare vor ihnen, für die sie Präsentationen vorbereitenmüssen. Für das Handy-Verbot gibt es allerdings keine Ausnahme.Carina ist optimistisch: „Vielleicht ist es mal ganz gut, so ohneHandy.“

22 Uhr, Zeit für den Nachteinschluss. Das Klirren der Schlüssel,das Zuknallen der schweren Metalltüren hallt die langen Flureentlang. 16 Quadrate sind es, die das schräg von außen einfallendeorangefarbene Licht an die Wand des Haftraums wirft. 4 mal 4 durchden Schatten der Gitter voneinander abgetrennte Quadrate.

Einsame Stille

Einerseits ist es still. Kein Autolärm. Keine Musik. KeinFernsehen. Einsamkeit. Andererseits ist jedes Geräusch mit extremerIntensität zu hören. „Das Einschlafen war nicht so gut, das warschwierig“, sagt Carina, „man hört Schlüsselgeklirre, Schritte,Leitungen, die Toiletten, laufendes Wasser, immer mal wieder Türen.“Um 6 Uhr beginnt der Tag der Häftlinge. „Wir wurden sehr liebevollgeweckt“, sagt Jura-Studentin Lea Babucke. „Nicht ,wecken‘ –,Lebendkontrolle‘“, korrigiert Gerdes. Bereits bei der Begrüßung hater den Häftlingen nahe gelegt, ein Lebenszeichen von sich zu geben,wenn der Beamte am Morgen die Tür aufschließt, das Licht anknipstund „Guten Morgen“ sagt. „Sonst wird das Wecken hart.“


NWZ TV zeigt einen Beitrag unter   www.nwz.tv/oldenburg-stadt 
Mehr Bilder unter   www.nwzonline.de/fotos-oldenburg 
Jantje Ziegeler
Redakteurin
Online-Redaktion
Tel:
0441 9988 2157