Im Nordwesten - „Inklusion“ bedeutet im schulischen Bereich: „Schule für alle“. Kinder und Jugendliche derselben Jahrgangsstufe werden gemeinsam unterrichtet – egal, ob sie ein Handicap haben oder nicht. So ist der Plan in Niedersachsen, zum Schuljahr 2027/2028 die Förderschul-Modelle mit dem Schwerpunkt „Lernen“ auslaufen zu lassen. Das bedeutet: In diesem Jahr wurden voraussichtlich zum letzten Mal Schülerinnen und Schüler im 5. Jahrgang aufgenommen.
Für den Familiennewsletter „Familienzeit“ sind die Redakteurinnen und Redakteure der verschiedenen Landkreise tätig geworden und haben Informationen eingesammelt.
Stadt Oldenburg
Die Oldenburger „Förderschulen Lernen“ – Comeniusschule und Fröbelschule – mussten sich vor knapp zehn Jahren zur Schule am Bürgerbusch zusammenschließen. Nun verschwindet auch diese. Die Stadt hatte sich 2018 trotz der Widerstände auch aus der Schülerschaft gegen eine Verlängerung dieser Schulform entschieden. Zum Schuljahr 2020/2021 wurden die fünf neunten und zehnten Klassen – unter Coronabedingungen – von der Oberschule Ofenerdiek aufgenommen. Schüler mit dem Förderbedarf Lernen besuchen in Oldenburg künftig inklusiv arbeitende Regelschulen. Aber derzeit gibt es Bestrebungen, das Rad zurückzudrehen.
Landkreis Ammerland
Nach dem aktuellen Stand dürften im Jahr 2028 die letzten Schülerinnen und Schüler die Förderschule an der Goethestraße in Westerstede Schule verlassen. Eine Wahl für Eltern wird es dann nicht mehr geben, ihre Kinder mit Förderbedarf gehen dann auf Regelschulen. Der Leiter, Mark Rayner-Lorentzen, sieht das kritisch. Er hat nämlich die Erfahrung gemacht, dass teilweise Kinder zurückkommen, die zwischenzeitlich mal auf einer Regelschule waren. In Westerstede gebe es um die 20 bis 30 Kinder, die an einer Regelschule nicht unterrichtet werden könnten. Diese Schüler bräuchten einen beschützenden Rahmen, sagte er. Sollte die Förderschule Lernen tatsächlich 2028 schließen, müsse das zwingend bei dem Umbau der Oberschule in Westerstede beachtet werden. Doch im Ammerland gehen diesbezüglich die Meinungen auch auseinander.
Landkreis Friesland
Mit dem neuen Schuljahr 2022/23 beginnt das Ende der Förderschulen „Lernen“ in Friesland: Zum letzten Mal werden Fünftklässler mit diesem Förderbedarf in die Heinz-Neukäter-Schule Varel aufgenommen, in der Friedrich-Schlosser-Schule Jever wurden die letzten Mädchen und Jungen im Zweig „Lernen“ bereits entlassen – seit vier Jahren wurden keine Kinder mit diesem Förderbedarf mehr aufgenommen.
Das Auslaufen der Förderschulen habe laut Michael Voss, Vorsitzender des Kreiselternrats Friesland, bereits dazu geführt, dass Eltern sich gegen die Einschulung entscheiden.
Landkreis Oldenburg
Die Rektorin der Hunteschule in Wildeshausen, Martina Zahl, hofft noch darauf, dass durch einen politischen Wechsel auch die Förderschulen erhalten bleiben könnten. Durch das Laufzeitende sei es im Moment sehr schwierig, geeignetes Personal zu finden. Denn durch die ungeklärte Zukunft von Förderschulen fehle es auch an Sonderpädagogen mit diesem Schwerpunkt. Als Vorteil dieses Schulkonzepts sieht sie die kleineren Klassengrößen in Förderschulen. Außerdem sorgten diese für eine Entlastung des Schulsystems.
Landkreis Wesermarsch
Das drohende Aus der „Förderschulen Lernen“ ruft im Landkreis Wesermarsch immer mehr Eltern auf den Plan – und zwar nicht nur diejenigen, deren Kinder bereits eine solche Schule besuchen. Viele (noch) unbeteiligte Eltern fragen sich, welche Folgen der politische Wille nach mehr Inklusion für sie haben wird und ob sie sich schon in anderen Landkreisen nach passenden Förderschulen umschauen müssen. Im gesamten Kreis gibt es derzeit vier Förderschulen. Die Pestalozzischule in Brake sowie die Schule am Siel in Nordenham befinden sich in Trägerschaft des Landkreises. Träger der Paddstock-Schule, die Standorte in Brake und Ovelgönne hat, ist hingegen das CVJM-Sozialwerk Wesermarsch.
Und das Thema fängt eigentlich noch früher an: In Elsfleth gibt es eine Kita, in der 14 Muttersprachen gesprochen werden. Dass das so ist tun, ist auch Nadja Kirchner zu verdanken – sie arbeitet im Evangelischen Kindergarten Elsfleth und ist Fachkraft mit Fokus auf die Sprachfertigkeiten der Kinder. „Und die Sprache“, sagt Kirchner, „ist der Schlüssel zu allem.“ Deshalb ist auch der Einrichtungsleiter Kevin Blohm entsetzt, dass das erfolgreiche und wichtige Bundesprogramm der Sprach-Kitas zum Ende dieses Jahres auslaufen soll.
