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NWZonline.de Region

Von der Kirche mit den zwei Leben

12.02.2019

Großenkneten /Garrel Eine schmale Straße führt knapp vier Kilometer zu den Ahlhorner Fischteichen. Über einen der Teiche hinweg ist auf der linken Seite bereits aus der Ferne ein Blick auf das Blockhaus Ahlhorn, zugehörig zur Gemeinde Großenkneten möglich. Doch erst vor Ort ist die schlichte, fast unscheinbare evangelische Kirche St. Petri zu den Fischteichen mit dem kleinen Dachreiter mit Glockenstuhl und Kreuz zu sehen – sie liegt ein wenig abseits, rechter Hand der Zufahrtsstraße.

„Die Glocke des kleinen Glockenstuhls kann nicht mehr geläutet werden“, sagt Ursula Tangen und deutet auf einen hölzernen Turm mit drei Glocken neben der Kirche, auf dem ein Hahn thront. „Der Turm wurde Anfang der 90er Jahre hinzugefügt und läutet heute zum Gottesdienst.“

Schlichtheit überzeugt

Seit 2013 ist Ursula Tangen Kirchenführerin. Die 72-Jährige kommt gebürtig aus Süddeutschland, zog vor rund zehn Jahren mit ihrem Mann nach Oldenburg. „Die Schlichtheit der Kirche hat mir sofort gefallen – und ihre spannende Geschichte“, sagt sie und betritt das Gotteshaus durch die linke Eingangstür „Es gibt zwei Eingänge, wahrscheinlich aus praktischen Gründen.“

Praktisch. Das passt auch zu der Kirche selbst, hat sie doch eine besondere Geschichte. „Die Kirche hat bereits einmal ihren Standort gewechselt.“ In den Jahren 1949/50 wurde sie in Steinfeld im Kreis Vechta aufgebaut und blieb bis 1964 in Betrieb. Damals wurde in Steinfeld eine größere, steinerne Kirche gebaut, da die Gemeinde stark angewachsen war. „Erst im Jahr 1982 wurde sie hier bei den Ahlhorner Fischteichen wieder aufgebaut“, sagt Ursula Tangen und betont: „Normalerweise bleibt eine Kirche über Jahrhunderte an ihrem Ort – der Umzug ist wirklich eine Besonderheit.“

Heimat für Flüchtlinge

Baugleiche Kirchen wie die am Blockhaus Ahlhorn gibt es insgesamt an noch etwa 19 anderen Standorten – alle aus dem gleichen Material. Eine davon steht auch heute noch in Garrel. „Sie wurden damals aus der Not heraus als Serie gebaut, was ihnen auch den Namen ,Notkirche‘ einbrachte, der heute aber nicht mehr verwendet wird“, erklärt Ursula Tangen, die sie als „Fertigkirche“ bezeichnet.

Die Gotteshäuser sollten damals Flüchtlingen und Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs eine neue Heimat geben – insbesondere wenn sie als protestantische Gläubige in katholischem Gebiet angesiedelt wurden.

Nach Steinfeld kamen damals rund 1700 Flüchtlinge und Heimatvertriebene – rund 1000 von ihnen waren Protestanten. Sie kamen aus Niederschlesien, Ostpreußen oder Pommern, waren oftmals aus Großstädten wie Breslau geflüchtet. „Die meisten Katholiken im Oldenburger Münsterland hatten keine Erfahrung im Umgang mit Protestanten oder urbanen Gepflogenheiten“, sagt Ursula Tangen. Und die Heimatvertriebenen hatten in der katholischen Gegend keine Möglichkeit, sich zu treffen. „Sie wohnten in Holzbaracken oder wurden einquartiert. Es war erschütternd. Doch sie wollten eine evangelische Heimat haben“, erzählt die Kirchenführerin.

„Für mich hat das einen starken symbolischen Wert“, sagt sie. Die Kirche könne bewegt und dorthin mitgenommen werden, wo sie benötigt werde. Somit stand auch bald das Thema für ihre Kirchenerkundung fest: „Die zwei Leben dieser Kirche“. Der Zielgruppe, Tagungsgäste, würde sie zunächst eine Frage stellen, sagt Ursula Tangen: „Wie würde es mir gehen, wenn ich damals hier angekommen wäre?“ So würden Gefühle wie Zusammenhalt entstehen. „Eventuell könnte man auch eine Brücke zur heutigen Zeit schlagen. Es ist eine Kirche, die umgezogen ist – sie ist ein Kind ihrer Zeit.“

Schließlich sei der Architekt Otto Bartning (1883-1959) auf den Plan getreten. „Der spätere Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier fragte ihn, ob er ein Notkirchenprogramm entwerfen könne“, sagt Ursula Tangen. Er habe mehrere Varianten für Kirchen in zerstörten Städten entworfen und zwei Varianten entwickelt: das „Gemeindezentrum Typ D“ und die „Kapelle“ für Diasporagemeinden.

„Die Gemeinden mussten nur Grundstück und Sockel zur Verfügung stellen“, sagt die 72-Jährige. Wieder kommt einem das Wort „praktisch“ in den Sinn. „Der Architekt wollte kostengünstig bauen – die Kirche St. Petri wurde vom lutherischen Weltbund gestiftet.“ Die Bauteile wurden dann vor Ort von Zimmerleuten aufgebaut und mit einem Kran aufgestellt. „Alle Kirchen haben durch ein umlaufendes Lichtband mit Fenstern eine Erhöhung.“ Je nach Vermögen der Gemeinde konnten anschließend Bänke, Klapptische, Altar, Pult oder ähnliche Einrichtungsgegenstände dazugekauft werden.

Einfache Elemente

„Dem Architekten waren vor allem drei Punkte wichtig: die künstlerische Gestaltung des Raumes, die Lösung funktionaler Probleme sowie die Suche nach einfachen Elementen und Systemen zur leichten Montage.“

Zeitsprung. 1982. Die Kirche wird auf dem Gelände Blockhaus Ahlhorn aufgebaut. In diesem Zusammenhang sei auch Geschichte des Blockhauses Ahlhorn wichtig, so Ursula Tangen: „Während des Dritten Reiches hat Gauleiter Carl Röver Gefallen an dem Gelände gefunden. Parteitage und Parteifeste haben hier stattgefunden. Nach dem Krieg hat die evangelisch-lutherische Kirche hier eine Jugendfreizeitstätte errichtet.

Auch der Innenraum der Kirche wirkt schlicht. Schmuck und Prunk sucht man hier vergebens. Der Boden und die Wände sind überwiegend aus Holz. Holzstühle mit grünen Kissen stehen in einem leichten Halbkreis, lassen sich nach Belieben anders platzieren. Auch die kleine Orgel, ein Flügel, die Prinzipalstücke wie Altar, Kanzel oder Lesepult, sowie die alten Klappläden sind aus Holz. Auf dem Altar steht ein schlichter Strauß mit blassrosa-farbene Tulpen. Zwei große weiße Stumpenkerzen brennen, die Bibel liegt geöffnet in der Mitte.

Ein besonderes Fenster

Sofort ins Auge fällt das große Fenster hinter dem mittlerweile ebenerdigen Altarbereich. „Das Fenster macht den Charme aus. Und es ist gleichzeitig Altarbild“, sagt Ursula Tangen. „Die Besucher sind mit der Natur, den Vögeln, Fischen und Schmetterlingen verbunden – viele bezeichnen es als das schönste Altarbild im Oldenburger Land. Alle Jahreszeiten lassen sich hier erleben. Im Gegensatz zu vielen Kirchen, die eine geschlossene Altarfront haben, gibt es hier eine Kommunikation mit der Außenwelt.“

In der rechten Ecke des Fensters hängt eine Friedenstaube mit einem Ölzweig. Auch das aus Sandelholz gefertigte Kreuz auf dem Altar, das nur in Umrissen erscheint, fügt sich in dieses Bild ein, bietet einen Blick hindurch auf den Fischteich. Auf die Ruhe der Natur rund um das Blockhaus Ahlhorn.

Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
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