Bremerhaven - Mit 17 hatte Thomas Popiesch keine Träume mehr: Der Eishockeyspieler wollte raus aus der DDR, dem Staat, der ihm die Freiheit nahm. Ein erster Versuch ging Anfang der 1980er schief – und endete im Gefängnis in Bautzen. Nach dreieinhalb Jahren Haft war Popiesch 21. An eine Eishockeykarriere war nicht zu denken, und auch sonst gab es keine Perspektiven mehr. Eine Flucht kam nicht mehr in Frage – doch dann bröckelte der Eiserne Vorhang in Ungarn. Heute ist der 54-Jährige Trainer des DEL-Clubs Fishtown Pinguins aus Bremerhaven.
Karriere bei Dynamo Berlin in Aussicht
Ost-Berlin, 1982: Thomas Popiesch besuchte die Kinder- und Jugendsportschule im Sportforum Berlin. Hier wurden die jungen Leistungssportler der DDR ausgebildet. Tagsüber Training, abends Schule. Popiesch hätte hier sein Abitur ablegen können, eine Karriere als Spieler bei Dynamo Berlin lag vor ihm – schon als 15-Jähriger hatte er mit der ersten Mannschaft trainiert. Für ihn hätte das geheißen: professionelle Bedingungen, gute Bezahlung und die Möglichkeit, auch ins westliche Ausland zu reisen. Ein Leben, das die meisten Menschen in der DDR so nicht führen konnten.
Doch dann waren da diese Mannschaftskameraden, die plötzlich nicht mehr zum Training kamen. Weil herauskam, dass sie Verwandte in der Bundesrepublik haben. Wer der Partei nicht passte, wer nicht mitzog, der flog. „Man musste entweder mitlaufen oder mit Konsequenzen rechnen“, sagt Popiesch heute. Und auch er selbst war der Stasi nicht ganz geheuer: Bei Turnieren in sozialistischen Bruderstaaten suchte er den Kontakt zu Spielern von Mannschaften aus dem Westen. Also waren Reisen mit dem Team in den Westen für ihn tabu.
„Die hatten den Verdacht, dass ich im Westen bleiben würde“, erinnert sich Popiesch. Und da er vermutlich auch in der Bundesrepublik auf der großen Eishockey-Bühne gespielt hätte, hätte seine Geschichte das Zeug zum Vorbild für andere junge Menschen in der DDR. Ganz unrecht hatte die Stasi mit ihrer Einschätzung wohl nicht: „Ich hätte es auch sofort gemacht“, sagt der 54-Jährige heute.
Als „Rädelsführer“ von der Flucht überzeugt
Also musste Popiesch in Berlin bleiben, wenn seine Mannschaftskameraden nach Schweden oder in die Schweiz reisten: „Das war letztlich der Auslöser für meinen Fluchtversuch.“ 1982 reiste er mit einem Freund in die Tschechoslowakei. Obwohl der in der Künstlerszene und in Kirchengruppen verkehrte und offener oppositionell war als der 17-jährige Eishockeyspieler, war es Popiesch, der ihn von der Flucht überzeugte. Als „Rädelsführer“ bekam er später deswegen ein halbes Jahr auf seine Haft draufgeschlagen.
Der Versuch, bei Bratislava nach Österreich zu laufen, scheiterte kläglich. Schon circa zwei Kilometer vor der Grenze lösten die beiden einen Alarm aus. Von den Grenztürmen schweiften die Suchscheinwerfer umher, Hunde bellten, und nach weniger als einer Minute kamen die Grenzsoldaten angerannt. Ihnen gegenüber standen Männer mit Maschinenpistolen und Hunde mit gefletschten Zähnen.
Es folgte ein Verhör vor Ort und der Transport nach Prag, wo schon DDR-Sicherheitsbeamten mit ihrer „Minna“, dem Wagen zum Gefangenentransport, auf sie warteten – „und danach sieht man eigentlich kein Tageslicht mehr“. Über Dresden ging es zur Untersuchungshaft im berüchtigten Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Das lag nur einen Kilometer vom Sportforum entfernt. Thomas Popiesch war wieder zu Hause – nur hinter Gittern.
Freikauf aus dem Westen als letzte Hoffnung
Nach zehn Monaten U-Haft wuchs die Hoffnung, das Gefängnis bald verlassen zu können: „Die Mundpropaganda sprach von einem bis anderthalb Jahren Haft für versuchte Republikflucht“, sagt Popiesch. „Und danach wollte ich mich freikaufen lassen.“ Seine Eltern arbeiteten mit einem West-Berliner Anwalt daran. Über 30.000 Häftlinge soll die Bundesrepublik von 1963 bis 1989 so aufgenommen haben – und die DDR-Regierung freute sich über zusätzliche Devisen. Doch der Urteilsspruch von dreieinhalb Jahren ließ die Hoffnungen zerrinnen.
Bis 1986 saß Popiesch in der Sonderhaftanstalt der Staatssicherheit in Bautzen. Er baute Kontakte zu Mithäftlingen auf, wobei auch dort Vorsicht geboten war. Hin und wieder schleuste die Stasi Mitarbeiter ein, die genau zuhörten. „Wenn du aber dort normal funktioniert hast, hast du deine Zeit abgesessen.“ Popiesch hoffte weiterhin auf einen Freikauf – doch dazu sollte es nicht kommen.
Als sich die Gefängnistore für den 21-Jährigen öffneten, überwog zunächst die Freude, wieder frei zu sein. So frei, wie man in der DDR eben sein konnte. Eine Perspektive fürs Leben hatte er zu der Zeit aber nicht mehr. Regelmäßig stellte er Ausreiseanträge. „Die haben versucht, mir das auszureden und mir Alternativen als billige Arbeitskraft angeboten“, doch das kam für Popiesch nicht in Frage. Ebenso wenig wie eine erneute Flucht: „Die Erinnerung an die Haft war noch zu frisch.“
Schlupfloch Ungarn öffnet sich
Das änderte sich Ende 1988, als sich herumsprach, dass die Grenzsoldaten in Ungarn nicht mehr auf Flüchtlinge schießen würden. Im Februar 1989 kündigte Ungarn zudem den Abbau des Stacheldrahtzauns an der Grenze zu Österreich an. Popiesch beantragte ein Visum nach dem anderen – vergebens. Den Behörden muss wohl klar gewesen sein, dass der verurteilte Republikflüchtling eher wenig Interesse an der ungarischen Sonne hatte.
Im April 1989 bekam er völlig unerwartet doch sein Visum – „vermutlich eine Verwechslung“, schätzt Popiesch. Sofort machte sich der 23-Jährige auf den Weg: „Ich hatte Angst, die bemerken ihren Fehler und machen ihn rückgängig.“
Popiesch sah die Flucht über Ungarn als letzte Chance an. Ein Bekannter aus dem Gefängnis, der mittlerweile in den Westen geflohen war, traf ihn in Budapest, berichtete, dass erst in der vergangenen Woche drei Menschen die Grenze überquert hätten. Popiesch musste abwägen: mit geringerem, aber immer noch vorhandenem Risiko die Flucht wagen oder ein Leben lang ohne Perspektive und Freiheit in der DDR weiterleben.
Zweiter Versuch – diesmal erfolgreich
Schließlich wagte er es: Popiesch fuhr zur Grenze, circa 150 Kilometer von Wien entfernt – wo genau, weiß er heute nicht mehr. Nach Anbruch der Dunkelheit lief er los, ohne Karte, schlug sich durchs Dickicht, kletterte über Zäune, überquerte Bäche und fiel in den Fluss. Nach fünf, sechs Stunden stand er auf einem leeren Feld und hatte die Orientierung verloren. Durchnässt und frierend, kletterte Popiesch auf einen Hochsitz in der Nähe – und schlief ein.
Als die Sonne aufging, fiel Popiesch ein Förster mit einem Gamsbart am Hut auf. „Das muss ein Österreicher sein“, dachte er sich. Die beiden Männer kamen ins Gespräch, und tatsächlich: Popiesch war in Österreich angekommen. Der Förster nahm ihn mit zu sich nach Hause, gab ihm etwas zu essen, ein wenig Geld und spendierte ein Bad. Und er klärte auf: Auch die ungarischen Förster tragen Gamsbärte am Hut.
Popiesch hatte es geschafft: Er war im Westen angekommen. In der Folge legte er tatsächlich – obwohl er sieben Jahre lang nicht mehr auf hohem Niveau gespielt hatte – noch eine ordentliche Bundesliga-Karriere im Eishockey hin. In seine frühere Heimat kehrte er erst nach der Wiedervereinigung zurück: „Ich habe dem Frieden nicht getraut“, sagt er. Auch die Bürgerrechtsbewegung und die Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 beobachtete er mit der Gewissheit, dass dies nicht lange gut gehen könnte: „Für mich war damals klar: Die werden Gewalt anwenden und hart dagegen vorgehen!“ Das Misstrauen saß tief nach sieben Jahren als Staatsfeind. Doch jetzt war er frei – und durfte endlich wieder träumen.
Thomas Popiesch 1996 im Trikot der Frankfurt Lions. Bild: Imago
