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NWZonline.de Region

Vergessenes Leid der deutschen Kinder

05.04.2013

Wardenburg /Cuxhaven /Kopenhagen Die toten Kinder aus Deutschland ruhen im südlichsten Winkel des Vestre Kirkegård, weit weg von den Prominentengräbern des Polarforschers Knud Rasmussen oder des Jazztrompeters Thad Jones. Ihre Namen sind in grauen Granit geritzt: Irmgard, sie starb am 21. April 1945 mit zweieinhalb Jahren. Wolfgang, gestorben mit eineinhalb Jahren. Marianne, gestorben mit zweieinhalb Jahren. Manfred, gestorben mit zwei Monaten.

2296 deutsche Kinder unter fünf Jahren liegen hier begraben – und das sind nur die Toten von Kopenhagen.

Flucht von Rügen

In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 traf der Luftwaffenhauptmann Ernst Greßmann in der Militärsiedlung Dranske auf Rügen mit seinen Kameraden eine Abmachung: Wenn die Rote Armee anrückte, müssten sie seine Familie sofort nach Dänemark ausfliegen. „Wir hatten grauenhafte Geschichten von den Russen gehört“, erinnert sich Ingelore, Greßmanns älteste Tochter; sie war damals sieben Jahre alt.

Am 4. Mai 1945 hob der Seefernaufklärer BV 138 vom Flugplatz Bug ab, um drei Frauen und fünf Kinder nach Kopenhagen in Sicherheit zu bringen. Das jüngste Kind, Holger Greßmann, war erst sechs Wochen alt.

Insgesamt 250 000 Deutsche flohen in den letzten Kriegsmonaten ins besetzte Dänemark; zumeist waren es Frauen, Kinder und Alte. 13 500 von ihnen sollten allein 1945 in einem dänischen Flüchtlingslager sterben, an Keuchhusten, Durchfall oder Unterernährung. Mehr als die Hälfte der Toten war noch nicht einmal fünf Jahre alt.

Das „Kanal Caféen“ von 1852 liegt in Kopenhagen gleich gegenüber der Christiansborg, dem dänischen Parlament. Hier treffen sich gern die Abgeordneten zum Smørrebrød, aber jetzt sitzt Dr. Kirsten Lylloff zwischen den Segelschiffsmodellen vor Hering und Krabben auf Schwarzbrot. Lylloff, eine Kinderärztin, ist früher oft auf dem Friedhof an den deutschen Kindergräbern vorbeigegangen: Edeltraut, gestorben mit zwei Jahren. Edda, gestorben mit zweieinhalb Jahren. Karl-Heinz, gestorben mit dreieinhalb Jahren. „Ich fragte mich: Was war der Fluch dieser Kinder? Warum mussten sie alle so früh sterben?“, sagt Lylloff. Karl-Heinz war im selben Jahr geboren worden wie sie, 1941.

Sie forschte und fand heraus, dass sich noch niemand in Dänemark die Mühe gemacht hatte, die toten Kinder zu zählen. Es gab einige Schriften über jene Jahre, die meisten referierten die offizielle Haltung der dänischen Flüchtlingsverwaltung: Wir haben den deutschen Flüchtlingen geholfen.

„Das“, sagt Kirsten Lylloff und lächelt bitter, „war nicht die volle Wahrheit.“

Hinter Stacheldraht

„Hohe Zäune“, erinnert sich Ingelore Greßmann, die seit ihrer Hochzeit mit dem Wardenburger Hans J. Ryszewski Ingelore Ryszewski heißt. „Und Wachtposten gab es, die Lager waren Tag und Nacht bewacht.“

Regel 27 im „Ordnungsreglement für deutsche Flüchtlinge“, erlassen im Juli 1945 vom Königlichen Dänischen Arbeits- und Sozialministerium, lautet: „Es ist den Flüchtlingen verboten, das Lager zu verlassen.“

„Wir kamen nie raus“, sagt Ingelore Ryszewski. Außer, wenn sie wieder einmal in ein neues Flüchtlingslager verschickt wurden: nach Esbjerg, Aalborg, Nyborg. Zunächst gab es über 1000 kleine Lager, ab 1946 sammelte man die Flüchtlinge in 120 größeren Lagern.

Die Steckrübensuppe war dünn, erinnert sich Ingelore Ryszewski. Einmal schwamm eine Maus darin.

Dann wurde Mutter Greßmann schwer krank: Gelbsucht. Die Leute im Lager richteten ihr ein Strohlager her. „Einen Arzt“, sagt ihre Tochter, „haben wir nie gesehen.“

Kirsten Lylloff fand weitere Papiere. Sie dokumentierten, dass die dänische Ärzte-Vereinigung sich geweigert hatte, deutsche Flüchtlinge zu behandeln.

Lylloff zählte die Toten: Von den Flüchtlingskindern unter fünf Jahren starb ein Drittel, von den Flüchtlingskindern unter einem Jahr fast jedes. Insgesamt starben weit mehr deutsche Flüchtlinge in dänischen Lagern als Dänen im Zweiten Weltkrieg.

„Das war die größte humanitäre Katastrophe in der neuern dänischen Geschichte“, stellte Lylloff fest.

Heftige Kritik

Als Kirsten Lylloff 2005 ihre Doktorarbeit „Kind oder Feind“ am Historischen Institut der Universität Kopenhagen vorstellte, wurde sie „heftigst attackiert“, wie sie sagt.

Die erste Reaktion ihrer Kritiker lautete: alles Lüge. „Aber nach einigen Monaten mussten sie zugeben, dass meine Fakten stimmten“, sagt Lylloff.

Die zweite Reaktion war: Die Kinder seien an den Folgen der entbehrungsreichen Flucht gestorben. „Aber sie starben ja nicht nach der Flucht, sondern viel später in den Lagern“, so Lylloff.

Es folgte die dritte Reaktion der Kritiker: Wir konnten den Flüchtlingen nicht besser helfen, wir hatten nach der deutschen Besatzung doch so viel mit uns selbst zu tun.

Kirsten Lylloff kam zu einem anderen Schluss: „Der Grund war unglaublicher Hass auf die Deutschen!“ Viele Ärzte hatten sich im Widerstand gegen die deutschen Besatzer engagiert, etliche von ihnen waren erschossen worden. „Jetzt schlossen sie einfach die Augen“, sagt Lylloff. Ähnlich sei es bei vielen Politikern gewesen, sie wollten vor der Bevölkerung und den Alliierten auf keinen Fall als deutschfreundlich gelten.

Leben und spielen

Im November 1946, nach eineinhalb Jahren Lagerleben, konnte Familie Greßmann Dänemark verlassen. Sie hatte nichts mehr, als sie in Deutschland ankam, „sogar die letzte Handtasche mit Papieren hatten wir verloren“, sagt Ingelore Ryszewski. Dafür trafen sie in Deutschland ihren Vater wieder.

Heute lebt die 75-Jährige mit ihrem Mann, einem Hobbyhistoriker, in einem hübschen Reihenhaus in Cuxhaven, sie lacht sehr gern. „Wir waren Kinder“, sagt sie über das Lagerleben, „wir lebten und spielten.“ Sie habe viel geturnt, es gab Vorstellungen für die anderen Flüchtlinge. Mutter Greßmann bastelte aus Krepppapier Kostüme.

Das Wichtigste war: „Wir sind immer zusammengeblieben, drei Frauen und fünf Kinder. Die Erwachsenen haben uns von allem abgeschirmt.“ So haben alle überlebt, sogar Holger, der kleine Bruder – eine Ausnahme. „Wir hatten ihm ein Himmelbettchen gebastelt im Lager.“

Näher zusammengerückt

Dr. Kirsten Lylloff sagt, sie habe ihr Buch aus zwei Gründen geschrieben. Erstens: weil das alles wahr ist; „die Leute mussten das erfahren“.

Zweitens: weil die Menschen verstehen sollen, was in der Welt geschieht. „Wir fragen uns, warum so etwas wie auf dem Balkan oder in Afrika passieren kann? Wir haben doch das Gleiche getan!“

Inzwischen haben die Angriffe gegen sie nachgelassen. In diesen Tagen hat sie wieder eine Lesung in der Universität, es wird wohl voll werden. „Die Dänen haben die Lager als Teil ihrer Geschichte akzeptiert“, sagt Lylloff.

Gisela, gestorben mit zweieinhalb Jahren. Hildegard, gestorben mit fünf Jahren. Monika, gestorben mit elf Monaten. Sie wurden in Massengräbern beerdigt, ohne Sarg, Lylloff hat es auf alten Fotos der Friedhofsverwaltung gesehen. Damals lagen wilde Wiesen zwischen den dänischen und den deutschen Gräbern.

Aber der Kirkegård wuchs bald über die Wiesen hinaus, heute liegen Dänen und Deutsche näher beieinander. „Tyske Grave“ steht auf einem Schild; die Kriegsgräberfürsorge hat Granitkreuze aufgestellt. Immer öfter gehen hier Kopenhagener spazieren.

In Cuxhaven drängelt die Sonne auf die kleine Reihenhausterrasse, Ingelore Ryszewski lacht wieder. „Wir waren nur Kinder“, sagt sie noch mal. In Dänemark hat sie später gern Segelferien gemacht, „das war ein toller Urlaub“.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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