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Gastbeitrag Von heftigen Zahnschmerzen auf hoher See

Dr. Bernd Merkel

Zahnschmerzen stehen auf keinem Wunschzettel, am wenigsten, wenn sie zu Unzeiten, also abends und an Wochenenden oder an einem Ort auftreten, an dem weit und breit kein Zahnarzt verfügbar ist. Davon betroffen ist natürlich in starkem Maße das zur See fahrende Personal unserer Marine. Zwar fahren in den meisten Fällen Ärzte auf deutschen Kriegsschiffen mit, aber ein Arzt kann verständlicherweise nicht alle zahnärztlichen Probleme abdecken. Außerdem sind in den Schiffslazaretten die Instrumente und das Material für eine fachgerechte zahnärztliche Behandlung nur auf das Notwendigste beschränkt.

Die Folge problematischer, sehr schmerzhafter Zahnerkrankungen würde dann gegebenenfalls das außerplanmäßige Anlaufen eines Hafens notwendig machen, wenn es bei Überseefahrten überhaupt zeitnah möglich wäre. Das brächte wiederum den Ablauf einer detailliert geplanten Seefahrt durcheinander. So etwas musste verhindert werden. Die befohlene Reihenuntersuchung und notwendigste Behandlung vor längeren Seefahrten war und ist eine Maßnahme, der Einsatz von Zahnärzten an Bord eine andere.

So kam es 1958 zum Einsatz des ersten Marinezahnarztes (Oberstabsarzt Dr. M. Kultzen aus Wilhelmshaven) an Bord der jungen Bundesmarine. Ihm folgten zahlreiche aktive Zahnärzte, Zahnärzte der Reserve und später die ersten Zahnärztinnen.

1965 als junger Stabsarzt an Bord der „Rhein“

lm Sommer 1965 ging auch ich als junger Stabsarzt während meiner Wehrpflicht an Bord des Tenders „Rhein“ und begleitete den Schnellbootverband zu einer mehrwöchigen Schießübung vor Helgoland und anschließendem Besuch der belgischen Marine in Ostende. Während meiner Meldung beim Kommandanten auf der Brücke verewigte sich eine Möwe auf dem schneeweißen Kopfbezug meiner Mütze und sorgte für laute Lacher beim Brückenpersonals. Das war dann auch der einzige Anschiss, den ich an Bord erdulden musste.

Trotz einer zur damaligen Zeit noch spärlichen zahnärztlichen Ausstattung konnte ich meinen Einsatz erfolgreich durchführen. Die Luxus-Variante fand ich 1969 bei meinem viermonatigen Einsatz auf dem Schulschiff „Deutschland“ vor, dem damals größten Schiff der Bundesmarine. Die Zahnstation war mit einer kompletten zahnärztlichen Einheit und einem separaten kleinen zahntechnischen Labor ausgestattet. Zudem konnte ich auf einen Zahntechniker als Assistenz zurückgreifen.


Ich war nach meiner Wehrpflicht zunächst Zahnarzt in der zahnärztlichen Klinik der Universität in Frankfurt am Main und 1967, eine Woche nach meiner Hochzeit, bei den Marinefliegern in Tarp/ Eggebek an der dänischen Grenze auf der dortigen Zahnstation und später als Staffelchef der Marineflieger-Sanitätsstaffel tätig.

400 Marinesoldaten zahnärztlich versorgen

Das Angebot dieses Einsatzes während der 38. Auslandsausbildungsreise der „Deutschland“ mit attraktiven Häfen konnte ich einfach nicht ablehnen. Zahnärztlich zu versorgen waren neben der Stammbesatzung mehr als 100 Kadetten, insgesamt etwa 400 Marine-Soldaten. Vom zahnärztlichen Standpunkt bot diese Reise fast die gesamte Palette – angefangen bei zahnärztlichen Füllungen, Zahnsteinentfernungen, Spaltung von Abszessen, Restaurierung von Zahnfrakturen und Behandlung von Entzündungen in der Mundhöhle. Ein Patient musste sich nach dem Einlaufen in New York in einem Militärkrankenhaus einer Kieferhöhlenoperation unterziehen; die Nachbehandlung konnte dann an Bord vorgenommen werden.

Kurz vor Weihnachten lief die „Deutschland“ wieder ihren Heimathafen Kiel an. Frauen und Kinder empfingen ihre Männer und Väter mit großer Freude. Ich erinnere mich daran, dass mein einjähriger Sohn den „Fremden“ misstrauisch beäugte und auch meine Frau an der Identität ihres Mannes Zweifel hatte, da das gute Essen an Bord und auf zahlreichen Empfängen sowie die fehlende Bewegung an Bord sichtbare Zeichen hinterlassen hatte.

Das Schulschiff ist leider vor vielen Jahren außer Dienst gestellt worden. Dieses Platzangebot konnte kein anderes Schiff der Marine mehr darstellen. Die für Bordeinsätze konzipierte Bord-Zahnstation in drei großen Kisten erwies sich daher als wenig geeignet.

Röntgengerät und Standbohrmaschine

Nur Teile des Instrumentariums, das transportable Röntgengerät und die langsame Standbohrmaschine wurden mit Einschränkungen genutzt. Der Zahnarzt musste sich nämlich mit dem Arzt das kleine Schiffslazarett teilen. So testete ich bei meinem Einsatz auf dem Zerstörer „Rommel“ 1988 erstmals den Gerätekoffer „Transcare“ einer französischen Firma mit großem Erfolg. In diesem 35 mal 46 mal 17,5 Zentimeter großen Köfferchen war alles untergebracht, was ein Zahnarzt für eine fachgerechte Behandlung benötigt: eine normale Bohrmaschine, eine Turbine, ein Zahnsteinentfernungsgerät, Absauger und Luftbläser.

Als Behandlungsstuhl diente der OP-Tisch. Eine Halterung für den Behandlungskoffer fertigte vor dem Einsatz das Marinearsenal in Wilhelmshaven an. Von diesen Gerätekoffern wurden dann mehrere angeschafft und später von einem Gerät der Firma Siemens abgelöst. Damit gehörte das Image des Zahnarztes an Bord als „Badegast“ endgültig der Vergangenheit an.

Die zahnärztliche Behandlung auf schwankendem Boden, besonders bei rauer See und langer Dünung, ist sehr anstrengend und erfordert hohe Konzentration. Bei operativen Eingriffen drehte die Schiffsführung das Schiff jedoch kurzzeitig auf einen ruhigeren Kurs. Patienten der mit im Verband fahrenden Schiffe wurden von einem Kutter zur zahnärztlichen Versorgung gebracht. Seit 1998 sind bei vielen Schiffseinsätzen Einsatztruppenversorger der Berlin-Klasse mit Sanitätscontainern, darunter eine komplette zahntechnische Einheit, dabei. Der Schiffszahnarzt als Sanitätsoffizier wird bei Bedarf auch als Assistenz bei kleineren und größeren operativen Eingriffen eingesetzt.

Ich erinnere mich an einen Notfall auf einer Fregatte, der ein schnelles operatives Eingreifen notwendig machte. Ein Patient mit einem „akuten Bauch“ musste am späten Abend operiert werden, der Schiffsverband befand sich mitten im Atlantik auf dem Kurs nach Martinique – aber weit außer Reichweite eines Krankenhauses für den Bordhubschrauber.

Mit dem Hubschrauber direkt zur OP an Bord

Der Schiffsarzt der Fregatte war chirurgisch gut geschult; außerdem fuhr im Verband ein Reservesanitätsoffizier, Chefarzt einer Anästhesie-Abteilung eines zivilen Krankenhauses, mit. Ich und der Schiffsarzt der „Rommel“ wurden als Assistenz mit dem Hubschrauber abgeholt. Da der Zerstörer keine Plattform für den Hubschrauber hat, mussten beide Sanitätsoffiziere gewinscht werden. Das war in der Dunkelheit allein schon eine Herausforderung. Die nächtliche Operation verlief dann problemlos, sodass der Patient Tage später in ein Krankenhaus auf Guadeloupe, ein französisches Überseedepartments, verlegt werden konnte.

Flottenbesuch bei der russischen Marine

Der Höhepunkt als Bordzahnarzt, weniger aus zahnärztlicher Sicht, sondern wegen der Brisanz dieses Flottenbesuches, erlebte ich im Oktober 1989, als ich mit einem Flottenverband – bestehend aus dem Zerstörer „Rommel“, der Fregatte „Niedersachsen“ und dem Versorger „Coburg“ – als Gast der russischen Marine das damalige Leningrad (heute St. Petersburg) besuchte. Seit 1912 waren keine deutschen Kriegsschiffe mehr in einen sowjetischen Kriegshafen eingelaufen. Die Medien hatten darüber ausführlich berichtet. Besonders die Kranzniederlegung auf dem Ehrenfriedhof Piskarjovka mit einer Abordnung von 60 Marinesoldaten unter den Klängen von Chopins Trauermarsch hinterließ bei allen ein unvorstellbares Gänsehautgefühl, waren doch durch die fast zweieinhalbjährige deutsche Belagerung von Leningrad während des Zweiten Weltkrieges fast eine Million Menschen ums Leben gekommen, größtenteils durch Unterernährung.

Ein weiterer Höhepunkt

Für meine beiden ärztlichen Kollegen und mich war das Treffen mit den Kollegen des russischen Militärkrankenhauses auf der Halbinsel Kotlin ein weiterer Höhepunkt dieser Fahrt. Der Stützpunkt ist absolutes militärisches Sperrgebiet; selbst der deutsche Botschafter erklärte, dass er nicht die Möglichkeit bekäme, diesen Stützpunkt zu besichtigen. Ein Schiffsarzt und ich wurden vom Chefarzt des dortigen Militärkrankenhauses zu einer Besichtigung und einem Treffen mit den Leitenden Ärzten eingeladen.

Wodka: Attacke auf die Leber

Bei der gemeinsamen Besprechung war ein Politoffizier zugegen. Als Gastgeschenke hatte die deutsche Delegation umfangreiches Material (Einmal-Handschuhe, Einweg-Spritzen, Desinfektionsmaterial und andere medizinische Produkte) als Spenden deutscher Firmen mitgenommen. Diese Geschenke wurden dankbar angenommen. Einwegartikel fehlten überall. Die Herzlichkeit der Gastgeber war nicht mehr zu überbieten, eine Dolmetscherin war dabei. Ich erinnere mich noch sehr gut an das „Gelage“ im Chefarztzimmer, das durch den reichlichen Wodkaausschank zur Attacke auf die Leber wurde. Die Bemerkung eines russischen Arztes „Ihr seid ja genau solche Menschen wie wir“ zeigte, wie man an der Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Ländern interessiert war. Noch viele Jahre blieb der Kontakt über die Dolmetscherin bestehen.

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