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NWZonline.de Region

Missbrauch: Warum war sein Leben so mies, wie es war?

21.05.2014

Osteel Zuhause fühlt er sich hier nicht, „nein“, sagt Wolfgang Focke und lächelt nachsichtig, „das geht nicht, das geht nirgendwo“.

Aber frei kann er sich hier fühlen, manchmal wenigstens. Er lässt dann einfach alle Türen aufstehen, von der Küche zur Stube, von der Stube zur Hauswirtschaftskammer, von der Kammer nach draußen, denn draußen liegt ja Ostfriesland: Wiesen, Weiden, Weite, ein Fluchtweg bis zum Horizont. „Mich“, sagt Wolfgang Focke trotzig, „sperrt keiner mehr ein!“

Leid und Unrecht

Er war drei Jahre alt, als sie ihn das erste Mal einsperrten. Wolfgang, das Hungerkind, gezeugt von einem britischen Soldaten, „für ein paar Kartoffeln und ein bisschen Speck“. Wolfgang hieß damals noch Kowalewski mit Nachnamen, doch als Herr Kowalewski aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte und drei Kinder vorfand, die nicht seine waren, schmiss er sie alle raus. So kam Wolfgang ins Paulinen-Heim nach Detmold, und eine sehr lange Heim- und Gefängniskarriere begann.

Sehr viel später, im Jahr 2006, fragte sich Wolfgang Focke: Warum ist dein Leben eigentlich so beschissen verlaufen?

Etwa 700 000 bis 800 000 Kinder lebten in der Zeit von 1949 bis 1975 in westdeutschen Heimen. Die meisten dieser Heime, ziemlich genau zwei Drittel, waren in kirchlicher Hand, der Rest war in öffentlicher oder privater Trägerschaft. In vielen dieser Heime, so formulierte es der „Runde Tisch Heimerziehung“ nach zwei Jahren und zehn jeweils zweitägigen Sitzungen, sei den Heimkindern „Leid und Unrecht“ widerfahren. Der Runde Tisch kam zu dem Schluss, „dass das ,System Heimerziehung‘ große Mängel sowohl in fachlicher wie auch in aufsichtlicher Hinsicht aufwies“.

Arbeiten statt Schule

Bei Wolfgang Focke hört sich das so an:

Nach dem Paulinen-Heim der Diakonie („daran kann ich mich kaum erinnern“) kam er in das evangelische Erziehungsheim Loher-Nocken in Ennepetal. Da war der Heimleiter, der den Jungen beim Duschen am Penis herumfummelte und sie auf den nackten Hintern schlug.

Da war der Sohn des Heimleiters, der in der Schuhmacherei arbeitete und die Jungen auf Schlimmste vergewaltigte, wenn sie sein Typ waren. „Ich war sein Typ“, sagt Wolfgang Focke trocken.

Da war Schwester Gertrud, eine Diakonissin, die immer ihren Freund, den Lehrer holte, wenn es ums Bestrafen ging. Er zog den Jungen an den Ohren, bis sie bluteten.

In der Heimordnung stand: „Wir tun diesen Dienst gern und mit voller Hingabe, können aber nicht auf Zucht und Ordnung verzichten, die auch in jeder normalen Familie vorwalten müssen.“

Lesen und Schreiben brachten sie Wolfgang im Heim nicht bei. Sie schickten ihn stattdessen zum Arbeiten in die Gärtnerei.

Wolfgang wechselte auf den Martinshof, ein evangelisches Kinderheim in Dorlar. Seiner Mutter schrieben sie: „Sie können gewiss sein, dass Wolfgang es ebenso schön hat wie bei uns.“ In Dorlar arbeitete er zehn Stunden täglich auf dem Feld, der Bauer schlug ihn mit der Forke.

Das nächste Heim, der Buchenhof in Hiddenhausen, wieder eine Einrichtung der Diakonie. Wieder wurde Wolfgang Focke vergewaltigt, diesmal von den älteren Jungs. Die Diakone schlugen ihn, wenn sie es mitbekamen. Er versuchte zu fliehen, sie fingen ihn ein. Sie sperrten ihn in die Besinnungszelle.

Mit der Schule war er durch, Lesen und Schreiben konnte er immer noch nicht. Aber arbeiten, zum Beispiel in der Wurstfabrik. Am schlimmsten war es immer, wenn er im Schlachthaus die Tötungsbuchten reinigen musste; zentimeterdick klebte das Blut am Boden.

Noch eine Einrichtung, Eben-Ezer in Lemgo. Wieder missbrauchte man ihn, wieder musste er arbeiten. Im Stall. Im Steinbruch. Er drehte stundenlang Pferdeleinen. Er floh, 101-mal versuchte er es.

Irgendwann klaute er auf der Flucht ein Fahrrad und ein Mofa. Vor Gericht forderte der Staatsanwalt: „Trotz seines langen Heimaufenthalts hat er es sich nicht zur Warnung dienen lassen, er muss die volle Härte des Gesetzes spüren!“ Wolfgang Focke kam ins Gefängnis, zwei Jahre und neun Monate lang.

Im Gefängnis gab es Kirchenblätter. Wolfgang brachte sich das Lesen bei. Schreiben kann er bis heute nicht.

Er konnte: stehlen. Prügeln. Auf den Strich gehen. Zuhälterei. Heiratsschwindel. „Alles außer Mord“, sagt Wolfgang Focke. Insgesamt 20 Jahre seines Lebens verbrachte er nun in Gefängnissen.

Jetzt ist er 67 Jahre alt und sucht in Ostfriesland . . . ja was? Normalität?

Focke schüttelt den Kopf, „nee, ein normales Leben führe ich nicht“. Seine Rente ist klein, 320 Euro bekommt er; er hat ja nur wenig eingezahlt im Leben. Seine Sexualität sei sowieso kaputt, die Psyche angeknackst. „Geschlossene Räume ertrage ich nicht.“

Deshalb die Wiesen, Weiden, Weite, der Kreis Aurich. Aber immer wieder kommt die Vergangenheit durch die offenen Türen zu ihm, zum Beispiel als Zeitungsüberschrift zu einem Diakonissen-Jubiläum: „Fürsorge im Zeichen der weißen Haube“.

„Fürsorge, pah!“ Focke schnaubt. Schwester Gertrud, die blutenden Ohren? „Die brauchten unsere Arbeitskraft, und die geilen Böcke brauchten unsere Körper!“

Er will fair sein, „es gab bestimmt auch gute Diakone und Diakonissen. Mir sind sie leider nie begegnet.“

Ein hartnäckiger Mann

Zuerst ging der Knacki Focke in Rente. Er wurde Friedhofsgärtner. „Arbeiten konnte ich“, sagt er, „das habe ich ja gelernt im Heim.“

Nach zwölf Jahren ging dann auch der Friedhofsgärtner Focke in Rente. Und Wolfgang Focke stand vor besagter Frage: Warum war dein Leben so mies, wie es war?

Er reiste nach Ennepetal, zum Martinshof, zum Buchenhof, dort fand er die Antwort. Er wandte sich mit einer Petition an den Bundestag. Forderte Wiedergutmachung. Wurde eines der bekanntesten Gesichter der Heimkinder-Bewegung. Rechnete vor: 48 000 Euro stünden ihm zu für geleistete Arbeitstunden als Heimkind. Er sprach mit Politikern, Kirchenvorständen, Heimleitern. Wolfgang Focke ist hartnäckig. Wenn er mit einem Reporter spricht, ruft er ihn anschließend täglich an. „Brauchen Sie noch Informationen?“ Bis der Artikel erschienen ist. Ebenso hält er es mit Runde-Tisch-Vertretern.

Der Kampf geht weiter

2010 bedauerte der Runde Tisch Heimerziehung „zutiefst das Unrecht und Leid, das Kindern und Jugendlichen in Heimen zugefügt wurde“. Die Evangelische Kirche bat um Verzeihung, „Kirche und Diakonie sind schuldig geworden vor denen, die uns anvertraut waren, und vor Gott“, sagte Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider. Bund, Länder, Kirchen zahlten 20 Millionen Euro in einen Rentenersatzfonds ein und 100 Millionen in einen Fonds für Folgeschäden der Heimerziehung.

Wolfgang Focke erhielt 24 000 Euro für entgangene Rentenleistungen und 10 000 Euro für Folgeschäden. Die Evangelische Kirche von Westfalen sprach ihm 5000 Euro „in Anerkennung seines Leids als Betroffenem sexualisierter Gewalt“ zu. Die Lippische Landeskirche lehnte eine solche Zahlung ab.

Deutschland ist ein bürokratisches Land, es gibt Verfahrensregeln für die Gewährung dieser Leistungen. So muss es sich laut Abschnitt II, Ziffer 1, um „sexualisierte Gewalt durch Mitarbeitende einer kirchlichen Körperschaft“ gehandelt haben. Im Bereich der Lippischen Kirche waren es aber keine Mitarbeiter, sondern ältere Heimkinder, die Focke missbrauchten. Focke legte Widerspruch ein, zurzeit laufen weitere Prüfungen seines Falls. „Mein Kampf ist nicht zu Ende“, sagt er.

Wird er jemals aufhören? Wie viel Entschuldigungen, wie viel Geld braucht es, damit Focke Frieden findet?

„Das ist wie bei einer chronischen Krankheit“, sagt Wolfgang Focke: „Man kann sie nicht heilen, aber lindern.“

Das Geld, das er erstreitet, spart er. Für den Fall, dass es ihm mal wieder schlechter geht; das Leben war ja nie lange gut zu ihm.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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