Flechtorf - Das Visier seines Helms hat Jalal Daoud ins Gesicht gezogen. Schnell breitet er eine große gelbe Plastikplane auf der Wiese aus, holt Schere und Rettungsspreizer aus dem Wagen. Hand in Hand arbeitet er bei der Übung mit den anderen Feuerwehrleuten zusammen. Dass Daoud bis vor Kurzem keine Feuermelder kannte und dass er manchmal die deutschen Wörter nicht versteht – all das merkt niemand, der dem 31-Jährigen bei der Arbeit zuschaut.

Zwei Jahre nach seiner Ankunft zählt der Sudanese zu den 30 aktiven Feuerwehrmitglieder in Flechtorf. Die Jugendabteilung hier gilt mit 40 Nachwuchskräften als die größte im Landkreis. Personalmangel kennt aber auch Ortsbrandmeister Ralf Sprang. Die Mitgliederzahlen bei der Feuerwehr sinken in ganz Niedersachsen kontinuierlich. Knapp 125 000 Mitglieder gibt es noch. Gerade tagsüber, wenn viele zur Arbeit ins nahegelegene Wolfsburg pendeln, gibt es in Flechtorf zu wenige Einsatzkräfte. Für Sprang ein Grund mehr, es mit Daoud zu versuchen und so ein neues Mitglied zu gewinnen. Heute sagt er: „Das würde ich jederzeit wieder so machen. Da sehe ich für uns keine Obergrenze.“

Und Sprang ist nicht der Einzige. Der Deutsche Feuerwehrverband kennt etwa 50 Feuerwehren wie die Flechtorfer, bei denen Flüchtlinge im Löschzug sitzen. „Das löst nicht von heute auf morgen alle Nachwuchsprobleme“, sagt Verbandssprecherin Silvia Darmstädter. „Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.“ Auch für die Integration der Flüchtlinge. „Die Feuerwehr ist mehr als Gefahrenabwehr“, meint Darmstädter. „Sie ist Team, Kameradschaft – und etwas sehr deutsches.“

Was dieses „Deutsche“ ausmacht, hat auch Daoud schon kennengelernt. Noch bevor er bereit war, seinen ersten Einsatz zu fahren, half er beim Osterfeuer und war dabei, als im Dorf der Maibaum aufgestellt wurde. „Es ist, als wäre er schon immer Teil des Ganzen“, sagt Sprang.