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NWZonline.de Region

Aufgeben? Pah, wir doch nicht!

13.05.2019

Wilhelmshaven /Friesland Unablässig kreischen die unzähligen Flussseeschwalben durcheinander, schwingen sich wie auf Kommando gruppenweise in die Lüfte, landen wieder auf dem Wasser. Doch plötzlich dringen aus der Ferne weitere Rufe – nein, Schreie durch die ansonsten stille Idylle hier am Banter See in Wilhelmshaven: „Ready, attention – go!“ Flugs tauchen zehn Frauen ihre Paddel ins Wasser, bringen das Drachenboot mit fünf kräftigen Schlägen, allesamt von mitzählenden Schreien begleitet, schnell in Bewegung. Das Wichtigste: im Gleichklang paddeln.

„Wenn man paddelt, hat man keine Chance, an was anderes zu denken“, sagt Stefanie Loremann, inzwischen nicht mehr im Boot, sondern am Seeufer in der Sonne sitzend, „der Kopf ist frei.“ Maren Conrads nickt zustimmend. „Die Krankheit und Alltagsprobleme sind überhaupt kein Thema.“ Die 45-jährige Wilhelmshavenerin hatte ihr Leben im Griff, hat immer Vollzeit gearbeitet, sich immer um alles gekümmert – ehe sie 2015 die vernichtende Diagnose erhielt: Brustkrebs. Es sah nicht gut aus. „Mein ganzes Leben wurde auf Null gesetzt.“ Krebs? Das war etwas, das andere betraf, Ältere, aber doch nicht sie! Schließlich ernährte sie sich gesund, war sportlich aktiv. Mit dem Thema Krebs hatte sie sich nie auseinandergesetzt.

Pink Paddeln

Ziel der Initiative „Pink Paddeln“ ist es, während oder nach der Brustkrebsbehandlung zurück ins Leben zu finden, den Spaß an gemeinsamen Aktivitäten auf dem Wasser und an Land zu erleben, mit Betroffenen in einem Boot zu sitzen.

Seit der 1996 durchgeführten Studie des Sportmediziners Dr. Don McKenzie ist klar, dass der Paddelsport positiv zur Genesung während und nach der Therapie beiträgt. Durch die Paddelbewegung wird die Schulter-Arm-Beweglichkeit trainiert, Lymphödemen wird vorgebeugt und das gesamte Immunsystem wird positiv beeinflusst. Hinzu kommt der Spaß am Gruppensport.

Mittlerweile gibt es 16 pinke Teams in Deutschland, weitere sind im Aufbau – eines davon ist das in Wilhelmshaven. Jede Interessierte ist dienstags um 16.45 Uhr bei den Kanufreunden an der Emsstraße 34 willkommen, Anmeldung bei Yvonne Meyer unter Tel. 01520/3072021 oder per Mail: PinkPaddlerWHV@gmx.de

Den Drachenbootsport, mit dem sie einst angefangen hatte, musste sie aufgeben. War überhaupt lange Zeit raus. Nix mehr mit Sport. „Ich stand eine Woche unter Schock.“ Doch dann gab’s nur eins für die Wilhelmshavenerin: Kämpfen! Ihre inzwischen siebenjährige Tochter sollte schließlich nicht ohne ihre Mama aufwachsen. Maren Conrads fand Halt in der Familie, bei ihrem Partner, im Umfeld – viele seien allerdings auch überfordert gewesen. Positive Energie haben ihr zudem die Frauen gegeben, die sie in der Reha kennenlernte.

Irgendwann klopfte Yvonne Meyer bei Maren Conrads an. Ob sie Lust habe, eine Drachenbootsport-Gruppe für Brustkrebsbetroffene aus Wilhelmshaven und Umgebung mit aufzubauen. Die beiden Frauen kannten sich aus Maren Conrads früherer Drachenbootsport-Gruppe. Conrads war begeistert. „Ich bin dabei!“ Denn bei der neuen Gruppe wusste sie: „Ich muss nicht das Leistungsniveau zeigen wie vorher.“ Genau das Richtige, um vorsichtig wieder mit dem Sport anzufangen.

„Das Schöne bei den ,Pink Paddlern‘ ist, dass es keinen Leistungsdruck gibt“, erklärt auch Yvonne Meyer, die die Gruppe trainiert und leitet. Sie selbst paddelt bereits seit zehn Jahren, bestreitet Regatten und Deutsche Meisterschaften. „Ein Jahr lang habe ich zwischendrin mal Pause gemacht – und war unzufrieden“, erinnert sich die 34-Jährige, „die Gemeinschaft hat gefehlt.“

Sozial engagierte Powerfrau: die 34-jährige Yvonne Meyer. Bild: Ziegeler

Vor etwa einem Jahr kam in ihr das Bedürfnis auf, sich sozial zu engagieren. „Ich wusste aber nicht, wie“, erzählt die gebürtige Lastruperin. Sie suchte nach etwas, das ihr selbst Spaß macht. Dann hörte sie vom Pink Paddeln, bekannt geworden 1996 durch den Sportmediziner Don McKenzie (siehe Infokasten). „Man ist an der frischen Luft, gemeinsam in einer Gruppe: Da fällt die Motivation leichter.“ Ein Jahr lang habe sie kämpfen müssen, ehe die neue Gruppe am 10. April 2019 zum ersten Mal unter ihren Rufen auf den Banter See hinauspaddelte.

Nutzen dürfen die Pink Paddler dafür ein Boot der Wilhelmshavener Kanu-Freunde – welches allerdings schon 30 Jahre alt ist. „Der Standard ist heute ein etwas anderer“, erklärt Meyer. Daher rief sie die Tauschaktion „Von der Büroklammer zum Drachenboot“ ins Leben. Angefangen mit einer pinkfarbenen Büroklammer in Form eines Flamingos tauschte sie sich voran, inzwischen wartet ein Staubsauger der Marke Dyson auf einen tauschfreudigen Neubesitzer. „Häufig wollen die Leute etwas abkaufen“, erzählt Meyer, „aber ich habe das Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen.“ Auch wenn es zehn Jahre daure, bis zum eigenen Pink-Paddler-Drachenboot: Die 34-Jährige bleibt dran.

Die 350 Euro Vereinsmitgliedschaft, die jährlich an die Kanufreunde gezahlt werden müssen, werden durch alle Teilnehmerinnen geteilt. Allerdings habe Siemtje Möller, die als Abgeordnete für die SPD den Wahlkreis 26 Friesland/Wilhelmshaven/Wittmund im Deutschen Bundestag vertritt, die Schirmherrschaft übernommen und suche laut Yvonne Meyer nach Ideen, um den Frauen eine gänzlich kostenfreie Teilnahme zu ermöglichen.

Alle fassen mit an: Die Frauen schieben das Boot Richtung Wasser. Bild: Ziegeler

Die Holzpaddel hat Yvonne Meyer zur Hälfte gesponsert bekommen, zur anderen Hälfte selbst bezahlt. Auch ihre Trainer-Lizenz hat sie selbst bezahlt. Außerdem würde sie gerne noch den Reha-Schein machen.

„Yvonne ist sehr nett und engagiert“, bekräftigt Stefanie Loremann, „das ist nicht wie bei einer Selbsthilfegruppe, sondern hier kümmert sich jemand. Und wir brauchen einfach nur herkommen.“ Schließlich zehren schon genug andere Dinge – Erschöpfung, Knochenschmerzen, Schlafstörungen – an den Kräften der Frauen. „Man kämpft sich durch und versucht den Alltag zu bewältigen. Beißt die Zähne zusammen“, sagt Conrads. Abends ist sie dann völlig erschöpft. Zwischendrin habe man das Gefühl, überhaupt nicht mehr leistungsfähig zu sein, gesteht Loremann. „Alle hatten Muskelkater nach dem ersten Paddel-Training – trotzdem sind alle wiedergekommen“, berichtet sie, „das tut einfach gut: an der frischen Luft zu sein, sich zu verausgaben.“ Überhaupt findet sie den Banter See toll, war immer schon gern auf dem Wasser. Auch ihre beiden Söhne seien Wasserratten. Ihre Diagnose erhielt die gebürtige Hannoveranerin 2010. Durchlief in der Folge die „normale Tortur an Behandlungen“, wie sie erzählt.

„Es macht schon was aus, dass hier alle Bescheid wissen“, fügt sie hinzu. Will sagen: Wenn eine „Pink Paddlerin“ mal nicht vollen Einsatz zeigen kann, ist das absolut in Ordnung. Sie sitzen schließlich alle im selben Boot.

Bild: Ziegeler
Jantje Ziegeler Redakteurin / Online-Redaktion
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