• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
NWZonline.de Region

„Wir sind hier nicht die Hilfskräfte!“

12.03.2015

Oldenburg

Am Anfang sind die Fragen, sehr viele Fragen. Zum Beispiel zu Jan B., Jahrgang 1980, Harnweginfektion, Diabetes mellitus: Wie fühlt er sich? Ist er verwirrt? Hat er Schmerzen? Kann er sich allein waschen? Kann er selbstständig essen? Ist er bewegungseingeschränkt? Wie sind Blutdruck, Puls, Temperatur? Was sagen die Angehörigen über Jan? Wie lebt er? Kurz: Was kann Jan B., was braucht er, was will er?

John Gerritsen schließt die Computermaske, „Zorgplan“ steht oben drüber: Pflegeplan. Arzt und Pfleger erarbeiten den Zorgplan gemeinsam, „als gleichberechtigtes Team“, betont John. „Im Mittelpunkt steht nicht die Krankheit, sondern der Mensch. Wir wollen wissen: Was ist das Beste für diesen Menschen?“

John Gerritsen, 61 Jahre alt, ist Senior-Krankenpfleger im Universitätsklinikum Groningen, im UMCG. Vom Schichtdienst ist er befreit, „wegen meines Alters“, er lacht; er arbeitet jetzt täglich von 7.30 Uhr bis 16 Uhr, 36 Stunden die Woche. Monatsgehalt: 3195 Euro brutto plus Zulagen.

Gerritsen ist ein spät berufener Pfleger, früher hatte er einen Verwaltungsjob. Seit 1991 arbeitet er in der Uniklinik. Alle drei Jahre bildete er sich seither auf Kosten der Klinik fort: Hämatologie, Onkologie, Nephrologie.

Jetzt ist er hier oben auf der „Internen Geneeskunde“, Innere Medizin; heute Morgen haben sieben Pfleger und zwei Hilfskräfte Dienst, sie sind für 30 Patienten zuständig. Laut der internationalen RN4Cast-Studie liegt der Personalschlüssel in den Niederlanden bei 1:5; in Deutschland sind es 1:10. Gerritsens erster Blick geht in den Zorgplan, der zweite zum Patienten, „wir können den Plan jeden Tag ändern“. Wir – das sind Arzt und Pfleger. Gerritsen betont es immer wieder: Die Ärzte sind nicht seine Vorgesetzten; „kein Arzt führt hier ein Angehörigengespräch ohne Pfleger“. In Holland haben Pfleger ein abgeschlossenes Pflegestudium, sie dürfen selbstständig Medikamente verabreichen. „Aber wir tragen auch die Verantwortung dafür!“

Einmal hat Gerritsen in Deutschland ein Praktikum gemacht, in Bayern. Die deutschen Pflegekräfte baten ihn: Versorg’ heute eine Patientin mal auf Deine Weise. Den ganzen Tag lang kümmerte sich Gerritsen um die Frau, so als läge sie im UMCG. Die Kollegen hielten ihm dafür den Rücken frei. Am nächsten Tag sagte die Frau: Das will ich immer so haben. Und die deutschen Pfleger sagten: Wir wollen das auch. Gerritsen lacht.

„In Deutschland“, sagt er, „ist alles sehr strukturiert, sehr sauber, sehr kostenbewusst. Man muss sich eben fragen, wofür man Geld ausgeben will.“’

Der größte Unterschied? Vielleicht das hier, sagt Daniela Lehwaldt: „Wenn du in Irland abends im Pub erzählst, dass du Krankenschwester bist, dann sagen die Leute: ,Wow, toll!‘“

In deutschen Kneipen sagten die Leute immer: „Oh.“

Daniela Lehwaldt, 44 Jahre alt, wollte immer „was mit Englisch“ machen. Zuerst aber wurde sie Krankenschwester in Deutschland: Ausbildung in Elmshorn, Arbeit in Oldenburg, zwischendurch Rucksackreisen nach Irland. 1999 blieb sie in Irland und machte was mit Englisch: Sie wurde Krankenschwester in Dublin.

Schnell lernte sie einen weiteren großen Unterschied kennen: die Pflegekammer. „Ohne Registrierung darf man nicht am Patienten arbeiten.“ Die Kammer setzt Standards, Billigkräfte am Bett gibt es nicht. „Das heißt aber auch, dass die Pfleger alles von A bis Z machen müssen“, sagt Lehwaldt: Waschen, Betten machen, mobilisieren, Schmerzmittel verabreichen. Lediglich für Wäsche oder Essenabräumen gebe es zusätzliche Servicekräfte.

1999 war auch das Jahr des Irish Nurses Strike, des großen Krankenschwesternstreiks. Die Streikenden setzten neue Dienstzeiten durch: Seither arbeiten Pflegekräfte 13 Stunden am Stück, drei Tage die Woche, vier Tage haben sie frei. In Teams betreuen sie feste Patienten, der Personalschlüssel liegt bei 1:6. „Es geht dabei um ganzheitliche Pflege“, sagt Lehwaldt: „Wer 13 Stunden einen Patienten versorgt, weiß natürlich alles über den Patienten.“

Der Streik führte auch zur Akademisierung der Pflege, „mittlerweile haben 60 Prozent der Pflegerinnen auf der Normalstation einen Bachelor“, sagt Lehwaldt. Mit dem Studium seien auch Karrieremöglichkeiten am Patientenbett geschaffen worden, Pfleger können sich spezialisieren – und mehr Geld verdienen. Eine „Advanced Nurse Practitioner“ zum Beispiel bekomme etwa 55 000 Euro im Jahr.

Nein, sagt Daniela Lehwaldt, sie möchte das nicht mehr missen: das hohe gesellschaftliche Ansehen in Irland, die Aufstiegschancen, ihr geliebtes Englisch. Sie selbst arbeitet inzwischen an der Pflegeschule der Dublin City University. „Well“, sagt sie, „Deutschland hat das bessere Gesundheitssystem und die bessere Organisation. Aber in der Pflege wird es gerade international abgehängt.“

Ein schneller Kaffee, Vanessa Pludra ist vom Klinikum Oldenburg zum nahen Hanse-Institut gelaufen, hier hat sie studiert: Bachelor of Nursing. Studierte Krankenschwestern sind in Deutschland noch die Ausnahme, „aber als Exot fühl’ ich mich nicht“. Sie lacht: „Hey, wir waren der dritte Jahrgang hier!“

Die Akademisierung der Pflege in Deutschland nimmt zu. „Aber jeder muss schauen, was er damit macht,“ warnt Pludra, 28 Jahre alt, „die passenden Stellen fliegen einem nicht zu.“ Sie arbeitet auf der Intensivstation, Drei-Schicht-System, Wochenenden, Feiertage, gut bezahlt dank Zusatzqualifikation: Tarifvertrag Öffentlicher Dienst, Stufe E9, 3300 Euro brutto plus Schichtzulagen. „Davon kann man gut leben“, sagt sie.

Gut leben kann sie auch mit der Arbeit im Intensivbereich. Sie muss dort nicht mehr als zwei bis drei Patienten betreuen, trägt viel Verantwortung, arbeitet eng im Team mit Ärzten, Therapeuten, Angehörigen. Und spannend findet sie ihren Job sowieso, „jeden Tag passiert etwas Neues“. Trotzdem wechselt sie demnächst zurück ins Evangelische Krankenhaus Oldenburg, wo sie ausgebildet wurde (und wo ihr Studium bezahlt wurde). Der Grund: ein Posten mit attraktiveren Arbeitszeiten.

Vanessa Pludra ist davon überzeugt, dass sich die Pflege in Deutschland zunehmend professionalisiert. Sie weiß natürlich, dass manche Häuser und Stationen noch einen weiten Weg zu gehen haben, ebenso wie viele Pflegekräfte. „Du kannst in Deutschland deinen Beruf 50 Jahre lang ausüben, ohne eine einzige Fortbildung zu machen“, sagt sie. Viele Pflegekräfte seien unzufrieden, wegen des Auf-der-Stelle-Tretens, wegen des Personalmangels überall, wegen starrer Hierarchien, wegen der mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung.

Pfleger, Ärzte, Öffentlichkeit müssten endlich lernen, dass die Pflege eine tragende Säule des Gesundheitssystems sei, meint Pludra: „Wir sind hier nicht die Hilfskräfte!“

In Oldenburg findet zurzeit das erste Europäische Pflegesymposium statt. Vanessa Pludra lächelt: „Ich glaube, in Deutschland tut sich gerade ganz viel.“