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NWZonline.de Region

„Wir werden niemals alles wissen“

03.12.2014
Frage: Im Fall der Klinikmorde ermittelt jetzt die Soko „Kardio“. Können Sie schon überblicken, was für ein Berg an Arbeit vor Ihnen liegt?
Schmidt: Nein. Das können wir noch nicht bestimmen, weil wir gerade im Bereich Oldenburg und Wilhelmshaven am Beginn der Ermittlungen stehen. Natürlich ist es so, dass das vom Klinikum Oldenburg in Auftrag gegebene Gutachten einen ersten Hinweis auf mindestens zwölf weitere Verdachtsfälle gibt, aber das wird nicht maßgeblich sein für uns. Wir werden die dienstliche Vita von Niels H. in allen Kliniken komplett begutachten, und da kann es durchaus sein, dass sich die Zahlen noch mal verändern.
Frage: Wir reden derzeit von mindestens 192 Sterbefällen in Delmenhorst, Oldenburg und Wilhelmshaven. Können Sie sich an irgendeinen Fall erinnern, der vergleichbare Dimensionen hatte?
Schmidt: Ob es sich bei all diesen Sterbefällen um mögliche Morde handelt, steht noch nicht fest. Hier in der Region und im Land Niedersachsen wüsste ich allerdings nicht, dass es jemals Ermittlungen zu einer solchen Zahl möglicher Tötungsdelikte gegeben hätte.
Frage: Uns liegen schriftliche Belege vor, dass es bereits im Jahr 2005 Hinweise von Patienten-Angehörigen auf eine größere Zahl von ungewöhnlichen Todesfällen im Klinikum Delmenhorst gab. Muss sich die Polizei Ermittlungsversäumnisse vorwerfen lassen?
Kühme: Nach dem, was uns hier bekannt ist aus den Ermittlungen der Delmenhorster Kollegen, nicht.
Frage: Die Frage lautet doch: Hätten Mordtaten verhindert werden können, wenn früher ermittelt worden wäre?
Schmidt: Nur dann, wenn die Ermittlungsbehörden früher durch die Krankenhäuser alarmiert worden wären. Nachdem die Polizei und die Staatsanwaltschaft zum ersten Mal in 2005 auf einen Verdachtsfall hingewiesen wurden, hat es ja keine weiteren Taten durch Niels H. in Kliniken mehr geben können.

Hinweistelefon für Angehörige

Das Hinweistelefon der Soko „Kardio“ ist werktags von 9 bis 15 Uhr erreichbar unter Telefon   0441/790 3555.

Die E-Mailadresse der Ermittler lautet: soko-kardio-hinweisaufnahme@pd-ol. polizei.niedersachsen.de

Frage: Der mutmaßliche Täter ist bekannt. Was ist nun die vordringliche Aufgabe der Soko: herauszufinden, ob es weitere Opfer gibt – und falls ja wie viele?
Schmidt: Richtig. Die Sonderkommission untersucht derzeit in großem Umfang Sterbefälle aus Delmenhorst. Unter Einbeziehung von Gutachtern geht es dabei um die Frage: Ist dieser Sterbefall plausibel in Einklang zu bringen mit der Grunderkrankung des Patienten? Das wird dazu führen, dass wir dann irgendwann wissen, bei wie vielen Fällen weitere Beweiserhebungen nötig sind.
Frage: Mit „Beweiserhebung“ meinen Sie: Exhumierung.
Schmidt: Ja.
Frage: Wissen Sie schon, wie viele Exhumierungen es geben könnte? 174? Oder über 200?
Schmidt: Nein, dazu ist es noch zu früh. Wir gehen davon aus, dass wir im ersten Quartal 2015 konkretere Angaben machen können.
Frage: Das heißt aber: Graböffnungen wird es auf jeden Fall geben.
Kühme: Davon müssen wir derzeit ausgehen. Ich weiß, dass sich viele Menschen Gedanken wegen der Exhumierungen machen. Dazu möchte ich zwei Anmerkungen machen: Erstens, vor Weihnachten wird es keine Exhumierung geben, das passt einfach nicht in diese Zeit. Zweitens: Wir legen großen Wert auf Angehörigenbetreuung, wir erklären den Angehörigen alles ganz genau. Ich habe auch mit den beiden großen Kirchen gesprochen, weil wir jeder Exhumierung einen würdevollen Rahmen geben möchten. Bischof Janssen und Weihbischof Timmerevers haben jedwede Unterstützung zugesagt. Wir werden auch feststellen, ob Angehörige anderer Religionsgemeinschaften betroffen sind, dann müssen wir da Kontakte herstellen. Unsere Botschaft lautet: Wir gehen da nicht einfach hin, exhumieren und machen das Grab wieder zu.
Frage: Brauchen Sie für eine Graböffnung die Zustimmung von Angehörigen?
Kühme: Nein. Die Ausgrabung wird vom Richter angeordnet. Aber noch einmal: Die Angehörigen werden auf jeden Fall benachrichtigt, unsere geschulten Mitarbeiter der Soko kümmern sich um sie. Die Ermittlungen, aber auch die Betreuung von Angehörigen am Telefon und später auch bei möglichen Graböffnungen erfordern ein hohes Maß an Sensibilität.
Frage: Seit zwei Tagen klingelt bei Ihnen das Hinweistelefon der Soko. Was erfahren Sie von den Anrufern?
Schmidt: Wir haben zurzeit um die 20 Anrufer am Tag. In der Mehrzahl sind es Angehörige von Menschen, die in den betroffenen Kliniken verstorben sind. Sie erzählen ihre Geschichte. Wir dokumentieren jeden Hinweis.
Frage: Will überhaupt jeder Anrufer, der sich vielleicht längst mit dem Tod seines Angehörigen abgefunden hat, die Wahrheit erfahren?
Schmidt: Es gibt tatsächlich Anrufer, die sinngemäß sagen: „Lasst die Toten ruhen; ich möchte nicht, dass mein Mann oder Opa exhumiert wird!“ Sie sagen das zumeist in dem Vertrauen darauf, dass der mutmaßlich Verantwortliche bekannt ist und mit der höchsten Strafe bestraft werden wird, die es im deutschen Recht gibt: lebenslänglich.
Kühme: Aber es gibt natürlich auch die Angehörigen, die sich ganz intensiv darum kümmern, dass alles aufgeklärt wird. So wie zum Beispiel die Nebenkläger im aktuellen Prozess gegen Niels H.
Schmidt: Unabhängig davon: Für uns ist jeder Hinweis eine Spur, und jeder Spur wird nachgegangen.
Frage: Glauben Sie, dass dieser Fall jemals in vollem Umfang aufgeklärt werden wird?
Schmidt: Ich halte das für ausgeschlossen. Wir werden am Ende der Ermittlungen genauer wissen, was Niels H. angerichtet hat, ohne jemals behaupten zu können, wirklich alles zu wissen.
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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