Weener/Leer/Oldenburg - Es knirscht, kracht, knackt. Ganz langsam zieht der Schwimmkran „Triton“ die Stahltrümmer der Friesenbrücke aus dem Wasser. Wieder ein lautes Geräusch an der Abrisskante. Rutscht da was nach? Die Arbeiter auf dem Ponton schauen gebannt nach oben. Ein kleines Boot bringt drei Männer zum Stützpfeiler. Helme, Overalls. Nein, scheint alles in Ordnung. Professionell zerlegt. Der Kran zerrt wieder am Stahl in der Ems.
Auf dem Deich in Weener (Kreis Leer) haben sich Schaulustige versammelt. Ein Holländer schildert einer Frau auf Spanisch das Schiffsunglück. „Ich habe gehört, dass hier was los ist“, sagt Roland Schumann, der in Ostfriesland Urlaub macht und zückt die Kamera. „Katastrophentourismus“, schmunzelt er.
Genau genommen ist in Weener seit einer Woche die Hölle los. Der Frachter „Emsmoon“ hat die geschlossene Klappbrücke mit voller Wucht gerammt und in zwei Teile gerissen. Die Deutsche Bahn geht von einem Schaden in Millionenhöhe aus. „Nach jetzigen Erkenntnissen ist die Brücke irreparabel beschädigt“, sagt Egbert Meyer-Lovis, Bahn-Sprecher. Ein Neubau würde Jahre dauern.
„Die Folgen sind für Weener in jedem Fall negativ und bedeuten einen großen Einschnitt“, erklärt Bürgermeister Ludwig Sonnenberg. Und nicht nur für Weener. Auch die Gemeinde Westoverledingen auf der anderen Ems-Seite ist abgeschnitten. Die einzige Verbindung zwischen den beiden Orten wurde von einem 6334 Tonnen-Frachtschiff, 112 Meter lang, gekappt. Die nächsten Brücken in Leer und Papenburg sind weit.
Der Bahnverkehr zwischen Leer und Groningen ist zum Erliegen gekommen, der Ausbau der Strecke von Groningen über Oldenburg nach Bremen womöglich gefährdet.
Bürgermeister Sonnenberg fürchtet „große Einschränkungen“ für viele Geschäftsleute, Arbeitnehmer und Privatreisende, Einbußen für die Weeneraner Geschäftswelt und negative Folgen für den Tourismus. „Die Friesenbrücke ist für Radwanderer ein Knotenpunkt verschiedener Routen.“
Kran hebt Stahlteil
Auf der Ems hievt der Kran ein geborgenes Stahlteil in Richtung Ponton. Die Arbeiter räumen die Plattform frei, zurren Seile fest. Millimeterarbeit mit Metallgerüsten.
Oben auf dem matschigen Deich, nahe der Bahnstrecke, steht Petra De Boer aus Weener. Sie kann noch nicht recht fassen, was passiert ist. „Die Brücke hat immer dazugehört“, sagt sie. Man hat sich hier mit Freunden von der anderen Seite getroffen, ist mit dem Rad zum Badesee nach drüben gefahren oder mit dem Zug nach Leer, erzählt De Boer. „Man denkt nicht darüber nach, so lange alles funktioniert.“
Jetzt funktioniert vieles nicht mehr in Weener, im Kreis Leer, im Nordwesten – wegen einer Brücke.
„Schade drum“, sagt Alfred Müsing, der gerne auf der anderen Seite spazieren geht. Er kann sich noch an Dampfloks auf der Brücke erinnern. Vor einer Woche fuhr der letze Regionalexpress durch Weener, der letzte Güterzug. Jetzt fährt nichts mehr. Könnte die freuen, die an der Bahnstrecke wohnen, meint Müssing.
„Voll reingeknallt“, erzählt ein älterer Herr auf dem Deich allen, die es hören wollen. „Der muss zu schnell gewesen sein.“ Also, der Frachter. Von einer Beinahe-Katastrophe berichtet der Mann. „Um 18.22 Uhr sollte ein Zug kommen.“ Zwei Minuten nach dem Rammstoß. „Ich habe 13 Jahre auf der anderen Seite gearbeitet“, meint er noch.
Im Rheiderland kursieren dieser Tage viel Geschichten und Gerüchte. Ein Mann soll gesehen haben, wie der Frachter sich aus Richtung Papenburg mit hoher Geschwindigkeit der geschlossenen Klappbrücke näherte. Er sei mit dem Auto parallel gefahren, um die Geschwindigkeit zu messen, heißt es.
„Das kann alles nicht sein“, schimpft Walter Bünker aus Weener. „Die Brücke ist befeuert, das Schiff hat Scheinwerfer.“ Er war selbst am Fluss, als es krachte. „Es war dunkel, aber gute Sicht.“ Bünker, erfahrener Segler, auf dem Greenpeace-Schiff „Moby Dick“ nach Amerika gefahren, würde gerne wissen, warum Kapitän und Lotse den Unfall nicht verhindert haben. „Voll zurück oder in den Wall“, nennt er die Alternativen.
Staatsanwalt ermittelt
Gegen beide Männer ermittelt die Staatsanwaltschaft Aurich. Ihnen wird Gefährdung des Schiffsverkehrs sowie gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr vorgeworfen. Im Falle einer Verurteilung drohen ihnen ein bis zwei Jahre Haft. „Die Verantwortlichkeit wird geprüft“, sagt Oberstaatsanwältin Katja Paulke. Kapitän und Lotse schweigen.
„Ich habe mich nur gefragt, wer der Nutznießer ist“, meint Walter Bünker. „Mehr sage ich nicht“, fügt er rasch hinzu.
Es wird viel spekuliert im Rheiderland in diesen Tagen. Auch über die Papenburger Meyer Werft. Die Friesenbrücke war für deren riesige Kreuzfahrtschiffe bisher ein Nadelöhr. Bei jeder Überführung musste der Mittelteil mit einem Schwimmkran herausgehoben werden. Das nächste Kreuzfahrtschiff soll im Frühjahr 2016 die Ems befahren.
Der kleine Bahnhof von Weener sieht verlassen aus in der Abenddämmerung. Auf dem Nebengleis wachsen Birken, auch das Hauptgleis ist arbeitslos. Plötzlich taucht eine Frau auf, geht zielstrebig zum Fahrkartenautomat. Dass kein Zug mehr kommt, weiß sie. „Der holländische Busfahrer hat gesagt, man muss hier die Fahrkarten kaufen.“ Zwischen Bad Nieuweschans in Holland und Leer fahren jetzt Ersatzbusse.
Die Niederländer haben für den Ausbau der Bahnstrecke auf ihrer Seite rund 85 Millionen Euro eingeplant. Ab 2018 sollten Schnellzüge von Groningen nach Leer fahren, langfristig bis Bremen.
Und jetzt?
Politiker aus Weser-Ems fordern von der Bahn, die Planung für einen Neubau der Brücke unverzüglich aufzunehmen. Gleichzeitig müsse das deutsch-niederländische Bahnprojekt „Wunderline“ vorangetrieben werden. „Es sieht derzeit so aus, als muss die Brücke neu gebaut werden. Das ist zwar bedauerlich, eröffnet aber auch ungeahnte Möglichkeiten“, sagt Wirtschaftsminister Olaf Lies.
Eine Woche nach dem Unfall holen Taucher die letzten Schrottteile aus der Ems. Der Schwimmponton mit dem Stahlschrott wird in den Leeraner Hafen gebracht.
Experten untersuchen die Unfallstelle mit einem Echolot. Tiefe? Hindernisse? Keine Brückenteile mehr im Fluss, meldet das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Emden. Die Brücke sei am Nachmittag um 16.30 Uhr „zur Durchfahrt für Seeschiffe freigegeben worden“, teilt Günther Rohe, stellvertretender Leiter des WSA, mit.
Doch die Peilung zeigt „Mindertiefen“ an. Möglicherweise ist das Flussbett bei der Bergung der Brückenteile aufgewühlt worden. Ein Saugbagger beseitigt die Untiefen im Fahrwasser.
Die „Emsmoon“, die im Hafen von Papenburg liegt, sei wieder seetauglich, heißt es am Donnerstag. Bald wird der Frachter wohl erneut die Friesenbrücke passieren. Die Klappe ist dann nicht mehr im Weg.
