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NWZonline.de Ratgeber Reise

Alte und neue Meisterwerke im Hinterhof

11.12.2010

BERLIN Eine junge Russin aus der Reisegruppe bleibt vor einem Altbau in Berlin-Mitte stehen: „Ist das Kunst?“, fragt sie. An Wäscheleinen vor der abbröckelnden Fassade hängen Dutzende türkis-farbene Tücher. „Nein, das ist keine Kunst“, sagt Kunsthistorikerin Miriam Bers, „die Bewohner haben einfach ihr Haus dekoriert.“

Buntes Wirrwarr

In Berlin verlieren selbst Kunstinteressierte leicht den Überblick. Die Kunstszene verändert sich so schnell, dass niemand genau weiß, ob es in der Stadt 400 oder 600 Galerien gibt – so stark schwanken die Schätzungen. Zu schnell öffnen Neue, andere gehen Bankrott, wieder andere ziehen um. Miriam Bers bietet mit ihrer Agentur „GoArt!“ seit vier Jahren Stadtführungen durch die Kunstszene an und hilft Besuchern, die sehenswerten Galerien zu finden.

An diesem Tag lotst sie eine Gruppe russischer, finnischer und polnischer Besucher durch das Scheunenviertel. Dort, im ehemaligen Ostteil der Stadt, sind die erfolgreichsten Galerien zu Hause.

Miriam Bers führt die Besucher in einen Hinterhof in der Linienstraße. Dort liegt die Galerie „Neugerriemschneider“. Seit 1994 präsentieren Tim Neuger und Burkhard Riemschneider große Namen der zeitgenössischen Kunst.

Die Reisegruppe betrachtet Arbeiten von Franz Ackermann: Wandmalereien bis unter die Decke. Ein knallbuntes Wirrwarr aus Linien, Kurven, Farbflächen. Die DIN-A5 großen Aquarelle und Zeichnungen an der Galeriewand – Ackermanns gemaltes Reisetagebuch – würden mittlerweile für 15 000 Euro das Blatt gehandelt, sagt Bers.

Ein Vielfaches davon kosten die Bilder von Neo Rauch, die um die Ecke in der Galerie „Eigen + Art“ in der Auguststraße hängen. Der Galerist Gerd Harry Lybke entdeckte Rauch und machte so die Neue Leipziger Schule berühmt. Doch nur zwischen 60 und 80 der Berliner Galerien seien kommerziell erfolgreich, erklärt Miriam Bers.

Viele Künstler und Galerien haben mittlerweile das teure und schicke Scheunenviertel verlassen. Am höchsten ist die Galeriedichte nun im einstigen Niemandsland, zwischen Mauerstreifen und Axel-Springer-Hochhaus.

Laut und spielerisch

„Der Trend geht weiter nach Schöneberg“, sagt Miriam Bers. Auch Kreuzberg erlebe eine Wiedergeburt, und der Norden Neuköllns habe gerade die Wende vom Problem- zum Szenekiez geschafft.

Während die kleinen Galerien aus Mitte abziehen, öffnen Privatsammler dort ihre Paläste. In keiner anderen Stadt der Welt zeigen so viele Sammler ihren Privatbesitz. Die Agentur „Art:Berlin“ führt jeden Sonnabend durch die Sammlung von Thomas Olbricht. Der Erbe des „Wella-Konzerns“ ließ sich für seine Sammlung in die Auguststraße eine eigene Kunsthalle bauen. Der angehende Kunsthistoriker Sebastian Hoffmann empfängt die Reisegruppe: „Die Ausstellung ist sehr bunt, sehr laut, sehr spielerisch. Es ist eine Abenteuer- und Safarireise.“

Schon mit fünf Jahren fing Thomas Olbricht an zu sammeln: Erst Matchboxautos und Briefmarken, später Gemälde und Skulpturen. Rund 2500 Stücke umfasst seine Sammlung, Feuerwehr-Spielzeugautos ebenso wie Paul-Klee-Gemälde.

Am Ende der Ausstellung stehen die Touristen in der Besucher-Lounge im ersten Stock vor einem großformatigen Bild, auf dem eine Bar zu sehen ist. Auf dem oberen Rand des Bildes sitzt eine Fliege. „Gehört die zum Bild dazu?“, will eine Frau wissen. Hoffmann zögert. Dann nähert er sich dem Bild und verscheucht die Fliege. Manchmal sind selbst die Experten nicht sicher, was Kunst ist und was nicht.

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