Nizza - Neben den Frauen hatte der Schauspieler, Playboy und Lebemann eine weitere große Liebe: die Côte d’Azur. Im Dezember wäre Curd Jürgens 100 Jahre alt geworden. Wer in seine Fußstapfen treten möchte, fliegt am Besten nach Nizza.
Alte Journalistenweisheit: Man kann die schönsten Geschichten durch zu viele Fragen kaputt recherchieren. Zuletzt geschehen in Saint-Paul-de-Vence – und zwar mir. Für einen schönen Aufhänger will ich mir im berühmten Künstler-Restaurant „La Colombe d’Or“ den Tisch zeigen lassen, der dort auf ewig für den einstigen Stammgast Curd Jürgens reserviert sein soll.
Doch Nathalie von der Rezeption muss mich enttäuschen: „Leider alles Legende.“ Das ist umso bedauerlicher, als es es soeben etwas zu feiern gegeben hätte. Der berühmte Filmstar aus Deutschland, der seine wahrscheinlich schönsten Lebensjahre an der Côte d’Azur verbrachte, wäre im Dezember 100 Jahre alt geworden.
Er war des Teufels General, der vielleicht beste Jedermann, den es je in Salzburg gab, die Hauptfigur im Tatort „Rot-rot-tot“ und ein Bösewicht in „Der Spion, der mich liebte“ mit Roger Moore. Seine beste Rolle spielte Curd Jürgens jedoch unbestritten im wirklichen Leben: als Playboy, der den Luxus und die Liebe liebte, als charmantes Raubein mit strahlend blauen Augen und einem unerhörten Charisma.
Fünfmal trat er vor den Traualtar – mit den Schauspielerinnen Lulu Basler, Judith Holzmeister und Eva Bartok sowie mit dem Mannequin Simone Bichéron und zuletzt mit Margie Schmitz. Von seinen ungezählten Affären nicht zu reden. In seinem Nachlass fanden sich auch Liebesbriefe der jungen Romy Schneider, mit der er 1959 die Zaren-Schmonzette „Katja, die ungekrönte Kaiserin“ gedreht hatte. In jenem Sommer sollen der 20-jährige Backfisch und der 23 Jahre ältere Kollege eine zwar nur wenige Wochen währende, aber umso leidenschaftlichere Beziehung gehabt haben – in Jürgens Prachtvilla auf Cap Ferrat.
Jürgens war Sohn eines vermögenden Hamburger Kaufmanns und einer südfranzösischen Lehrerin. Er wuchs zweisprachig auf. Bereits in jungen Jahren engagierte er sich in einer Theatergruppe. Nach seiner Schauspielausbildung gehörte er von 1941 bis 1953 dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an. Der „normannische Kleiderschrank“, wie Brigitte Bardot ihn nannte, wurde jedoch vor allem durchs Kino unsterblich. Insgesamt wirkte er in knapp 160 Filmen mit.
Er spielte viele ernste Rollen, machte aber auch massenhaft kommerzielles Kino, um seinen üppigen Lebensstil finanzieren zu können. Er war überhaupt ein guter Geschäftsmann. Er sammelte förmlich Immobilien und besaß Häuser und Wohnungen nicht nur in Südfrankreich, sondern auch in Bayern, Paris, Wien, Enzensfeld, Gstaad und auf den Bahamas.
Als er Saint-Paul entdeckte, war das Dorf noch verschlafen. Bald folgten viele andere Stars seinem Vorbild und zogen in seine Nähe – Yves Montand, Lino Ventura, Roger Moore. Wann und wo immer er sich etablierte, sofort explodierten die Grundstückspreise.
Irgendwann wuchs ihm auch Cap Ferrat über den Kopf, und er erwog, in die Toskana ziehen. „Die Farm in Vence“ aber „hatte den herrlichsten Ausblick vom Leuchtfeuer des Cap Ferrat bis zu dem der Napoule“. Also kauft er den Platz und genießt „das ruhige Landleben“.
Curd Jürgens starb 1982 in Wien. Letzter Wille: Seine Witwe Margie, die 2003 in Zürich einem Krebsleiden erliegen wird, möge seinen gesamten filmischen Nachlass in einem seiner beiden Swimmingpools in Vence verbrennen. Diesen Gefallen tat sie ihm jedoch nicht, sondern vermachte das gesamte Material dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main.
