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NWZonline.de Ratgeber Reise

Cittàslow-Städte: Von der Entdeckung der Nachhaltigkeit

01.02.2020

Bad Essen Am Ortseingang von Bad Essen begrüßt uns ein Schild mit einer orangefarbenen Schnecke – das Symbol von Cittàslow. Cittàslow ist ein italienisch-englisches Wortgebilde und heißt „langsame Stadt“. Seit 2016 gehört der Kurort am Fuß des Wiehengebirges zur internationalen Cittàslow-Familie, als erste Stadt in Niedersachsen.

Der Kirchplatz, früher ein Friedhof und Ort der Ruhe, ist der touristische Nabel von Bad Essen. Kinder streben zum Brunnen in der Mitte des Platzes, Eltern zu Flammkuchen oder der Mohn-Marzipan-Torte im „Kleinen Haus“. Der ehemalige Speicher war das erste dreistöckige Gebäude von Bad Essen.

Immer donnerstags ist auf dem Kirchplatz ein Wochenmarkt, auf dem mit regionalen Produkten gehandelt wird – nur die Blumen kommen aus den Niederlanden. Und wem der Sinn nach einer kräftigen Mahlzeit steht, der kehrt ein in der „Kaffeemühle“ und ordert eine Kartoffelplate. Sie ist „die deutsche Antwort auf Pizza“, wie es werbewirksam heißt, jedenfalls eine leckere Angelegenheit und je nach Geschmack und Saison belegt mit Spargel oder Grünkohl, Pfifferlingen oder Fisch.

Sieben Prüfsteine

Richtig viel los ist in Bad Essen nur am Sonntag, weil dann die Geschäfte geöffnet haben – die Bäderregelung macht’s möglich. An anderen Tagen herrscht jene wohltuende Ruhe, die viele Gäste schätzen. Und das soll auch so bleiben. „Wir sind nicht der Ort, der Busreisen akquiriert“, sagt Annette Ludzay. Als langjährige Geschäftsführerin des Kur- und Verkehrsvereins war sie 2015 verantwortlich dafür, dass Bad Essen zu einer Cittàslow wurde, als eine von heute 21 Städten in Deutschland. Alle haben weniger als 50 000 Einwohner, sagt Ludzay. Und alle haben das gleiche Ziel: „die Verbesserung der Lebensqualität und das Verhindern der Vereinheitlichung und Amerikanisierung von Städten.“ Und tatsächlich: Eine McDonalds-Filiale sucht man in Bad Essen vergebens.

Hinter dem Cittàslow-Gedanken steht eine ganze Philosophie, aufgedröselt in sieben Kriterien. Kultur und Tradition, landschaftliche Qualität, Gastfreundschaft, Bewusstseinsbildung, regionale Märkte und regionaltypische Produkte – all das sind Dinge, mit denen auch Bad Essen punkten kann, so Ludzay. Nur in Sachen „nachhaltige Umweltpolitik, da können wir besser werden.“ Aber auch das ist vielleicht nur eine Frage der Zeit. „Es kommt in Gang, das hängt natürlich auch mit der Klimakatastrophe zusammen, dass die Leute viel sensibler sind.“

Immerhin, ein Anfang ist gemacht: Die „Alte Apotheke“ ist das lokale Aushängeschild in Sachen Nachhaltigkeit. So ressourcenschonend und natürlich wie möglich haben sie gebaut, sagt Lea Kormeyer, Geschäftsführerin des kleinen, aber feinen Hotels im Herzen von Bad Essen. Kein leichtes Unterfangen, schließlich handelt es sich um einen denkmalgeschützten Bau von 1726. Alles atmet Geschichte, von der alten Apothekeneinrichtung in der Rezeption bis hin zu den geschmiedeten Nägeln im Holzboden.

Cittàslow wurde 1999 im italienischen Orvieto ins Leben gerufen. Das „Netzwerk der lebenswerten Städte“ war inspiriert von der Slow Food-Bewegung, die 13 Jahre zuvor gegründet worden war, inspiriert aber auch von der Agenda 21 und der Nachhaltigkeitsdebatte. Inzwischen ist die Idee auf allen Kontinenten vertreten, sieht man einmal von der Antarktis ab. 262 Orte in 30 Ländern gehören dem Netzwerk an, Stand Januar 2020. In Deutschland liegen die meisten Cittàslow-Gemeinden in Bayern (6) und Baden-Württemberg (5). Cittàslow Deutschland hat seinen Sitz in Deidesheim an der Deutschen Weinstraße.

Nur wenige Kilometer südlich von Deidesheim liegt Maikammer, ebenfalls eine Weinbaugemeinde und Cittàslow seit 2017. Bei einer Runde durch den Ort führt uns Gästeführerin Ute Baader zu mediterranen Gewächsen, einer barocken Saalkirche, schmucken Wirtshäusern und dem Geburtshaus der Brüder Franz und Anton Ullrich, die anno 1886 einen „Gelenkmaßstab mit Federsperre“ zum Patent anmeldeten, von Handwerkern meist „Zollstock“ genannt.

Meist enden die Führungen von Ute Baader in der Vinothek, in der 24 Winzer aus Maikammer ihr Sortiment präsentieren. Einmal im Monat treffen sich dort Politiker, Winzer und Touristen zu einem Stammtisch. Ohne dass man sich dessen immer bewusst ist, wird dann auch über Cittàslow-Themen debattiert, über sanften Tourismus beispielsweise oder eine nachhaltige Ortsentwicklung.

„Für die Einheimischen ist Cittàslow selbstverständlich“, sagt Maria Bergold, die das örtliche Tourismus-Büro leitet. Man könnte vielleicht „noch mehr in Richtung ökologischer Weinbau gehen“, aber auch da passiere bereits eine Menge. Dabei denkt sie zum Beispiel an das Weingut Schädler von Steffen Mugler. Der 54-Jährige ist überzeugt, dass erstklassige Weine langfristig nur mit ökologischer Produktion erzeugt werden können. Mehr noch: Vor Jahren begann Mugler, sich für uralte Weinbautechniken zu interessieren. „Da landet man irgendwann im heutigen Georgien. Die machen die Weine zum Teil noch wie vor 5000 Jahren.“

Eine große Amphore im Erdreich verbuddeln, Trauben rein und abwarten – Mugler hat es ausprobiert. Und siehe da: Die Trauben setzen sich ab. „Und darüber hab ich den klaren Wein. Den kann man wunderbar trinken. Und ich muss keine Tanks putzen.“ Und was ihm noch wichtiger ist: Er braucht keine Zusätze. Nur dass er noch nicht bei allen Weinen darauf verzichten kann.

Wein und Salz

Wir verlassen Maikammer mit ein paar Flaschen Wein im Gepäck. Auch in Bad Essen haben wir ein regionaltypisches Produkt erworben, wenn auch in kleineren Flaschen: Salz. Nicht irgendein Salz, sondern die rund 220 Millionen Jahre alte Sole, die in einer Tiefe von 800 Metern unter Bad Essen darauf wartet, gefördert zu werden. Es ist dieses Urmeerwasser, das Bad Essen zum Kurort machte. Die Sole nutzen sie auf zweierlei Weise.

In einem Gradierwerk aus Schwarzdorn wird sie ultrafein vernebelt. Dort lautet die Empfehlung: Reinsetzen, Augen zu, tief durchatmen, nichts sagen. Boris Grönemeyer (ja, sein Vater ist ein Cousin vom berühmten Herbert) wiederum befüllt damit seine Fläschchen, mal flüssig als Sprühsalz, mal in kristalliner Form und mit Zusatz, beispielsweise einer Bacon-Note. Ein Mitbringsel, mit dem wir uns in guter Gesellschaft wissen – auch Sterneköche greifen zu Salzen aus Bad Essen.


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