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NWZonline.de Ratgeber Reise

Deutschland: Mittelalter in Kaiserpfalz Bad Wimpfen

19.06.2021

Bad Wimpfen Ganz ehrlich, wer kennt schon Bad Wimpfen? Dabei ist die kleine Stadt nahe Heilbronn ein historisches Schwergewicht. Bei einem Rundgang durch die Gassen gibt es viel zu entdecken.

Die meisten Besucher kommen aus Süden nach Bad Wimpfen. Das ist der kürzeste Weg von der Autobahn. Doch es lohnt sich, einen kleinen Umweg zu fahren und aus Richtung Offenau im Norden anzureisen. Erst aus diesem Blickwinkel, am Fuße des Berges, auf dem Bad Wimpfen über dem Neckar thront, wird klar, wie beeindruckend die kleine Stadt im Mittelalter den Reisenden erschienen sein muss, wenn sie nach beschwerlicher Reise endlich die Kaiserpfalz vor Augen hatten.

Genau dort, im Burgviertel, sollte man auch mit dem Spaziergang beginnen. Allein oder mit einem Stadtführer wie Christoph Waidler, der Geschichten kennt, wie man sie in keinem Reiseführer findet. Seit gut zehn Jahren führt er die Besucher durch die Stadt.

Service für den Kaiser

Einem Großbrand zu Beginn des 14. Jahrhunderts ist es geschuldet, dass heute von der um das Jahr 1200 datierten Kaiserpfalz nur noch Teile erhalten sind: Der grob gehauene Rote Turm, in den sich der Kaiser bei Angriffen zurückziehen konnte, die imposante Stadtmauer und die Arkadenfenster der Palastruinen zeugen von der einstigen Grandeur – und natürlich der 58 Meter hohe Blaue Turm, das Wahrzeichen der Stadt.

Bis Ende dieses Jahres kann man ihn nur von außen betrachten, denn er wird derzeit für mehr als sechs Millionen Euro saniert. Immerhin war und ist die Anlage samt Blauem Turm die größte Kaiserpfalz nördlich der Alpen. Bewohnt war die Pfalz jedoch nicht immer: Die staufischen Kaiser, darunter auch Barbarossa, regierten nicht von einer Hauptstadt aus, sondern zogen ständig durch das Reich, um auch entlegene Landstriche zu kontrollieren und Recht zu sprechen.

Kam der Herrscher samt Hofstaat in Wimpfen vorbei, hieß es blitzschnell einen kaiserlichen Service auf die Beine zu stellen, alle Gefolgsleute und all die Adligen, die dann zum Hofe strömten, zu verköstigen. „Wahrscheinlich kam dann auf jeden Wimpfener ein Besucher“, so Waidler. Für die Bewohner sicher eine ziemliche Last und eine große Erleichterung, wenn die gefräßige Karawane weiterzog.

Klappbarer Jesus

Auch nach dem Ende der Stauferzeit blieb Wimpfen – damals noch ohne den Zusatz „Bad“ – ein wichtiger und vor allem wohlhabender Ort. Ab etwa 1300 waren die Bürger der Reichsstadt nur noch dem Kaiser Rechenschaft schuldig und regierten sich mit zwei gewählten Bürgermeistern und einem städtischen Gericht selbst. Viele Fachwerkhäuser zeugen heute noch von dieser Zeit, ebenso wie die Stadtkirche, nur wenige Gehminuten östlich des Burgviertels.

Auf den ersten Blick eine ganz normale alte Kirche, beherbergt sie allerhand Kuriositäten. Zum einen geben die Apostelbilder aus dem frühen 16. Jahrhundert Rätsel auf: „Apostel Philippus trägt das Gesicht Luthers und Apostel Matthäus verfügt erstaunlicherweise über sechs Zehen“, zeigt Waidler im Halbdunkel der Kirche. Ob diese schrägen Details bei der Restaurierung 1870 hinzugefügt wurden? Spektakulär ist auch das hölzerne Kruzifix aus dem Jahr 1481 in der nördlichen Seitenkapelle.

Der besondere Clou an der eher unscheinbaren Jesusfigur ist, „dass man die Holznägel herausziehen kann, sodass die Arme dank der Scharniere nach unten fallen“, so Waidler. Wahrscheinlich ging Jesus einst regelmäßig zu österlichen Darbietungen auf Prozession und wurde dafür vom Kreuz genommen. Zudem baute ein findiger Schnitzer einen kleinen Hohlraum ein, der mit Tierblut gefüllt werden konnte. Benutzt wurde dieser Spezialeffekt allerdings wohl nie, denn es gibt keine Blutspuren.

Frühes Seniorenheim

Historisch nicht minder interessant ist das Alte Spital aus dem Jahr 1230, einige Hundert Meter bergab gelegen. Im heutigen Reichsstädtischen Museum war im Mittelalter ein frühes Seniorenheim untergebracht. Wie in einer modernen Senioren-Residenz standen hier Zimmer inklusive Pflegeleistung zur Verfügung gegen Bares. Oder aber die Senioren gaben ihre Ländereien an das Spital, das so in den Genuss der Abgaben kam und nach dem Tod den Besitz erbte.

Dass all das heute noch so gut erhalten ist, hat einen einfachen Grund. 1622 tobte vor den Toren der Stadt eine der blutigsten Schlachten des Dreißigjährigen Krieges. Und nicht nur das: „Rund 80-mal wurde die Stadt besetzt und belagert“, weiß Waidler. „1648 war Bad Wimpfen restlos ausgeplündert, gerade mal 37 Familien hatten überlebt.“ Wimpfen versank in völliger Armut. Es fehlte schlicht das Geld für Veränderungen.

Erst fast 200 Jahre später wandten sich die Geschicke der Stadt wieder zum Besseren: 1817 gelang es, die seit Langem bekannten Salzvorkommen als Sole zu fördern. Wimpfen wurde nicht nur zum Bade-Kurort, es durfte sich ab 1930 sogar mit einem „Bad“ vor dem Namen schmücken. Die politische und industrielle Bedeutungslosigkeit erwies sich im Zweiten Weltkrieg als Segen, denn Bad Wimpfen war schlicht zu unwichtig, als dass es die Alliierten bombardiert hätten.

Mit ein bisschen Fantasie läuft man hier also heute noch immer durchs Mittelalter.

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