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NWZonline.de Ratgeber Reise

Deutschland: Im 100er Bus durch die Hauptstadt

30.10.2020

Berlin Sandalen mit Tennissocken, Peace-Zeichen fürs Selfie, der berühmt-berüchtigte Brustbeutel: Es gibt Klischees, die Touristen eindeutig als Touristen outen – und für die sie von allen selbst ernannten echten Reisenden belächelt werden.

Eine Tour mit dem Sightseeing-Bus rangiert ganz oben auf der Liste. Solche Busse sind Doppeldecker-Ungetüme, die über die Hauptstraßen rollen, weil sie nicht durch die kleinen, interessanten Gassen passen. Schaukelnde Inseln, die jeden Kontakt mit den Einheimischen unterbinden. Was kann man so von einer Stadt sehen?

„Ich seh’ nix“, sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin im Berliner 100er Bus. Den Rest der Fahrt schauen sie auf ihre Smartphones. Siegessäule, Schloss Bellevue, nächster Stopp: Brandenburger Tor. Offensichtlich uninteressant, nicht einmal ein Foto durchs Fenster.

Witzige Ansagen

Der Regen perlt an den Panoramafenstern vorne in der oberen Etage herunter, und der Busfahrer schert sich nicht darum, dass es den Touristen die Aussicht verhagelt. Die Scheibenwischer bleiben aus.

In den 1990er Jahren war das noch anders. Damals, heißt es, war eine Fahrt mit dem 100er Pflicht für Berlin-Besucher. Die Busfahrer auf dieser Linie entlang vieler berühmter Sehenswürdigkeiten waren für ihre witzigen Haltestellenansagen berühmt, manche machten ganze Stadtführungen daraus.

Heute kommen die Ansagen ohne Schnörkel vom Band, kommentiert wird allenfalls die Stehplatzwahl unverbesserlicher Türblockierer. Der 100er ist schließlich ein Linienbus – und gleichzeitig der Klassiker unter den Berliner Sightseeing-Bussen. In diesem Jahr wird die Linie 30 Jahre alt.

Nach der Wiedervereinigung startete die Buslinie im öffentlichen Nahverkehr als erste Busverbindung zwischen Ost- und Westberlin. Ein emotionales und organisatorisches Abenteuer, schließlich gab es beiderseits der Mauer Verkehrsbetriebe mit jeweils eigenen Dienstplänen, Tarifen und Bussen.

Tränen in den Augen

„Dienstalte Fahrer von uns hatten Tränen in den Augen, als wir in der Doppeldecker-Schulung das erste Mal durch das Brandenburger Tor rollten“, erinnert sich Olaf Munzert, der noch heute für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Busse durch die Hauptstadt steuert. Die Fahrt durchs Brandenburger Tor ist inzwischen nicht mehr möglich.

„Jahrelang war ich als Fahrer der Ost BVB an der Mauer entlanggefahren und hatte mich damit abgefunden, nie rüber zu dürfen“, erzählt Munzert. „Und plötzlich rollte ich mit einem Doppeldecker durchs Tor und war 18 Minuten später am Zoologischen Garten in der City West. Das war großartig.“

Die Aussicht an diesem Tag ist dagegen wenig berauschend. Irgendwo zwischen Siegessäule und Schloss Bellevue fangen die ersten Fahrgäste an, die Scheiben mit ihren Ärmeln zu putzen. Das verrät sie natürlich als Touristen, aber die Berliner sitzen sowieso unten. Lässig und desinteressiert, mit einem Buch oder einem Handy in der Hand.

Der 100er führt nicht mehr in den jeweils unbekannten Teil der Stadt. Selbst dort, wo der Unterschied zwischen Ost und West noch durch das Busfenster zu erahnen ist, hat Gelassenheit längst das Abenteuer ersetzt. Vielleicht erzählt die Berlin-Besichtigung per Bus ja mehr über die Menschen als über die Bauwerke.

Glaskuppel besichtigen

„Reichstag“, kündigt eine Frauenstimme an. Im Oberdeck macht eine niederländische Familie die erste Reihe frei. Spätestens hier steigen viele Berlin-Besucher aus, um die Glaskuppel zu sehen und ihr Selfie vorm Brandenburger Tor zu schießen.

Seit 30 Jahren verbindet der 100er nun schon den Bahnhof Zoo im Westen mit dem Alexanderplatz im Osten und wird in jedem Reiseführer empfohlen. Für 2,90 Euro – so viel kostet ein Einzelfahrschein – geht es in einer halben Stunde vorbei an Berliner Wahrzeichen wie der Gedächtniskirche, dem Reichstag oder dem Brandenburger Tor.

Wer will, kann mit dem Ticket aber auch 90 Minuten lang in eine Richtung fahren und die Linie wie bei einer Tour mit einem touristischen Sightseeing-Bus nach dem Hop-on-hop-off-Prinzip nutzen: Aussteigen, Fotos machen und in den nächsten Bus wieder einsteigen.

Bus als Fotomotiv

Der Selfiewahn von heute war den touristischen Pionieren der 1990er Jahre noch fremd. Damals war noch der 100er selbst der Star. „Manchmal bist du durch das Tor gerollt und auf der anderen Seite standen asiatische Touris. Die zückten alle ihre Fotoapparate und überschütteten einen mit Blitzlicht“, erinnert sich Busfahrer Munzert. „Ich habe den Bus öfter zum Stillstand abgebremst und gewartet, bis ich wieder sehen konnte.“

Inzwischen fahren jährlich mehr als eine Million Fahrgäste aus aller Welt mit der Linie 100. An der Haltestelle plaudert ein Hipster mit umgehängter Retro-Kamera mit seinem Freund auf Englisch, eine Gruppe Spanier redet lautstark durcheinander, ein Pärchen mit Kinderwagen lässt die nächsten beiden 100er fahren, weil die kein zweites Deck haben.

In Berlin ist es nicht immer leicht, Einheimische und Touristen auseinanderzuhalten. Die Stadt ist voll von Menschen verschiedener Kulturen, an jeder Ecke hört man andere Sprachen. Wer von den Berliner Kiezen schwärmt, der wird auch den Mikrokosmos Bushaltestelle zu schätzen wissen – am besten mit einer Imbissbude und einem Spätkauf für den Getränkenachschub in Rufweite.

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