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NWZonline.de Ratgeber Reise

Kreischbuntes Leben in alten Gruben

14.09.2019

Bethesda Gerade noch sahen wir aus wie Kampfpiloten, im roten Overall und weißen Helm, um die Brust ein Zwitter aus Klettergurt und Metzgerschürze. Doch nun ist jeder Stolz passé. Bäuchlings liegen wir auf Pritschen, bestens gelaunte Waliser zurren uns wie Vieh in Gurten fest und klicken uns mit Karabinern in Stahlschlitten. „Drei, zwei, eins – und los!“, schreit jemand, und Kopf voraus schießen wir am Stahlseil über türkises Wasser.

Flug über Lagune

Könnte eine Lagune in der Südsee sein, denke ich im kurzen Flug, oder ein Gletschersee in Patagonien – wären da nicht die grauen Stufen, die ringsum ansteigen. Sie sind die Reste des größten Schiefertagebaus der Welt. Wobei Reste nicht ganz korrekt ist, schließlich ist der Penrhyn-Steinbruch noch aktiv – als einer der letzten in Wales.

Schiefer war im 19. Jahrhundert der Exportschlager des kleinen Landes. Die Steinplatten wurden als Dachziegel, Schreibtafeln, Grabsteine und Billardtische in alle Welt verkauft. Bis zuerst der spanische und dann der chinesische Schiefer billiger waren und die Minen in den 1960er Jahren schlossen.

Doch nun regt sich neues Leben in den grauen Wunden, die der Tagebau in die grünen Hügel gerissen hat. Mit viel Geld bauen Unternehmer die Industriebrachen zu einem großen Abenteuer-Spielplatz um. Und die Neugierigen strömen trotz saftiger Preise herbei.

„Die schnellste Zipline der Welt“ versprechen ihnen Monitore im Besucherzentrum. Im 20-Minuten-Rhythmus werden Gruppen gewogen, eingekleidet und in Lastern zur Startrampe der Velocity 2 gekarrt. Nach dem Flug können sie in einem Restaurant mit Blick auf den Grubensee speisen.

„Zip World ist ein Touristenmagnet in Nordwales“, sagt Joanna Perrin (25), die Pressesprecherin der Firma. Und ein massiver wirtschaftlicher Faktor in dieser strukturschwachen Gegend. Geschaffen hat ihn Sean Taylor. Vor zwölf Jahren steckte er sein Geld in einen Hochseilgarten, mit zwei Freunden startete er ein paar Jahre später dann Zip World.

In den unterirdischen Minen bei Blaenau Ffestiniog hat Zip World einen noch aberwitzigeren Spaßpark gebaut. Durch einen niedrigen Stollen gehen wir in den Berg, bis sich eine Höhle öffnet, in die scheinbar eine Monsterspinne ihre Netze gespannt hat. Angestrahlt von wechselnd bunten Scheinwerfern, angefeuert von Partymusik, hüpfen Kinder und Eltern durch die Trampoline, die in mehreren Ebenen übereinander und nebeneinander gespannt sind. Dazwischen kriechen sie durch Netzgänge oder gleiten Rutschen hinab.

Klettern unter Dach

Die Konkurrenz ist umtriebig. Adventure Parc Snowdonia nennt sich der große Herausforderer seit Jahresbeginn. Sein Spaßpark, zuvor bekannt als Surf Snowdonia, steht in Dolgarrog an der Nordostgrenze des Nationalparks. Die englische Industriellenfamilie Ainscough hat dort vor Jahren eine alte Aluminiumfabrik gekauft, abgerissen und an ihrer Stelle 2015 eine Surflagune mit laufender Welle eröffnet: ein lang gezogenes Becken, in dessen Mitte ein schmaler Steg auf dünnen Stahlträgern verläuft.

„Das ist wie ein Skilift, der einen großen Schneepflug durchs Wasser zieht“, sagt Tom Kenyon. Der 31-Jährige ritt schon als Junge die Wellen vor den Hebriden. Seit vier Jahren arbeitet er als Surflehrer im Adventure Parc Snowdonia.

Damit die Gäste auch im Winter kommen, gibt es eine neue Halle. Geschützt vor dem walisischen Regen kann man dort durch einen Klettersteig unter dem Dach kraxeln, in Fiberglashöhlen robben, über einen Ninja-Parcours springen. Und, ganz wie bei Zip World, draußen an Stahlseilen über die Lagune fliegen.

Ganz so autobahnschnell wie im Penrhyn-Steinbruch jagt man allerdings nicht dahin, und das Wasser ist eher braun als türkis. Dafür könnte man durch den Schleier des Nieselregens fast denken, dass auf dem Hügel hinter der Lagune tropischer Regenwald wächst – wenn man die Augen nur etwas zukneift.

Anreise: Aus mehreren deutschen Städten gibt es Nonstop-Flüge nach Manchester. Von dort fährt man im Zug nach Bangor. Dort nimmt man am besten einen Mietwagen, denn die Abenteuerparks sind etwas abgelegen.

Reisezeit: Die Attraktionen von Zip World und die neue Halle von Adventure Parc Snowdonia sind das ganze Jahr über geöffnet, die Surfwelle läuft von März bis Dezember.

Unterkunft: In Nordwales finden Urlauber alles vom Luxushotel bis zum einfachen Bed & Breakfast. Direkt neben dem Adventure Parc Snowdonia können sich bis zu vier Gäste für 65 Pfund (rund 72 Euro) eine spartanische Campinghütte teilen.

Informationen: Zipworld im Snowdonia Nationalpark und Adventure Parc Snowdonia und Visit Wales,
E-Mail: info@visitwales.com

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