BINZ - Entstanden ist die Kreide vor 67 Millionen Jahren. Ihr Abbau war bis Anfang des 20. Jahrhunderts Knochenarbeit.

Von Katja Müller,

BINZ - Lehrer schreiben mit Kreide auf die Tafeln – so hat es jeder zu Schulzeiten erlebt. Doch eigentlich stimmt das gar nicht: „Das ist keine Kreide. Tafelkreide besteht zum größten Teil aus Gips“, sagt Manfred Kutscher. Der pensionierte Geologe klärt Besucher des Kreidemuseums Gummanz auf der Ostseeinsel Rügen gerne über diesen populären Irrtum auf. Das im August 2005 eröffnete Museum will auch sonst möglichst viele Fragen rund um Kreide beantworten.

Urlauber finden es auf der Halbinsel Jasmund im Norden Rügens, fünf Kilometer Luftlinie von der Kreideküste von Stubbenkammer entfernt. Das Museumsgebäude ist das einzige Gebäude auf Jasmund, das in der Nähe eines echten Kreidebruchs erhalten geblieben ist. Rund 40 solche Brüche gab es früher. Hinter dem Bau aus roten Backsteinen tut sich ein herrliches Stück Rügenlandschaft auf: Sanfte Hügel, ein Kreidefelsen – wie gemacht für einen Spaziergang im Spätsommer.

„Das ist der Kleine Königsstuhl. Der heißt so, weil er 130 Meter hoch und damit zehn Meter höher ist als der bekannte Königsstuhl“, erklärt Kutscher und lacht. Der als Königsstuhl bekannte Kreidefelsen von Stubbenkammer sei prominenter, auch wenn seine Schönheit erst bei einer Tour auf dem Wasser zur Geltung komme.

Der Kleine Königsstuhl ragt wie eine weiße Wand in den Himmel. Ein kleiner Pfad, gesäumt von Orchideen, schlängelt sich auf ihn zu. Der Weg führt vorbei an Utensilien aus der Zeit des Kreideabbaus: Loren, Mahlwerke, Absetzbecken und Trockenregale – Geräte, die bis in die 60er-Jahre noch im Einsatz waren. Stolz ist Museumsleiterin Lina Schmidt auf einen originalen Stummfilm, der die Knochenarbeit des Kreideabbaus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt. „Erst in den 60er-Jahren wurde der Kreideabbau voll automatisiert.“ „Bis heute ist Kreide aus unserem Alltag nicht wegzudenken: Sie wird als Düngekalk ebenso eingesetzt wie zur Rauchgasentschwefelung“, sagt Schmidt.

Auch die Kosmetikindustrie arbeitet mit Kreide: Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden im damaligen Ostseebad Sassnitz Anwendungen angeboten. Auch heute verschreiben sich Wellnessbetriebe der Rügener Heilkreide: „Von 100 gebuchten Wellness-Arrangements haben rund 70 mit Kreide zu tun“, sagt Manfred Aschrich, Geschäftsführer eines Hotels im Ostseebad Binz. „Deshalb wollen wir in Zukunft die Kreide noch mehr in unsere Arrangements einbinden.“

Heilkreide aus Rügen ist inzwischen in Form von Cremes, Peelings oder sogar als Zahnpasta auch zu Hause anwendbar. Seit dem Jahr 2000 setzt sich der Verein Rügener Heilkreide dafür ein, die Kreide qualitätsbewusst touristisch zu vermarkten. „Weil Kreide aus einer Mischung aus Mineralien und Kalk besteht, erzeugt sie eine eigene Tiefenwärme. Sie wirkt auf diese Art stoffwechselanregend und löst Verspannungen in der Muskulatur“, sagt Monika Willert, Leiterin der Beautyfarm in einem Strandhotel in Binz.

Entstanden ist die Kreide vor 67 Millionen Jahren. Damals lag die Insel Rügen am südlichen Rand des Norwegisch-Dänischen Beckens, das Teil einer Meeresstraße war. Darin lagerten sich winzige Kalkreste einzelliger Lebewesen ab – heute das „Weiße Gold von Rügen“.