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Kulturhauptstadt 2016: Breslau feiert sich selbst

19.01.2016

Breslau Die Geister hatten gerufen, und die Breslauer kamen, trotz Kälte und Minusgraden. Zum Höhepunkt des Eröffnungswochenendes der Europäischen Kulturhauptstadt 2016 strömten Tausende zum „Zug der Geister der Stadt“, der das Kulturjahr symbolisch wachrufen sollte. Bei Chorgesang und Funkenregen, mit menschlichen Avataren und schimmernden Wasserwesen zogen die Breslauer auf die Straßen - oder reihten sich gleich in die von vier Seiten Richtung Marktplatz ziehende Performance „Das Erwachen“ ein, die der britische Regisseur Chris Baldwin inszenierte.

Fiesta-Stimmung im polnischen Winter erzeugen - das schien zuvor ein zweifelhaftes Unternehmen beim Auftakt des Kulturjahres mit mehr als 1000 Projekten. Freiwillige Helfer harrten am Samstag und Sonntag tapfer aus an den Informationspunkten überall im Zentrum der niederschlesischen Stadt, verkauften Kaffee, Tee und Glühwein zum Warmwerden. Musiker trotzten der Kälte und spielten unverdrossen unter freiem Himmel Jazz, Klassik oder Folklore.

Doch das Publikum machte sich zunächst eher rar. Musikliebhaber standen zusammen mit städtischen Obdachlosen um die bereitgestellten Koksöfen bei den Open-Air-Auftritten. Lediglich das beheizte Zelt auf einem der Breslauer Plätze zog eine größere Menschenmenge an.

Krzysztof Maj, Festivaldirektor des Europäischen Kulturjahrs, ist nicht um große Worte verlegen. „Das ist das wichtigste Jahr in der Nachkriegsgeschichte Breslaus“, meinte er zu der Chance, ein Jahr lang eine der kulturellen Visitenkarten Europas zu sein. Spektakulär wurde es allemal, als sich am Sonntagnachmittag im Dämmerlicht die „Geister“ daran machten, mit Akrobatik und Tanz, mit Chorälen und Trommelrhythmen die Stadtgeschichte zu inszenieren.

Maj hatte die Breslauer aufgerufen, Glocken, Schellen und Ähnliches mit zum Zug zu bringen. „Gemeinsam wecken wir Europa auf“, versprach er. Denn auf dem Marktplatz erinnerte überlautes Uhrticken daran, dass die Zeit für das Kulturjahr geschlagen hat.

Aus allen Himmelsrichten zogen die 1300 Künstler und viele Breslauer in das Stadtzentrum. Nicht nur die Metallkonstruktionen der „Geister“ erinnerten ein wenig an einen Karnevalsumzug.

Goldgewandete Sänger symbolisierten den „Geist vieler Konfessionen“, der für das multikulturelle Erbe der Stadt steht. Auf Deutsch, Polnisch und Hebräisch wurde diese Vielfalt auch musikalisch heraufbeschworen.

Als schwarzgekleidete Maschinenmenschen präsentierten sich die Darsteller des „Geistes der Innovation“ in der Universitätsstadt. Mit blauen Plastikbahnen ließen Tänzer in schuppenschimmernden Kostümen die Wellen um den Geist des Hochwassers entstehen.

Mit Koffern und Leiterwagen zog der „Geist des Wiederaufbaus“ in die Stadt, deren Bevölkerung 1945 nahezu vollständig ausgetauscht worden war. „Feuerwand“, eine der szenischen Inszenierungen entlang der Marschstrecke, erinnerte an den Untergang des alten Breslaus, aus dessen Asche das moderne Wroclaw geboren wurde.

Für Mary Sadowska, eine der künstlerischen Mitarbeiterinnen, ist gerade dieser Teil des Eröffnungszugs hoch aktuell: „Er erzählt auch, was heute in Europa geschieht, von Flüchtlingen, die von einem fremden Ort kommen und auf unterschiedliche Reaktionen stoßen“, schilderte sie die Überlegungen für die Inszenierung. „Dieser Geist erzählt von Menschen, die alles verlieren und auf ihrer Reise lernen, gemeinsam in einer neuen Gesellschaft zu funktionieren.“

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