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NWZonline.de Ratgeber Reise

Deutschland: Kraft tanken: Seelenorte im Sauerland

24.10.2020

Brilon Wolfgang Kraft muss schmunzeln, denn dieses Wortspiel kennt er natürlich: Herr Kraft führt seine Gäste zum Kraftort. Und zwar zu den Almequellen. Quellen, Kirchen, einsame Bachtäler, knorrige Bäume, schroffe Felsen und ungewöhnliche Friedhöfe: All dies sind Kraftorte im Sauerland.

„Wir nennen die besonderen Plätze Seelenorte“, sagt Wanderreferentin Sabine Risse vom Tourismusverband der Region. Diese Überhöhung mag man zunächst für gewagt halten oder schlicht für Marketing. Oder man nimmt sie als Anstoß, um das Sauerland einmal selbst zu erkunden.

Stille erleben die Besucher an den Almequellen. „Kommen Sie mit auf die andere Seite der Talaue bis zur Ruhebank. Dort können Sie die Quellen sogar hören“, verspricht Wolfgang Kraft. Da blubbert es beständig aus dem Untergrund, Bläschen steigen auf und zeichnen Kreise an der Wasseroberfläche.

Aus 104 Quellen sprudeln bis zu 800 Liter pro Sekunde. Die Wasser bilden das Alme-Flüsschen, das von hier aus talwärts strömt und bei Schloss Neuhaus in die Lippe mündet.

Wanderer zieht es zu den Almequellen, gerade in diesen Zeiten. Sie halten inne und lauschen dem beruhigenden Klang der plätschernden Alme. So hat es Pensionär Kraft beobachtet.

Die Almequellen sind nur einer der Seelenorte im Sauerland, verteilt über ein großflächiges Gebiet zwischen dem Grevenbrücker Steinbruch an der Peperburg im Westen und dem östlichen Diemelsee.

Das Konzept Seelenort hat folgenden Hintergrund: Heimatkundler, Historiker, Förster, Pfarrer, Naturschützer und Wanderführer wurden vor drei Jahren aufgerufen, ihre besonderen Plätze zu benennen. Mit überwältigendem Echo: Mehr als 200 Vorschläge kamen zusammen. Aus ihnen wurden 43 Orte herausgefiltert, die als Bestandteile regionaler Kultur und Geschichte prägend sind für Land und Leute.

Ehrliche Plätze

„Ehrliche Plätze, die den Sauerländern selbst wichtig sind“, betont Touristikerin Risse. Und Anlaufpunkte für Auswärtige, auch einmal dieses Mittelgebirge in Westfalen kennenzulernen. Mit Waldbaden, das derzeit von Influencern gehypt wird und so manche Ferienregion für sich entdeckt haben will, hat das nichts zu tun.

Im Land der 1000 Berge – so ein Name für das Sauerland – spielt der Wilzenberg zwischen Grafschaft, Gleidorf und Winkhausen eine Sonderrolle. 685 Meter ragt er als Berg mit breitem Buckel in die Höhe. „Alle anderen Gipfel sind in Bergketten eingebunden“, sagt Hans-Robert Schrewe bei einer Tour auf den Wilzenberg. Das gilt für den Langenberg, mit 843 Metern die höchste Erhebung in Nordrhein-Westfalen, und für den Kahlen Asten, 841 Meter.

Erzählpaten informieren

Schrewe war früher Beamter in Schmallenberg, heute bezeichnet er sich als Erzählpate vom Wilzenberg. Er hat viel zu berichten: Von den Kelten, die bereits 200 Jahre v. Chr. auf der Höhe eine Fliehburg anlegten, gefolgt von einem zweiten Ringwall um 1000 n. Chr. Reste der Anlagen sind auch heute noch auszumachen.

Als heiligen Berg bezeichnen sie den Wilzenberg. Bereits 1543 wurde eine Kapelle auf dem Bergplateau erwähnt. Die heutige, schlichte Marienkapelle stammt von 1633. Seit 200 Jahren sei der Wilzenberg Wallfahrtsstätte, so Schrewe. Alle drei Jahre wandern mehr als 400 Schützenbrüder aus dem Raum Meschede singend und betend den Berg empor – für sie ist das ein Seelenort.

Persönliche Geschichten

Wie der Wilzenberg haben viele der 43 Seelenorte einen Paten, mit denen man nach Absprache den jeweiligen Platz besuchen kann. Informationen dazu bietet Sauerland-Tourismus. Auf diesen Touren erfährt der Gast auch persönliche Geschichten.

Den Seelenfrieden finden: eine Redensart, die zu weiteren Orten leitet – aber anders, als man denkt. Beim Freistuhl im Dörfchen Medebach-Düdinghausen tagten im Mittelalter Schiedsgerichte. „Sie urteilten über kleinere Vergehen, den heimlich versetzten Grenzstein, die verletzte Kuh und eine Wirtshausschlägerei“, erklärt Pate Horst Frese. „Die Strafen waren angemessen, damit der Seelenfrieden unter den Nachbarn im Dorf wiederhergestellt werden konnte.“

Ranger Ralf Schmidt führt seine Gäste wiederum ins Schwarzbachtal. Wo der Rothaarsteig den Bach auf einer Holzbrücke überquert, „kann man die Seele baumeln lassen“, sagt der Forstwirtschaftsmeister. Ganz ruhig ist es im einsamen Talgrund.

Blick für kleine Dinge

Manchmal wird der Ranger gefragt: Können sie uns etwas Spektakuläres bieten? Schmidts Antwort: „Die kleinen Dinge, die wir wandernd im Tal entdecken, sie sind herausragend.“ Forellen huschen im klaren Wasser. Im Naturschutzgebiet leben Luchs und Wildkatze, Rot- und Schwarzwild sowieso, Wasseramseln, Eisvögel und seltene Schwarzstörche, Blauflügel-Prachtlibellen, Dukaten-Feuerfalter und Bockkäfer.

Wo kommen wir her und wohin gehen wir? Diese Fragen mag man während der Reise zu den Seelenorten im Sauerland stellen. Im Tod sind alle gleich: Diese Volksweisheit wird deutlich auf dem Friedhof in Schmallenberg-Wormbach an der Dorfkirche St. Peter und Paul. Hier stehen schlichte Holzkreuze in Reih und Glied, keine riesigen Grabmäler.

Status-Kult beendet

„In den 1940er Jahren hat der damalige Pastor August Rösing diesen Kult beendet. Großer Bauer, dickster Grabstein, das war dem Pfarrer zuwider“, erzählt Rita Engelbertz. Die 79-Jährige zeigt seit vielen Jahren Besuchern Friedhof und Dorfkirche, um das Jahr 1250 erbaut und eines der ältesten Gotteshäuser weit und breit.

Das heutige Gotteshaus ist die vierte Kirche, das erste soll Überlieferungen zufolge schon im 8. Jahrhundert hier gestanden haben. Damals zogen Mönche über die Heidenstraße zwischen Köln und Kassel zur Christianisierung ins Sauerland.

Bonifatius, der Apostel der Deutschen, soll auch in Wormbach gewesen sein, wird in manchen Erzählungen behauptet. Sicher ist das keineswegs. Seelenorte bergen ihre Geheimnisse.

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