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NWZonline.de Ratgeber Reise

Mit Dem Classic Courier Von Berlin Nach Slowenien: Schienenkreuzfahrt im Nostalgie-Zug

25.04.2020

Berlin Acht Uhr morgens am Berliner Hauptbahnhof. Die meisten Zug-Pendler sind bereits zur Arbeit gefahren. Nur auf Gleis 18 am Berliner Hauptbahnhof steht eine auffällig große Menschentraube. Neben den Reisenden säumen auch zahlreiche Fotoapparate, die zum Teil auf Stativen, in Position gebracht worden sind, den Bahnsteig. Allesamt warten sie auf den Classic Courier. Ein Mann, der die Szene beobachtet, fragt eine wartende Dame am Bahnsteig: „Ist hier ein Star im Anmarsch?“ „Nein, ein Zug“, antwortet sie. Irritiert dreht sich der Fragende um und murmelt „was sonst soll im Bahnhof ankommen – ein Flugzeug?“

In der Tat, auf dieser Reise ist der Zug der Star. In allen Bahnhöfen ist der blau-goldene Zug das Objekt der Begierde. Der Nostalgie-Zug startet mehrmals im Jahr zu einer Schienenkreuzfahrt. Während bei einer Schiffsreise die Landgänge das Highlight sind, stehen bei Schienenkreuzfahrten auch die Bahnstrecken im Fokus, denn der Sonderzug fährt abseits der üblichen Routen, zum Teil auf eingleisigen Strecken – ohne internationalen Verkehr. Und es gibt noch einen Unterschied zu Kreuzfahrten auf dem Wasser: die Gäste übernachten nicht an Bord, sondern in ausgewählten Hotels entlang der Route.

„Gemütlich reisen im Stil der alten Zeit“, das ist hier die Devise. Schnell lässt man die Hektik des Alltags hinter sich und entspannt in den weichen Polstersitzen. Während der ICE die Strecke Berlin – München in 4,5 Stunden zurücklegt, braucht der Classic Courier – bestehend aus neun ehemaligen Schnellzugwagen aus den 40er bis 70er Jahren – gut doppelt so lange. Kilometer um Kilometer fährt er gemächlich seinem Ziel entgegen. Begleitet von dem Rollen der Achsen und dem angenehmen Lüftchen, welches durch die geöffneten Fenster in die Abteile dringt. Genau das vermittelt das Lebensgefühl jener Epoche.

Aber auch abseits der Strecken gibt es vieles zu entdecken! Nach mehr als zehn Stunden Fahrt erreichen wir am frühen Abend das erste Etappenziel: Salzburg. Im Bahnhof angekommen, warten bereits Reisebusse auf die Gruppen, um diese in die jeweiligen Hotels zu bringen. Kaum eingecheckt, bleibt Zeit die Mozartstadt zu erkunden.

Unübersehbar thront hoch über der City auf dem Festungsberg die Hohensalzburg. Zu den Besuchermagneten zählen auch der Festspielbezirk und das Geburtshaus von Mozart sowie die berühmte Getreidegasse, die zu den schönsten Einkaufsmeilen der Welt zählt. Es gäbe noch vieles zu bestaunen, aber der Classic Courier verlässt um die Mittagszeit den Bahnhof in Richtung Slowenien. Auf dem Weg zum Zug noch schnell ein Abstecher zu „Fürst“, um dort ein paar Original Salzburger Mozartkugeln zu kaufen. Ohne diese probiert zu haben, sollte man Salzburg nicht verlassen.

Wieder im Zug, müssen die Mozartkugeln noch warten, denn in den historischen Speisewagen wird das Mittagessen serviert. In der kleinen Küche zaubert die Köchin leckere Speisen, die frisch zubereitet werden.

Während des Essens rattert der Zug über die historische Strecke der Wocheinerbahn – eines der ältesten Industriedenkmäler Sloweniens. Die landschaftlich wunderschöne Strecke durch die Julischen Alpen begeistert nicht nur die Gäste, sondern ist auch die Lieblingsstrecke von Chefreisleiter Matthias Stück. Insgesamt 42 Tunnel und Brücken säumen die 1906 eröffnete Verbindung. Die bekannteste ist die längste Eisenbahnbrücke der Welt aus Stein – die Insonzo-Brücke die den „Smaragdgrünen Isonzo“ überspannt.

Es ist schon Nacht, als der Sonderzug die Endstation der Bahnlinie in Koper erreicht. Von hier geht es weiter mit dem Bus nach Portorož. Das „Seebad von Weltruf“ wie es in der k&k Monarchie hieß, liegt an der slowenischen Adriaküste. Die malerische Bucht mit dem kristallklaren Wasser ist umgeben von einer der ältesten Salinen Europas auf der einen Seite und auf der anderen gedeihen prächtige Olivenhaine auf den sonnenverwöhnten istrischen Hügeln.

Die Rundreise geht weiter – dieses Mal mit dem Bus. Auf dem Programm steht neben der größten und ältesten Stadt Istriens – Pula – auch das malerische Rovinj. Dessen idyllische Altstadt liegt auf einer Landzunge und die engen, kopfsteingepflasterten und verwinkelten Gassen führen zu der Kirche der Heiligen Euphemia, deren Turmspitze das Stadtbild prägt. Entdeckungsreisen machen hungrig, und die zahlreichen Tavernen direkt am Wasser laden zur Einkehr ein. Hier werden für kleines Geld köstliche istrische Spezialitäten wie das Nationalgericht Pljeskavica mit Kajmak (Frikadelle mit Rahm) serviert.

Mit vielen Eindrücken im Gepäck geht es wieder zurück zum Zug. Von der Küstenregion führt die Reise ins Landesinnere in die Hauptstadt Ljubljana. Auf der mehrstündigen Fahrt ist Zeit für einen Abstecher in den beliebten Salonwagen. Hier ist das Reich des Service-Chefs Meinrad Wernet. Er betreut das Highlight des Zugs. Der ehemalige Gepäckwagen wurde mit viel Liebe zum Detail in einen eleganten Gesellschaftswagen verwandelt. Neben einer Bar, laden dort tiefe Ohrensessel und bequeme Sofas zum Verweilen ein. Mit einem kühlen Drink vergeht die Zeit wie im Flug. Sogar ein Klavier ist mit an Bord. Das ist Eisenbahnromantik pur!

Romantisch ist auch das Städtchen Bled, die letzte Station auf der Reise. Der Luftkurort ist umgeben vom Alpenpanorama und liegt direkt an einem Gletschersee. Inmitten des Sees, auf einer kleinen Insel, steht die Marienkirche. Die Überfahrt erfolgt auch heute noch mit einem traditionellen Holzboot, der Plenta. Diese Bilderbuchlandschaft wusste auch Josip Tito zu schätzen, der eine Villa am Seeufer als Sommerresidenz nutzte. Auch wir sind von dem Ausblick fasziniert und genießen den Blick auf den See beim Sonnenuntergang.

Dann heißt es ein letztes Mal Koffer packen, denn der Classic Courier wartet schon. Kaum zu glauben, dass eine Woche schon vorbei ist. Auf dieser Reise erlebt man nicht nur beeindruckende Landschaften und sehenswerte Städte, sondern auch viele interessante Menschen mit ihren Geschichten zu den Strecken und der Geschichte der Eisenbahn. Spätestens jetzt versteht man, warum über 60 Prozent der immer wieder mit dem Classic Courier reisen.

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