Mont Saint-Michel - Bei Ebbe waten Spaziergänger barfuß durchs Watt, manchmal durch kniehohe Wasserströme. Einen Kilometer ist Mont Saint-Michel mit der riesigen Abtei vom französischen Festland entfernt. Steigt die Flut, wird der Klosterberg zu einer Insel, umgeben vom salzigen Meerwasser. Die Franzosen nennen den Komplex auch „La Merveille“: das Wunder.

Wie um neue Besucher anzuziehen, glänzt in diesem Sommer der frisch renovierte Erzengel Michael golden auf dem Dach der riesigen Abtei. „Im Jahr 708 erschien der Erzengel in der Nacht dem Bischof Aubert“, erzählt Touristenführer Dominique Gilbert die Gründungslegende: „Er beauftragte ihn mit dem Bau einer Kirche auf der Felseninsel, aber der Bischof glaubte zu träumen – bis der Engel ihm mit dem Finger ein Loch in den Schädel bohrte!“

Mont Saint-Michel ist ein Paradebeispiel für normannische Architektur – und dank der starken Gezeiten Naturschauspiel. Das Kloster ragt 157,1 Meter aus dem Meer hinaus. Seit 1979 sind Berg und Bucht Weltkulturerbe der Unesco. Jedes Jahr kommen mehr als 2,5 Millionen Besucher, vor allem Japaner. Seit den Terroranschlägen in Frankreich ist ihre Zahl allerdings zurückgegangen.

Im Kloster leben sieben Nonnen und vier Mönche der Gemeinschaften von Jerusalem, die in den 70er Jahren auf Initiative des damaligen Pariser Erzbischofs Kardinal Marty gegründet wurden. Sie kümmern sich um Buchhaltung, Essenszubereitung, spirituelle Ausbildung und um die Besucher. Die Gemeinde bietet auch Besinnungstage im Kloster an: Fünf Tage lang können Gäste das Leben der Nonnen und Mönche teilen.

135 Jahre lang hatte ein Damm mit einer Straße die Insel gezeitenunabhängig mit der Küste verbunden. Weil er aber die natürlichen Meeresströmungen unterbrach, drohte die Bucht zu versanden. Mit immensem Aufwand wurde der Damm deshalb durch einen Stahlsteg ersetzt, der bei Flut Wasser durchfließen lässt. Seit 2014 können Touristen auf der neuen Stelzenbrücke nun zu Fuß oder per Bus zum Mont Saint-Michel gelangen.

Sie kommen nicht nur wegen des Klosters, sondern auch wegen einer Spezialität: In ganz Frankreich berühmt ist das „Omelette der Mutter Poulard“ auf Mont Saint-Michel. Dazu gehören „gute Eier, gute Butter, ein guter Schneebesen“, mehr verrät „Omelettière“ Christine Le Retrait nicht.