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NWZonline.de Ratgeber Reise

Niederlande: Stadt am Meer mit zwei Gesichtern

07.04.2018

Den Haag Wer für ein paar Jahre in Den Haag gelebt hat, wird sich danach wohl immer dorthin zurücksehnen. Der Zauber dieser bei deutschen Reisenden eher wenig bekannten Stadt ergibt sich daraus, dass sie direkt am Meer liegt. An schönen Sommermorgen glaubt man die Verlockung des nahen Strandes in der salzigen Luft geradezu schmecken zu können. Und zu jeder Jahreszeit kreischen irgendwo die Möwen.

Sand und Sumpf

Das gilt jedoch in erster Linie dann, wenn man im guten Teil von Den Haag wohnt. Das ist der Westen, der in den Nordseedünen auf Sand gebaut ist. Der Osten – der schlechte Teil – steht auf Sumpfboden. Diese beiden Hälften der Stadt mit ihren 500 000 Einwohnern haben wenig miteinander zu tun. Es ist, als würde die Stadt von einer unsichtbaren Mauer geteilt.

Für ihre Bewohner gibt es sogar unterschiedliche Bezeichnungen: Wer auf Sand wohnt, ist ein Hagenaar. Oft handelt es sich dabei um jemanden, der zugezogen ist. Die Sumpfbewohner sind dagegen meist in der Stadt geboren und heißen Hagenezen. Sie sprechen ihren eigenen Dialekt, der sich in den Ohren anderer Niederländer sehr platt anhört. Die Hagenaren sprechen Haags, was betont vornehm klingt, oder auf Niederländisch: „bekakt“.

Beide Bevölkerungsgruppen haben in der Stadt ihr inoffizielles Denkmal. Für den Hagenezen ist es der Haagse Harry auf dem Grote Markt in der Einkaufszone. Mit diesem Standbild wurde 2016 eine Comicfigur verewigt, die im ganzen Königreich bekannt ist. Die Schöpfung des 2014 gestorbenen Zeichners Marnix Rueb läuft immer im Trainingsanzug herum, hat im Nacken ziemlich lange Haare und spricht durchweg Haager Platt. Zu ihren größten Fans soll König Willem-Alexander gehören, die Comichefte liegen nach Informationen der Zeitung „De Volkskrant“ im Palast aus.

Die zweite Statue ist aus Bronze und steht auf der vornehmen Allee Lange Voorhout. Dargestellt ist der flanierende Schriftsteller Louis Couperus (1863–1923). Couperus war so etwas wie der Oscar Wilde der Niederlande. Sein Wohnhaus in der vornehmen Javastraat ist heute ein kleines Museum. Es vermittelt noch etwas von der ganz speziellen Haager Fin-de-Siècle-Atmosphäre.

Couperus hat die schlechten Viertel von Den Haag sein Leben lang gemieden. Das von ihm oft besuchte Scheveningen hatte zu seiner Zeit noch einen ganz anderen Charakter als heute, es war ein mondänes Seebad, wovon heute nur noch das Kurhaus zeugt. Hagenaren bevorzugen heute die weiter nördlich gelegenen Bäder Wassenaar und Noordwijk.

Hin und wieder ist es in der Geschichte von Den Haag zu blutigen Zusammentreffen zwischen Hagenaren und Hagenezen gekommen. Auf dem Platz Groene Zoodje in der Innenstadt blickt der Staatsmann Johan de Witt (1625–1672) von seinem Sockel herunter. In Hollands Goldenem Zeitalter war dieser Patrizier fast 20 Jahre niederländischer Regierungschef. Doch als 1672 ein Krieg ausbrach, wurde er an einem strahlenden Sommertag zusammen mit seinem Bruder von einer wütenden Menge gelyncht. Die Leichenteile verkaufte man als Souvenirs. Im Historischen Museum von Den Haag werden bis heute eine Zunge und ein Finger ausgestellt.

Diskrete Schönheit

Die meisten Touristen bewegen sich „im Haag“, wie man früher gern sagte, nur auf Sandboden. Doch man sollte sich auch mal in den Sumpf wagen – es lohnt sich. Da ist zum Beispiel „de Haagse Markt“, der größte überdeckte Markt Europas im Multikulti-Viertel Schilderswijk.

Um das andere Den Haag zu erleben, die „schöne Stadt hinter den Dünen“, kann man sich am besten ein Fahrrad mieten und in Richtung Strand fahren. Zum Beispiel über den Denneweg mit vielen Läden in die Archipelbuurt oder Indische Buurt.

In der Archipelbuurt, im Statenkwartier und in der Innenstadt entfaltet Den Haag seine diskrete Schönheit. Ganze Straßenzüge atmen den Geist der Belle Epoque. Unbedingt für den Nachmittagstee zu empfehlen ist das „Hotel des Indes“, in dem schon die Tänzerin Mata Hari abstieg. Nur einen Steinwurf weit vom Hotel entfernt befindet sich das Regierungszen­trum der Niederlande, der Binnenhof. Dort darf man keine pompösen Fassaden, Absperrungen oder Wachsoldaten erwarten. Der Mittelpunkt niederländischer Macht ist nichts anderes als ein „Innenhof mit einer Pumpe“, wie es der Schriftsteller Harry Mulisch (1927–2010) einmal ausgedrückt hat.

Am Rande des Binnenhofs befindet sich auch der Amtssitz von Ministerpräsident Mark Rutte. Das niederländische Pendant zum Kanzleramt ist „het torentje“, ein kleines Türmchen, an dem die ausländischen Touristen achtlos vorbeilaufen. In den Niederlanden ist eine allzu offene Zurschaustellung von Macht und Reichtum verpönt.

Anreise und Formalitäten: Deutsche Urlauber brauchen nur einen gültigen Personalausweis. Per Zug kann man mit dem ICE anreisen, in Utrecht muss man einmal umsteigen.

Informationen: Niederländisches Büro für Tourismus & Convention, Postfach 27 05 80, 50511 Köln


     https://www.holland.com 

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