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Italien Der Much ist der wichtigste Mann

Verena Wolff

Seiser Alm - Scharf klingt der Hieb der Peitsche aus dem Wald. Und gleich noch einmal das Echo, irgendwo unterhalb des Plattkogels. Und dann: erstmal nichts. Die Kühe auf der Weide rupfen am Gras und muhen vor sich hin, es werden immer mehr an diesem Vormittag. Plötzlich herrscht Aufregung auf der Seiser Alm. Aus allen Richtungen scheinen auf einmal Pferde herbeizugaloppieren, sie alle treiben Vieh vor sich her – manches störrischer, anderes weniger. Auch Männer und Frauen kommen aus den umliegenden Wäldern, sie helfen beim Zusammentreiben der Rinder. Und mittendrin: der Much.

Arbeit macht Spaß

Michael Tirler ist der junge Mann, der den Sommer über für die Tiere in der Saltnerei Saltria zuständig ist. Er, den dort alle „Much“ nennen, muss dafür sorgen, dass es den Kälbern, den Kühen und den anderen Rindern gut geht, die im Bereich der Saltnerei weiden. „Das kann schon ein gefährlicher Job sein“, sagt der 28-Jährige, der seine Zeit am liebsten auf der Alm verbringt. Schlaksig sieht er aus, ein bisschen schüchtern scheint er. Doch wenn er auf seinem Pferd steht und die Peitsche hoch über seinem Kopf schwingt, dann ist er sich seiner Sache sicher. Seit fünf Jahren schon ist er die rechte Hand von Saltner Alexander Ciabattoni – Ende nicht in Sicht.

„Die Arbeit macht mir Spaß – man ist bei den Tieren, in der Natur“, sagt der Much. Etwas Schöneres kann sich der gelernte Tischler nicht vorstellen. „Wenn am Abend alle Gäste wieder zurück in ihre Hotels wandern und wir hier oben ganz allein sind, dann ist die Welt in Ordnung.“ Allerdings: „Wenn man eine Familie hat, muss man die Arbeit aufgeben – das verträgt sich nicht“, sagt er. Früher war es den Saltnern sogar verboten zu heiraten. Denn: Die Tiere zu hüten ist ein Vollzeit-Job. Morgens reitet er auf die Weiden und schaut nach dem Rechten, „da bin ich bis mittags unterwegs“. Und abends setzt er sich noch einmal auf sein Pferd und dreht eine Runde. „Alle paar Tage muss ich jedes Tier gesehen haben“, sagt er.

Mehr als 400 Rinder und gut 30 Pferde betreut er auf der Gemeinschaftsalm, ein alter Brauch in Südtirol. „Das geht noch auf Maria Theresia zurück“, erläutert Sepp Hofer. Er ist der Obmann der Alminteressenschaft – und kennt die Saltnereien schon seit seiner Kindheit. „Die Fürstin aus dem Hause Habsburg hat die erste Almordnung erlassen.“ Aber in der einen oder anderen Form gebe es die Saltnereien bereits seit gut 1000 Jahren.

Zu Pferd und zu Fuß

Auf der Seiser Alm, der größten Hochalm Europas, ist vieles noch so geregelt, wie es schon vor Hunderten Jahren war. Nicht nur hat damals jeder Landwirt eine Alm bekommen, sondern auch das Recht, einige seiner Tiere zu einem der drei Saltner zu geben, die es dort oben gibt. Mitte Juni bringen die Bauern ihr Vieh in die Obhut des Hirten, Anfang September ist dann der Heimtrieb zurück zur Saltnerei. Und dabei gibt es viele helfende Hände, hoch zu Pferd oder zu Fuß. Auch der Sohn von Saltner Ciabattoni bekommt schulfrei und darf helfen. Und sogar der Sänger der Kastelruther Spatzen, Norbert Rier, fasst mit an – und greift bei der anschließenden Party in der Saltnerei gern zum Mikrofon. Gut eine Woche haben die Bauern dann Zeit, ihr Vieh wieder abzuholen und in den heimischen Stall zu treiben.

Zwar ist die Arbeit nicht mehr so gefährlich wie einst, denn wilde Tiere wie Wölfe oder Bären gibt es nicht mehr. Dennoch kann die Natur sich von ihrer harschen Seite zeigen. „Die Tiere können zum Beispiel vom Blitz getroffen werden“, sagt der Much. Und auch im Sommer sind sie nicht vor Neuschnee gefeit in 2000 Metern Höhe. „Wenn eine Kuh dann auf dem Felsen steht, kann sie leicht abrutschen.“ Überhaupt, sagt er, sei der Job nicht ganz ungefährlich. „Die Tiere können ja in Panik geraten – und dann sind sie unberechenbar.“

Ob ihm etwas fehlt da oben, in der Einsamkeit? „Nein“, sagt er. Hektik braucht er nicht, viele andere Leute um sich herum auch nicht. „Und das Handy habe ich immer bei mir, ohne geht es heute nicht mehr.“

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