Frankfurt Am Main - Goethe nahm gleich fast zwei Jahre Auszeit: Angeödet und eingeengt von seinem Staatsdienst am Weimarer Hof bricht er 1786 nach Italien auf. Seinen Arbeitgeber, Herzog Carl August, bittet er um „unbestimmten Urlaub“. Er wolle klüger zurückkommen, schreibt der Dichter. Auch die Hauptfigur in Robert Musils Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“, der 32-jährige Ulrich, nimmt sich ein Jahr lang „Urlaub vom Leben“, um zu sich selbst zu finden.
„Wer sich von Zeit zu Zeit eine Pause vom Beruf gönnt, arbeitet hinterher umso motivierter“, wirbt das Internetportal „Sabbatjahr.org“. Eine solche Pause müsse nichts mit Untätigkeit zu tun haben. Oft sei es gerade die Abwechslung durch eine andere Tätigkeit, für die im normalen Alltag kein Platz sei, die viel zur Ausgeglichenheit beisteuere. Einige machen eine Weltreise, andere schreiben ein Buch.
Der Begriff „Sabbatical“ war zunächst auf die Hochschulen beschränkt, wie Autorin Christa Langheiter („Mut zur Auszeit“) erklärt. Er geht auf das biblische Sabbatjahr zurück. „Nach sechs Jahren Bewirtschaftung sollst du das Feld ein Jahr ruhen lassen“, heißt es im Alten Testament. Dadurch bleibe die Ernte stabil oder wachse sogar. Nach dem Prinzip der ausgelaugten Felder, die sich wieder für einen guten Ertrag erholen müssen, funktioniert auch das Sabbatjahr, beschreibt Langheiter.
Der Wiener Zeitmanagement-Coach Burkhard Heidenberger warnt davor, die Signale einer Überlastung im Beruf zu übersehen: „Je belastender der Job, je größer der Leistungsdruck und Stress - und das über einen längeren Zeitraum und ohne absehbares Ende - desto größer die Gefahr eines Burn-outs.“ Grundsätzlich biete eine Auszeit immer eine hervorragende Möglichkeit, aus dem Arbeitsalltag und dem Alltagstrott auszubrechen, die Perspektive zu wechseln, den eigenen Horizont zu erweitern und neue Kraft und Energie zu schöpfen.
Zwar seien Sabbaticals in der heutigen Arbeitswelt noch nicht etabliert, sie würden aber immer beliebter, weiß die Autorin Kerstin Schaaf („Sabbaticals - Auszeit vom Job“). Andere Länder nutzen Schaaf zufolge dieses Arbeitsmodell bereits als gängiges Werkzeug zur Flexibilisierung der Arbeitszeit. Dies sei auch nötig, um Motivation und Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter zu erhalten.
Eine Auszeit kann durch Abbau von Überstunden, Gehaltsverzicht oder Lohnreduzierung möglich werden. Als gutes Instrument zur Vorbereitung gilt das sogenannte Wertguthaben, eine Art Arbeitszeitkonto. Damit könnten Beschäftigte „einen Teil ihrer Arbeitszeit oder einen Teil ihres Lohns längerfristig ansparen“, heißt es in einer Broschüre des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Von dem Guthaben kann man finanziell abgepuffert und sozialversicherungsrechtlich geschützt eine Auszeit vom Beruf nehmen, erklärt das Ministerium.
Goethes Aufbruch nach Italien war keine überstürzte Panikreaktion, sondern eine lange und sorgfältig geplante Lebensentscheidung, wie es die Klassik Stiftung Weimar darstellt. Auch das Portal „Sabbatjahr.org“ rät zu frühzeitiger Planung: Die Organisation dieses wichtigen Lebensabschnitts erfordere neben einer guten Vorausschau auch allerhand Bürokratie und einen „Fahrplan“.
Viele Experten raten etwa, den Arbeitgeber mindestens ein Jahr vorher zu informieren. Einen Rechtsanspruch auf einen befristeten Ausstieg gibt es in der Regel nicht. Auch der Wiedereinstieg nach der Auszeit muss gut geplant werden: „Schauen Sie einige Zeit vorher schon im Unternehmen vorbei, informieren Sie sich, was sich geändert hat, ob es neue Arbeitsabläufe oder neue Kollegen gibt - das erleichtert schon mal die psychische Vorbereitung auf den Wiedereinstieg“, rät Anti-Stress-Coach Heidenberger.
Und damit der frische Blick auch nach Rückkehr an den Arbeitsplatz möglichst lange erhalten bleibt, empfiehlt er, „kleine Auszeiten“ in den Alltag zu integrieren. Das kann eine Entspannungsübung sein oder ein regelmäßiger Abendspaziergang mit der Partnerin oder dem Partner. Heidenberger: „Solche bewussten Unterbrechungen beugen dem Alltagstrott vor.“
