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NWZonline.de Ratgeber Reise

Eine Reise für Trauernde nach Sardinien

21.09.2016

Alghero Seit der Reise nach Sardinien hat Trauer ein Geräusch. Sie ist das leise Klicken, wenn eine Münze auf einen Metallboden fällt; dieses dumpfe Geräusch, wenn ein Geldstück in einem Spendenkästchen aufschlägt. Man kann den Klang hören, wenn es in Kirchen bis auf das Schlurfen der Schritte fast still ist. Er geht dem Anzünden einer Kerze vor dem Altar voraus. Wenn Marita, Helga und die anderen 13 Frauen während der Reise eine Kirche besichtigt haben, hörte man das Geräusch jedes Mal. Klick, klick, 15 Mal. Dann zündeten sie die Kerzen an. So gedenken sie ihrer Toten.

Wer den liebsten Menschen in seinem Leben verliert, ist in den Ferien oft besonders allein. Mit wem nun auf Reisen gehen? Trauerreisen sind dann eine Option. Nur wenige Veranstalter in Deutschland bieten so etwas an - mit ganz unterschiedlichen Konzepten. Re-Bo-Reisen ist seit 2006 im Geschäft und hat den Sardinien-Trip organisiert, eine Gruppenreise mit Besichtigungsprogramm. Das Besondere: Während der Tour ist eine ausgebildete Trauerbegleiterin dabei, die man jederzeit ansprechen kann, aber nicht muss.

Das Kennenlernen ist um 10.00 Uhr am Pool des Hotels. 15 Frauen sitzen erwartungsvoll an einer langen Tafel. Im Rücken haben sie eine fast leere Gartenanlage, im Hotel sind wegen der Vorsaison nur wenige Gäste. Vor ihnen erstreckt sich das Meer, das grau und unruhig ist. Der Himmel ist bedeckt, kräftiger Wind.

„Bitte schließt niemanden aus“, sagt Claudia Heyne, Reiseleiterin und Geschäftsführerin von Re-Bo-Reisen in ihrer Begrüßungsrede. Es sei für jeden ein großer Schritt, sich allein zu einer Gruppenreise anzumelden, noch dazu, wenn man trauert. Jeder solle deshalb mit jedem an einem Tisch sitzen können. Und es sei niemand mit seiner Trauer auf sich gestellt: „Ihr seid nicht allein, ihr seid zu fünfzehnt“, endet sie. Dann geht die Vorstellungsrunde los.

„Ich heiße Marita, ich bin 63 Jahre alt, und mein Mann ist vor zwei Jahren an ALS gestorben, das ist die Krankheit, die ihr vielleicht von der Ice Water Challenge kennt.“

„Mein Name ist Helga, ich war mit meinem Mann viermal auf Sardinien, vor elf Monaten ist er an Asbestose gestorben, er war Psychologe, mit Asbest ist er während eines Studentenjobs vor über 40 Jahren für drei Wochen in Kontakt gekommen.“

So geht das reihum. Zwei Frauen haben Kinder verloren, andere Eltern und Ehepartner gleichzeitig. Nach dem vierten Schicksal steht eine Frau auf und geht weg. Einige Frauen weinen, als sie sich vorstellen. Nach etwa einer Stunde ist alles vorbei. Der Wind bläst. In Alghero ist es viel kälter als in Berlin.

Aus Helgas Reisetagebuch - erster Eintrag: „Zum ersten Mal eine Gruppenreise, lauter Frauen, 15 Witwen. Wie wird das werden?“

Am Nachmittag bricht die Gruppe zu einem Spaziergang in Algheros Altstadt auf, ein Städtchen, das jahrhundertelang unter katalanischer Herrschaft war. Wenn die Frauen gemeinsam durch die schmalen Gassen mit den zweisprachigen Straßenschildern schlendern, könnten sie alles sein: eine Sportgruppe, vielleicht ein Kegelverein.

Nun sitzen sie da, eine Polizistin, eine Zahnärztin, eine Unternehmerin, eine Krankenschwester, zwei Lehrerinnen, mehrere Hausfrauen. Die Jüngste ist 58, die Älteste 85. Es geht jetzt um harmlose Themen, um Ernährung zum Abnehmen und das Wetter in Deutschland. Als einer der Kellner von einer Windböe erfasst wird, fängt eine der Frauen auf einmal laut an zu lachen. Nach und nach stimmen die anderen am Tisch mit ein. Und sie lachen viel länger und lauter, als es die Situation hergibt - als sei es das Lachen an sich, das ihnen Freude macht.

Der erste Ausflug mit dem Bus geht nach Bosa, ein kleines Städtchen mit farbenfrohen Häuschen. Der Ort liegt am Temo, dem einzig schiffbaren Fluss Sardiniens. Die Sonne scheint. Die Frauen erkunden die schmalen Gässchen, sie schauen sich Geschäfte an, die edle Stickereien produzieren. Immer mal wieder fällt jemand zurück, denn die Treppenstufen in den Straßen sind steil, das Kopfsteinpflaster ist unregelmäßig. Aber es dauert nie lange, dann steht jemand anderes aus der Gruppe daneben, der sich wortlos unterhakt und hilft.

Für Helga ist es - anders als für viele der anderen Frauen - die erste Reise mit dem Veranstalter. Sie ist mit 58 Jahren die Jüngste in der Gruppe. Ihr Mann ist vor fast einem Jahr gestorben, 28 Jahre waren die beiden zusammen. Auf die Trauerreise ist sie per Zufall gestoßen. „Ich habe im Netz gegoogelt nach Sardinien und allein reisen“, erzählt sie. Helga ist in der Gruppe diejenige, die am meisten über die Insel weiß, sie war ja schon viermal hier und ist sehr belesen.

Eine normale Gruppenreise schloss Helga für die Reise nach Sardinien aus. „Jemand, der sich erholen möchte, will meine Trauerstory nicht hören“, sagt sie abends in der Hotelbar. Und das Gespräch käme zwangsläufig auf sie. Denn immer wieder fällt sie eine Erinnerung an. „Anfallen“, so nennt Helga das. „Man hört eine Musik, oder da ist ein Geruch, und auf einmal geht die Erinnerung los und die Tränen laufen“, erzählt sie. Kurze Zeit später sei das wieder vorbei. „In dieser Gruppe muss ich mich dafür nicht erklären“, sagt sie.

Aus Helgas Reisetagebuch - zweiter Eintrag: „Als wir die Kathedrale betraten, spielte leise Orgelmusik, die mir spontan die Tränen in die Augen trieb, weil sie mich an Gottesdienst, Friedhof, Beerdigung erinnerte. (...) Es war das dünne Häutchen über der Wunde wieder aufgebrochen - Dünnhäutigkeit eben.“

Egal, ob während der Ausflüge oder am Nachmittag am Pool: Die am meisten gefragte Person in der Reisegruppe ist Regina. Die Trauerbegleiterin drängt sich nicht auf - im Gegenteil. Sie ist zurückhaltend und abwartend. Es sind die anderen, die ihre Nähe suchen und auf einmal neben ihr auftauchen, etwa während eines Stadtspaziergangs.

Regina ist 59 Jahre alt, sie hat drei erwachsene Kinder. Sie ist eine schöne Frau, die deutlich jünger aussieht als sie ist. Als sie 15 Jahre ist, verunglückte ihr ältester Bruder mit dem Auto. Fünf Jahre später starb ihre Mutter, noch einmal fünf Jahre später ein weiterer Bruder, dann der Vater. Es sind diese Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass sie sich schon früh mit dem Thema Tod auseinandersetzt.

Heute hat sie eine Praxis für Lebensberatung, in der sie unter anderem Trauernden die Begleitung anbietet. Lange hat sie in ihrer Heimat Hopsten Gesprächskreise für Trauernde geleitet und sich in der Hospiz-Initiative in Ibbenbüren engagiert. Schon seit einigen Jahren begleitet sie nun Reisegruppen. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit der Trauer alleine gelassen wird“, sagt Regina über ihr Engagement. Nach einiger Zeit haben viele nicht mehr die Möglichkeit, über die Trauer zu reden. Denn für Dritte sind solche Gespräche oft ebenfalls schwer.

„Man denkt über den Tod nicht viel nach“, sagt Regina. Betrifft er dann doch jemanden im Freundeskreis, ist die Hilflosigkeit oft groß. Dann wird schnell nach einer Lösung für praktische Probleme gesucht - und dann möglichst bald ein Schlussstrich unter die Sache gezogen.

Die Gemeinschaft mit anderen Trauernden auf der Reise gebe einen Raum, in dem der Verlust thematisiert werden darf - auch wenn er schon Jahre her ist. Das helfe, sich der Trauer zu stellen und sie zu bewältigen, sagt Regina. Und für viele ist es schön zu erleben, dass sie nicht allein sind und die Gruppe den Verlust gemeinsam trägt. „Oft sind das auf den Reisen tiefe, menschliche Begegnungen“, erzählt Regina. Deshalb fährt sie jedes Mal wieder mit, auch wenn sie manches Mal danach völlig k.o. ist.

Aus Helgas Reisetagebuch - dritter Eintrag: „Heute sind es genau elf Monate - lange Zeit? Kurze Zeit? Beides, mal so, mal so. Zu kurze Zeit, um so etwas wie Normalität zu spüren.“

Eine, die immer wieder das Gespräch mit Regina sucht, ist Marita. Sie hat 45 Jahre als Krankenschwester gearbeitet, davon viele Jahre als Stationsleiterin. Sie hat eine braune Kurzhaarfrisur, eine lustige Zahnlücke und ist permanent in Bewegung. Morgens vor dem Frühstück ist sie meist die einzige, die schon im eiskalten Pool schwimmen geht. Wenn die Gruppe keine Entscheidung findet, ist sie es häufig, die das Kommando übernimmt.

Marita hat erst ihren Mann verloren, zehn Monate später folgte dann ihre Mutter. Beide hat sie - wie Helga und viele der anderen Frauen - bis zum Schluss zu Hause gepflegt. „Natürlich war ich an meinen Grenzen“, sagt sie. „Aber man entwickelt auch ungeahnte Kräfte.“ Sie und ihr Mann haben 1975 geheiratet, davor gemeinsam ein Haus gebaut. „Es ist uns immer gut gegangen“, sagt Marita.

Als der Mann 59 Jahre ist, fallen die Sprachstörungen zum ersten Mal auf. „Er hat geredet, als hätte er eine heiße Kartoffel im Mund“, erinnert sie sich. Sie vermuten einen Schlaganfall, doch der Arzt schließt das aus. Damals ist der Stress bei der Arbeit groß, sie schieben es darauf und denken nicht weiter darüber nach. Als sich die Sprachstörungen nach einem Jahr deutlich verschlechtern, wird Maritas Mann noch einmal eingehender untersucht. Dann kommt die Diagnose ALS.

ALS ist eine seltene Nervenkrankheit, die nicht geheilt werden kann und sehr grausam verläuft. Nach und nach geben die Muskeln im Körper auf, bis man irgendwann erstickt. Die Lebenserwartung liegt ab Ausbruch der Krankheit bei fünf Jahren, zum Zeitpunkt der Diagnose sind bei Marita und ihrem Mann schon drei herum.

Sie beschließen das Beste daraus zu machen, aber die Krankheit geht ihren Gang. Als ihr Mann nicht mehr sprechen kann, bekommt er einen Zettel ins Portemonnaie: „Ich kann nicht mehr sprechen, verstehe Sie aber gut. Rufen Sie meine Frau an.“ Gegenüber der Familie, Freunden und Nachbarn spricht Marita nun für zwei. Als er nicht mehr schlucken kann, püriert sie ihm erst das Essen klein, später gibt sie ihm Sondenkost. Als er kaum noch Luft bekommt, spritzt sie ihm Morphium.

Zur Beerdigung kommen 250 Menschen, Marita erhält 400 Karten. „Ich kann mich über keinen und nichts beklagen“, sagt sie. Dann wird die Mutter zum Pflegefall, und Martina nimmt diese für zehn Monate bis zu ihrem Tod zu sich.

Zwei Jahre ist das alles her. Jetzt ist Marita alleine und in Rente. Und seitdem hat sie das Problem, über das sie mit Regina sprechen will. Seitdem das alles passiert ist, kommt sie nicht mehr zur Ruhe. „Ich knalle mich so mit Beschäftigung zu, aber ich kann innerlich überhaupt nicht mehr entspannen“, erzählt sie. Regina sagt nicht viel, sie hört einfach zu.

Beim letzten Ausflug steht zum Abschluss ein Essen bei sardischen Hirten auf dem Programm. Es gibt sehr gutes Essen, erst Salami und Schinken, dann Lammfleisch und Spanferkel, hinterher Käse. Dazu schenken die Gastgeber kräftig Wein und später Schnaps aus. Als die Gruppe aufbricht, ist die Stimmung gelöst. Der Bus verlässt den Berg, in Serpentinen geht es hinab. Und auf einmal raschelt das Mikrofon und die Reiseleiterin stimmt unter Gejohle ein Lied an. Bei „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ singen die Frauen lauthals mit - so geht das minutenlang.

Dann steht der Abschied an. Am letzten Abend sitzen die Frauen nach dem Abendessen noch einmal gemeinsam in der Hotelbar. Morgen kehren sie zurück - in ihre leeren Wohnungen und Häuser. Sie empfinden Bedauern, dass diese Trauerreise zu Ende geht, dieser Urlaub, den sie nicht wirklich freiwillig gebucht haben.

Aber das Bedauern ist auch ein Anfang. Mit dem Verlust sei es wie mit einem Teppich, der in der Mitte durchgerissen ist, hat Regina einmal gesagt. Die Trauerarbeit sei, die losen Fäden wieder miteinander zu verweben. Und an diesem letzten Abend sieht es so aus, als hätten sie mit dieser Reise und ihren Bekanntschaften wieder ein paar Knoten mehr gemacht. Mit der Zeit wird daraus wieder ein Teppich. Vielleicht keiner, den die Frauen sich im Geschäft ausgesucht hätten. Er sieht vielleicht ein bisschen schief aus. Aber es wird doch wieder ein ganzer Teppich.

Anbieter von Trauerreisen

Trauerreisen bieten wenige Veranstalter in Deutschland an. Neben Re-Bo-Reisen gibt es zum Beispiel: Wendpunkte Trauerreisen (wendepunkte-trauerreisen.eu), Trau Dich Reisen (traudichreisen.de), Care and Sail (care-and-sail.de), Emotionskultur (emotionskultur.de), Natur-Sprung (natur-sprung.de) und Zeit Trauer Raum (zeit-trauer-raum.de).

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