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Deutschland Natur pur: Biosphärenreservat Elbtalaue


Alte Haustierrassen leben auf dem Biohof der Familie Niederhoff in Dellien.
Wolfgang Stelljes

Alte Haustierrassen leben auf dem Biohof der Familie Niederhoff in Dellien.

Wolfgang Stelljes

Elbtalaue - Niedersachsen hat zwei UNESCO-Biosphärenreservate: das Wattenmeer und die Elbtalaue. In der Flusslandschaft südöstlich von Hamburg wird Nachhaltigkeit großgeschrieben.

Im Hafen von Hitzacker. Wilhelm-Andreas Chocholowicz macht die Leinen los. Sinnig tuckert das Sofafloß „Herzogin Dorothea“ durch das Sieltor in Richtung Elbe. Es geht stromaufwärts. Auf dem Rückweg lässt Chocholowicz das Floß einen Augenblick treiben, „Natur pur, das entschleunigt“. Wohl wahr. Drei Schwarzstörche kreisen am Himmel, sogar ein Fischadler lässt sich blicken. Nur einen Seeadler sehen wir nicht. Dafür entdecken wir nach unserer Rückkehr im Hafenbecken das zweite Symboltier der Elbtalauen: den Biber.

Mehr über den größten Nager Europas erfahren wir in Bleckede. Das Biosphaerium Elbtalaue liegt direkt am Elberadweg. Stunden könnte sie über „Meister Bockert“ reden, wie der Biber in Fabeln auch genannt wird, sagt Andrea Schmidt, die Geschäftsführerin. Sieben Biber sind hier zu Hause, die tagsüber meist „chillen“ und erst in der Dämmerung aktiv werden.

Biber in Ortsnamen

Wir beobachten ein Alttier, es liegt auf dem Rücken in einer dunklen Höhle und streckt alle Viere von sich. 30 Kilo schwer und 1,30 Meter lang kann so ein Biber werden. Früher waren Biber weit verbreitet, darauf deuten Ortsnamen wie Bevern, Bevensen oder Beverstedt. Sein dichtes Fell war begehrt. „Er war wohl auch lecker“ und gerade in der Fastenzeit ein begehrter Braten, denn wegen seines geschuppten Schwanzes erklärte man ihn kurzerhand zum Fisch. Ab 1819 galt der Biber an der niedersächsischen Elbe als ausgestorben, seit Anfang der 1990er Jahre ist er hier wieder heimisch. „Der Biber gehört elementar zur Elbe“, sagt Schmidt.

Definitiv ausgestorben ist der Auerochse, und das schon seit 1627. Aber es gibt einen „ähnlichen Typ“, das Heckrind, „klein und anpassungsfähig, schöne große Hörner, kein 08/15-Rind“, schwärmt Hans-Jürgen Niederhoff. Niederhoff hält rund 180 Heckrinder und damit eine der größten Herden in Deutschland.

Tiere pflegen Landschaft

Die Tiere leben auf der anderen Seite der Elbe, in der Sudeniederung im Amt Neuhaus. Dort sind sie „als Landschaftspfleger tätig“ und halten das Gras kurz. Offenbar machen sie ihre Sache gut, denn wir sehen nur weites Weideland, hier und da durchsetzt von Jakobskreuzkraut, einer gelb blühenden Giftpflanze. Da muss er noch ran, sagt Niederhoff, ansonsten greift er wenig ein. Der 74-Jährige wirtschaftet extensiv. „Man muss sich entscheiden, und ich habe mich für Bio entschieden“, sagt er und steuert seinen Jeep den Deich hoch, auf der Suche nach den 23 Konik-Pferden, um die er sich ebenfalls kümmert, zusammen mit Tochter Sabine. Auf seiner Hofstelle 38 in dem 180-Seelen-Dorf Dellien begegnen uns auch noch Rauwollige Pommersche Landschafe und Poitou-Esel.

Niederhoffs Hof ist nur einer von vielen Betrieben, die sich dem Erhalt alter und gefährdeter Haustierrassen verschrieben haben. Die Flusslandschaft Elbe ist seit 2011 Arche-Region, die erste überhaupt in Deutschland. Wer mehr Tiere sehen will, den schickt Niederhoff auch gern zu einem anderen Arche-Betrieb: dem Michaelshof.

Gemeinschaftsprojekt

„Ein Bauernhof, wie er einmal war – auf moderne Weise bewirtschaftet“, so wirbt der Michaelshof. Er liegt in Sammatz, einem Dorf rund drei Kilometer vom Westufer der Elbe entfernt. 1985 haben vier junge Familien, „die zusammen leben und arbeiten wollten“, das Projekt gestartet, sagt Hans-Michel Ginther, der seit 1989 dabei ist. Inzwischen sind es 90 Erwachsene plus Kinder. „Die Idee ist geblieben“, inspiriert von der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners.

Die Gegend ist überraschend hügelig, eine Endmoräne, bestens geeignet für große Gärten, die sie gemeinsam mit Freiwilligen angelegt haben, mit Stauden, Rosen, Dahlien. Dort, wo einst eine wilde Mülldeponie war, ist nun ein Waldsee mit Wasserfontäne, Kulisse auch für klassische Konzerte. Drumherum liegen 150 Hektar Acker- und Weideland, die biologisch-dynamisch bewirtschaftet werden, ganz im Sinne Steiners. Das Herz des Hofes ist ein Café mit großer Terrasse. Die Qualität der selbst gemachten Torten habe sich zunächst unter Senioren in der Region herumgesprochen. Inzwischen zählt der Michaelshof rund 50 000 Besucher im Jahr.

Nachhaltig shoppen

Im Hofladen gibt es Brot und Käse, Obst und Gemüse, Kräutertees und Kosmetik, alles Bio, vieles aus eigener Herstellung. Die Milch für den Käse kommt von alten Haustierrassen wie den Thüringer Waldziegen. Lea Sonderegger, eine Schweizerin, die auch schon in einer Fromagerie in Frankreich gearbeitet hat, hat viel experimentiert und über 20 Sorten im Angebot. Einen Bergkäse zum Beispiel, der über ein Jahr reift. Die Laibe werden nur mit Salzwasser oder Olivenöl gewaschen, die Rinde können wir bedenkenlos mitessen.

Ob Hofladen oder online – am Ende müssen all die guten Sachen unter die Leute. Auf der Suche nach einem Mitbringsel landen wir unweigerlich in der Regionalen Markthalle in Dannenberg. Auf 300 Quadratmetern türmen sich hier regionale Produkte, alle haben einen kurzen Weg hinter sich, maximal sind es 40 Kilometer. Es gibt einen Mittagstisch und Torten von den Landfrauen.

Ursula Fallapp von der Samtgemeinde Elbtalaue, selbst eine gestandene Bauersfrau, hat das Projekt mit angeschoben und deckt sich hier einmal in der Woche mit Lebensmitteln für die ganze Familie ein. Gleich gegenüber, im „Kaufhaus des Wendlands“, teilen sich 15 Kunsthandwerker Ladenfläche und Ladendienst. Neben Schmuck, Kleidung und Handwerkskunst gibt es nachhaltige Taschen aus alten Fahrradschläuchen.

Anreise: Mit dem Auto oder – nachhaltiger – mit dem Zug von Oldenburg nach Hitzacker in rund drei bis vier Stunden.

Übernachten: Das Destinature Dorf in Hitzacker hat 2021 den Deutschen Tourismuspreis gewonnen. Die Hütten sind aus Holz, das aus zertifizierter Forstwirtschaft stammt. Mit Bettwäsche aus Bio-Baumwolle, Kompost-WC und Öko-Strom. Wer lieber in einem Hotel nächtigt: Im ersten Deutschen Kartoffel-Hotel im Rundling Lübeln dreht sich alles um die Knolle.

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