Frankfurt/Main - Frankfurt ist mehr als Drehscheibe für Flugreisende, Bankenviertel und Kulturmeile mit unzähligen Museen. Es lohnt sich durchaus, die Stadt zu besuchen.
In kaum einer anderen deutschen Stadt haben Banken, Handel und Messe eine so lange Tradition wie in Frankfurt. In puncto Globalisierung liegt „Mainhattan“, wo Menschen mit über 180 Nationalitäten leben, arbeiten und studieren, ganz vorn. In der Paulskirche steht die Wiege der deutschen Demokratie, und die Schirn-Kunsthalle zählt zu den besten der Welt. Und doch wird der Stadt eines oft abgesprochen: Atmosphäre. Bei näherer Betrachtung jedoch zu Unrecht.
Neben den silber-blau glitzernden Glasfronten der Wolkenkratzer gibt es sehr viel Grün im Zentrum und drum herum. Mit der Neuen Altstadt und ihren verwinkelten Gassen, die der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fachwerk-Innenstadt unter dem Namen Dom-Römer-Projekt (2012-2018) nachgebaut wurde, ist nostalgische Heimeligkeit in den Großstadt-Moloch zurückgekehrt.
Alles nur Fassade?
Das lebendige Stadtviertel, das den Charakter von Alt-Frankfurt hat, bildet die Verbindung zwischen Dom und Römer. Es ist kein Disneyland, aber ein Mix aus alt und auf alt getrimmt, mit typischer Frankfurter Gastronomie und einem Verbot für Burger- und Fastfood-Ketten.
Wo sich bis 2010 das Technische Rathaus befand, wurde auf rund 7000 Quadratmetern ein städtebauliches Rekonstruktions-Projekt verwirklicht. 35 Häuser wurden fast an ihrer ursprünglichen Stelle wieder aufgebaut. Nur die Gassen sind heute breiter, weil auch Rettungsfahrzeuge durchkommen müssen. Die 20 Neubauten haben Bezug zum Alten, sind aber eher modern gestaltet. 14 der Häuser haben die alte Original-Fassade erhalten, sogenannte schöpferische Nachbauten: vorn Fachwerk – dahinter Beton. Das einzige originalgetreu erstellte Fachwerkhaus ist das Haus „Zur Goldenen Waage“. Es gehörte einst einem reichen Gewürzhändler und Zuckerbäcker. Sowohl an der Renaissance-Fassade aus dem 17. Jahrhundert als auch im Inneren des Kaffeehauses findet man viele Originalteile.
Fenster zur Geschichte
Direkt neben der „Goldenen Waage“ befindet sich der Archäologische Garten, eine Außenstelle des Archäologischen Museums. Im Rahmen des Dom-Römer-Projekts wurde der Komplex mit dem Stadthaus am Markt überbaut. So sind die Ausgrabungen vor Witterungseinflüssen besser geschützt. Unter dem Namen „Kaiserpfalz Franconofurd“ wurde er quasi als Schaufenster in die Ursprünge der Mainmetropole 2018 wiedereröffnet. Auf dem Domhügel werden die ältesten erhaltenen Gebäudereste Frankfurts präsentiert.
Berühmten Frankfurter Persönlichkeiten – realen und fiktiven – begegnet man in der Neuen Altstadt auf Schritt und Tritt. Im „schöpferischen Nachbau“ in der Straße Hinter dem Lämmchen 2-4 befindet sich heute nicht nur das sehenswerte Struwwelpeter-Museum, dort lebte auch Johann Wolfgang von Goethes Lieblingstante Johanna Melber, geb. Textor (1734-1823).
Lebenslustige Tante
Die lebenslustige Tante aus Dichtung und Wahrheit war die jüngere Schwester von Goethes Mutter Catharina Elisabeth. Als Jugendlicher war Goethe sehr oft und gern bei Tante Melber zu Besuch, denn dort pulsierte das Leben. Hier war die Altstadt mit Markttreiben und Messewesen. Ganz anders als in seinem Geburtshaus Am großen Hirschgraben, das in einem ruhigeren Bezirk lag.
Lange Zeit waren die Frankfurter verärgert über Goethe (1749-1832), weil der Dichterfürst, der aus einer angesehenen Frankfurter Familie stammte, mit Mitte 20 seiner Heimatstadt den Rücken kehrte und im Oktober 1775 nach Weimar ging. Um seine unglückliche Liebe zur Bankierstochter Lili Schönemann, mit der er ein halbes Jahr verlobt war, zu überwinden, folgte er der Einladung des Herzogs nach Weimar, wo er bis zu seinem Lebensende blieb.
Das Wohnhaus am Großen Hirschgraben, in dessen hellgrün gestrichenem Dichterzimmer Goethe unter anderem „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg originalgetreu rekonstruiert. In der besonderen Atmosphäre der Räume wird das Familienleben der Goethes wieder lebendig.
Goethe im Cocktailglas
Heute erfreut sich Frankfurts berühmtester Sohn wieder großer Beliebtheit und man findet Goethe an vielen Orten – manchmal ganz unverhofft: Goethes Jugendliebe Lili Schönemann, die er bis ins hohe Alter nicht vergessen konnte, ist Namensgeberin für „Lili‘s Bar“ im Fünf-Sterne-Hotel „Sofitel Frankfurt Opera“. Die Fassade des Hauses ist eine zeitgemäß übersetzte Hommage an die wiederaufgebaute Alte Oper direkt gegenüber, von der nur die Fassade stehen geblieben war, sowie an die umliegenden Gründerzeitbauten und die französischen Hôtels particuliers (Stadtpalais) des 17. und 18. Jahrhunderts. Das „Restaurant Schönemann“ mit Eingang am Opernplatz bereichert die lokale Gastronomie um eine französisch-Frankfurter Facette. Bar-Managerin Jay Jureit hat als Huldigung an das berühmte Liebespaar mit ihrem Team eine Cocktail-Karte kreiert, deren Drinks angelehnt sind an Goethes und Lilis Liaison, zum Beispiel die spritzige „Neue Liebe“, der „Bräutigam“ oder „Faust I“.
Dichterfürst überall
Schluss mit Goethe? Noch lange nicht! Frankfurts teuerste Shopping-Mall ist die Goethe-Straße, die parallel zur nicht minder berühmten Fressgass verläuft. Für eine Main-Schifffahrt kann man etwa mit der „Johann Wolfgang von Goethe“ fahren. Und wer danach von der Anlegestelle über den Eisernen Steg ans Museums-Ufer geht, gelangt fußläufig zum Städel-Museum, wo ein doppelter Goethe auf die Besucher wartet: In der ersten Etage mit den Meisterwerken aus dem 19. und 20. Jahrhundert Johann H. W. Tischbeins „Goethe in der Campagna“ und im Untergeschoss Andy Warhols „Goethe“ als Siebdruck (1982). Naturfreunde finden Goethe im zauberhaften Palmengarten mit Schmetterlingshaus und Tropicarium. Direkt daneben hatte die Familie einen Obst- und Gemüsegarten, der 2021 um ein Insektenhotel erweitert wurde.
Ausflugstipp: Vom Maintower hat man den besten Blick auf ganz Frankfurt und Umgebung. Eintrittspreise: Erwachsene: 9 Euro; ermäßigt 6 Euro, Familienticket: 20 Euro.
Mit der Frankfurt Card können alle öffentlichen Nahverkehrsmittel benutzt werden. Zudem gewährt sie Ermäßigungen in Museen, Zoo, Palmengarten und bei Schifffahrten. Diese Karten gibt es u.a. in den Tourismus-Infos im Hauptbahnhof und im Römer oder online.
Unterkunft: Sofitel Frankfurt Opera, Opernplatz 16, 150 Zimmer, darunter 15 Junior Suiten, 13 Prestige-Suiten, zwei Opera-Suiten und eine Presidential Suite mit weitläufiger Dachterrasse. 15 Zimmer haben einen Balkon sowie ein großes Spa.
Literatur: „Frankfurt“, Susanne Asal, Dumont, 120 S., 11, 95 Euro.
