Bern - Das einstige Wunderwerk ist zum Sanierungsfall geworden. Seit 34 Jahren verbindet der Gotthard-Straßentunnel nicht nur die Schweizer Kantone Uri und Tessin, sondern gehört auch zu den wichtigsten Transitstrecken durch die Alpen. Zuletzt rund sieben Millionen Fahrzeuge pro Jahr haben in dem fast 17 Kilometer langen Bauwerk ihre Spuren hinterlassen. Eine umfassende Sanierung ist dringend nötig. Doch was passiert dann mit dem Verkehr? Darüber streiten Politik, Anwohner, Umweltschützer und Wirtschaftsverbände.
Das Schweizer Parlament in Bern verabschiedete mit klarer Mehrheit der bürgerlichen Parteien ein Gesetz für den Bau einer zweiten Röhre. Ob der Tunnel damit tatsächlich kommt, ist jedoch offen. Das letzte Wort haben die Bürger in einer Volksabstimmung, die voraussichtlich im kommenden Jahr stattfindet.
Das Gesetz sieht den Bau einer neue Röhre ab 2020 innerhalb von sieben Jahren vor. Anschließend soll der alte Straßentunnel gesperrt und saniert werden. Ab etwa 2030 sollen dann beide Tunnel je einspurig betrieben werden – ohne zusätzliche Verkehrsbelastung, wie die Befürworter versprechen und Befürchtungen entgegentreten.
„Woher soll denn dann plötzlich der zusätzliche Verkehr kommen?“, fragte Verkehrsministerin Doris Leuthard bei der Debatte im Nationalrat. Die Kapazitäten auf der Gotthard-Achse seien heute schon größer als der tatsächliche Verkehr.
Die Gegner wollen dem wenig Glauben schenken. „Wenn wir diesen zweiten Straßentunnel bauen, wird der Verkehr im Kanton Tessin mit Sicherheit zunehmen“, sagte Marina Carobbio Guscetti, Abgeordnete der Sozialdemokratischen Partei (SP), der „Neuen Zürcher Zeitung“. „Dies hätte schwerwiegende Folgen für die Lebensqualität im Alpenraum. Schon heute haben wir im Südtessin eine äußerst starke Luftverschmutzung.“
Landesweit sprachen sich die Schweizer vor zehn Jahren zuletzt gegen einen weiteren Tunnel am Gotthard aus. Damals war der Bau damit begründet worden, dass man die Verkehrskapazität erhöhen wolle.
Nun werden als Gründe für den Neubau die notwendige Sanierung sowie eine Erhöhung der Sicherheit angeführt. In den vergangenen 15 Jahren kamen 19 Menschen bei Unfällen in der zweispurigen Röhre ums Leben.
Im Sommer 2016 soll der Gotthard-Basistunnel fertig werden, der dann mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt ist.
