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Wandern In Der Tøndermarsch Größte Sehenswürdigkeit ist der Himmel

Wolfgang Stelljes

Højer - Allein diese Ortsnamen! Højer! Møgeltønder! Tønder! Bestenfalls echte Dänemark-Fans haben sie irgendwie schon mal gehört. Es sind drei Orte im äußersten Südwesten des Landes, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, nur wenige Kilometer vor der Grenze zu Deutschland. Drei Orte, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Højer ist landwirtschaftlich geprägt, Møgeltønder monarchisch und Tønder städtisch. Ganz schön viel Abwechslung also schon auf der ersten Etappe auf dem Marskstien, einem im August 2019 neu eröffneten Wanderweg.

Tag 1

Wir starten in Højer, einem Ort, der schon bessere Tage erlebt hat. Im 18. Jahrhundert segelten Schiffe von hier nach Amsterdam, Ochsen wurden nach Husum geliefert und Austern nach Russland – Kaiserin Katharina II. bestellte gleich holztonnenweise. Den Marschbauern ging es gut, davon zeugen mehrere wuchtige Bauten mit schweren Reetdächern im Ortskern.

Später dann, um 1900, kamen Stadthäuser hinzu, mit zwei oder drei Geschossen und einer schmucken Haustür. Es war die Zeit, in der die Leute mit dem Zug aus Hamburg und Berlin kamen, hier übernachteten und am nächsten Tag mit dem Schiff weiter nach Sylt fuhren. Bis 1920 gehörte Nordschleswig zu Deutschland, dann stimmten die Leute hier überwiegend für einen Anschluss an Dänemark – und Sylt war plötzlich Ausland. In dem kleinen Ort am Rande der Marsch kehrte Ruhe ein.

Heute ist Højer eine eigenwillige Mixtur aus alten Reetdachhäusern, Stadtbauten und 70er-Jahre-Sünden. Und doch – der Ort hat was. Man muss es nur entdecken. Zum Beispiel den Bereich rund um die alte Mühle, ein hübsches Ensemble mit Café und historischem Garten. Und mit einer Ausstellung über das Wattenmeer und die Tøndermarsch. Sie hilft, die Tøndermarsch zu verstehen, sagt Anne Marie Overgaard vom Museum Sønderjylland, die die Ausstellung kuratiert hat. „Dann weiß man, was man sieht, sonst steht man draußen und denkt: Da ist ja gar nichts.“

Auch sollte man nicht loswandern, ohne sich vorher bei „Højer Pølser“ mit Proviant eingedeckt zu haben. Der Klassiker ist die „Sønderjysk Spegepølse“, eine regionale Salami-Variante, für die der Familienbetrieb erst jüngst wieder eine von insgesamt 26 Medaillen bei einem internationalen Wettbewerb eingeheimst hat. Gold, versteht sich.

An der Geestkante wandern wir nach Møgeltønder, oft gepriesen als das Dorf mit der schönsten Dorfstraße Dänemarks. Und tatsächlich, die Slotsgade lässt uns an eine Puppenstube denken: altes Kopfsteinpflaster, gesäumt von Reetdachhäusern, davor Fahnenmasten und weiß lackierte Bänke unter haushohen Linden. Und als Krönung das Schloss Schackenburg, umgeben von einem Graben voller Entengrütze.

Dann, nur eine Stunde Fußmarsch später: Tønder. Es gab schon immer gute Gründe, diese Stadt zu besuchen, sei es, um zu heiraten (unbürokratisch, gerade auch bei einem ausländischen Partner), zu shoppen oder moderne Designkunst zu bestaunen. Dafür erklimmen wir den alten Wasserturm.

Gut, dass wir uns immer wieder setzen können. Nicht auf irgendwelchen Stühlen, sondern denen von Hans Jørgensen Wegner, einem der bekanntesten dänischen Möbeldesigner. Es sind Stühle zum Schlummern, Schaukeln, Konferieren oder einfach nur Sitzen. Stühle von zeitloser Eleganz, fast alle werden auch heute noch produziert. Unwillkürlich streicht man über das sanft geschwungene Holz der Arm- oder Rückenlehnen – ein Mekka für Design-Fans.

Tag 2

Unsere größte Sehenswürdigkeit ist der Himmel, sagen die Einheimischen, wenn es um die Tøndermarsch geht. Doch auch das, was darunter liegt, verdient Aufmerksamkeit. Es ist eine Landschaft aus Bächen, Schleusen und Deichen, im Laufe der Jahrhunderte von Menschenhand geschaffen. Eine Landschaft, die kaum jemand besser kennt als Hans Tonnesen. Der Naturführer der Kommune Tønder lebt am Ufer der Vidå, ein Fluss, dem wir von nun an folgen. Die Vidå verbindet Tønder mit dem Wattenmeer.

Der „Lieblingsweg“ von Tonnesen führt vom Schöpfwerk Lægan zum Grenzdorf Rudbøl. Wir wandern auf dem Deich, rechts Kornfelder, auf denen sich im Winter Tausende von Gänsen versammeln, links ein breiter Schilfgürtel, „einer der größten in ganz Dänemark“. Irgendwo mittendrin verläuft die Vidå und kurz dahinter die Grenze zu Deutschland.

Im Frühjahr und Herbst stehen die Touristen auf dem Deich und verfolgen ein einmaliges Naturphänomen: die „Schwarze Sonne“. Dann tauchen Hunderttausende von Staren nach spektakulären Flugmanövern binnen Sekunden im Schilf ab, um dort sicher zu übernachten. Manchmal sind die Schwärme so groß, dass sie die Abendsonne verdunkeln – daher der Name.

Im Hochsommer dagegen freut sich Tonnesen, wenn er mal eine Trauerseeschwalbe sieht. Sie baut ihr Nest gern auf Seerosenblättern in den Lagunen mitten im Schilf. In ganz Dänemark brüten nur noch ein paar Dutzend Paare, und das auch nur an drei Stellen, unter anderem hier.

Im Wasser der Vidå tummelt sich auch der Nordseeschnäpel, einer der seltensten Fische weltweit, seltener als wilde Tiger. „Es gibt ihn fast nur dort, wo die Aue ins Wattenmeer hinausläuft“, sagt Tonnesen.

Tag 3

War bislang von der deutsch-dänischen Grenze wenig zu sehen, so ist sie in Rudbøl noch sehr präsent. Jeden Morgen hisst dort ein Pensionär die dänische Flagge und dazu noch – etwa tiefer hängend – die der anderen skandinavischen Länder. Auf deutscher Seite hängen die nordfriesischen Farben. Die Grenze verläuft mitten durch den Ort und teilt sogar die Dorfstraße. Wir machen es wie alle Touristen: stehen für ein Foto mit einem Bein in Dänemark und dem anderen in Deutschland.

Unsere letzte Etappe führt von Rudbøl zurück nach Højer, mitten durch den südlichen Zipfel des Nationalparks Wattenmeer. Leicht erhöht geht es auf Deichen durch eine flache, offene Landschaft. Ein engmaschiges Netz von Entwässerungsgräben durchzieht das satte Grün. Auf den Weiden grasen Schafe und Rinder. Kaum ein Baum oder Haus, an dem der Blick hängenbleibt, wäre da nicht Nørremølle, ein Mini-Dorf auf dem Deich. Am Ende macht der Marskstien noch einmal eine Schleife, unter anderem zur Vidå-Schleuse. Auch das lohnt, vor allem, wenn man, wie wir, auf dem Deich steht und plötzlich ein Vogel aufsteigt, der mit mächtigen Flügelschlägen Richtung Rømø abdreht – einen Seeadler sieht man nicht alle Tage.

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