Holbox - Der Isla Holbox an Mexikos Karibikküste eilt der Ruf als Trauminsel voraus. Dabei gibt es Störfaktoren: eine Algenplage und Partylärm. Wie passt das zusammen?
Vor der Anreise auf die Insel Holbox steht die Frage: Wer kommt überhaupt hierher? Sind es gut situierte Paare, die romantische Selfies an paradiesischen Stränden schießen? Sind es gealterte Aussteiger und junge Backpacker, die in rustikalen Bars zum Bier zusammenkommen? Oder sind es längst die amerikanischen Pauschaltouristen, wie man sie auch in den Urlaubszentren weiter südlich antrifft?
Gemächliche Anreise
Die Isla Holbox liegt im Norden der Halbinsel Yucatán zwischen dem Golf von Mexiko und dem Karibischen Meer. Sie gilt als tropische Trauminsel, ein Etikett mit Strahlkraft, das im Kopf sogleich Bilder erzeugt – von weißen Stränden, windschiefen Palmen, auch vom Charme eines abgelegenen Ortes. Und von Ruhe suchenden Zeitgenossen, die diese Kulissen beleben. Nicht von Algenteppichen und Partylärm.
Die gemächliche Anreise nach Holbox passt zunächst zum Bild, das der Kopf gezeichnet hat. Eine schmale Straße bahnt sich den Weg durch kleine Dörfer bis zum Meer. Kurz vor ihrem Ende grasen links der Fahrbahn noch ein paar Kühe in einer Umzäunung, dann folgt eine letzte unfertige Tankstelle wie ein verlassener Weltraumhafen. Im Küstendorf Chiquilá wartet die Fähre. Hier ist man gefühlt schon weit weg von Cancún und Playa del Carmen, den nahen Zielen des Massentourismus an der Riviera Maya.
Tropische Wärme
Auf dem Deck der Fähre zerzaust der Wind die Haare so gründlich, als wollte er alle Sorgen im Kopf endgültig zerstreuen. Sitzt man ganz außen, spritzt das Wasser manchmal bis hinauf, sodass man Salz auf den Lippen schmeckt – welch passender Vorgeschmack.
Die Sehnsucht nach der tropischen Trauminsel ist so alt wie der moderne Tourismus. Holbox bringt erst einmal passende Voraussetzungen mit. Das ganze Jahr über ist es tropisch warm. Die Nordseite des 42 Kilometer langen, aber ganz schmalen Eilands besteht zu großen Teilen aus einem einzigen Sandstrand. Vom Festland ist Holbox durch die Yalahao-Lagune getrennt, deren Wasser von den Mangroven dunkel gefärbt ist. Daher der Name Holbox: „schwarzes Loch“.
Im Westen der Insel liegt die einzige Ortschaft, die so heißt wie die Insel selbst. Rund um die zentrale Plaza finden Besucher fußläufig Supermärkte, Geschäfte, Restaurants, Cafés und Bars. Auf vielen Häuserfassaden wartet Street Art lokaler Künstler darauf, von den Urlaubern in Instagram-Beiträgen verewigt zu werden. Der allergrößte Teil der Insel ist dagegen unerschlossen. Ein Biosphärenreservat schützt die sensiblen Küstenbereiche.
In nahezu jedem Bericht über Holbox wird gepriesen, dass die Insel autofrei ist – ein Merkmal, das die vermeintliche Ruhe und den entschleunigten Alltag unterstreichen soll.
Liebespaare bis Hipster
Tatsächlich fahren auf Holbox keine Autos. Als Taxis fungieren Golfcarts, deren Nutzen direkt einleuchtet. Doch sobald man einen Fuß auf die Insel setzt, vernimmt man ständig das Knattern ihrer Motoren. Das Idealbild von der angeblich so ruhigen Insel bekommt erste Risse.
Eine Besonderheit von Holbox: Hier kommen tatsächlich viele Typen von Reisenden auf relativ begrenztem Raum zusammen. Da sind die Paare auf der Suche nach einem romantischen Liebesnest. Man trifft Backpacker, die auf ihrer Mexiko-Rundreise einmal durchatmen wollen. Hipster mit Rollkoffer und ökologischem Bewusstsein, die einen guten Flat White zu schätzen wissen. Und da sind junge Frauen und Männer aus Europa und den USA, die mehrere Wochen bleiben, in den Cafés jobben und unter Mexikos Sonne immer schöner werden.
Sie alle haben auf Holbox im Grunde nicht viel zu tun. Die Zahl der möglichen Aktivitäten ist angenehm begrenzt. Man kann hinunter zum Punta Cocos spazieren oder in anderer Richtung am Strand über eine große Sandbank bis zum Punta Mosquito.
Das große Naturspektakel auf Holbox sind die Walhaie, die sich auf Bootstouren und Tauchgängen bestaunen lassen. Allerdings nur in der Nebensaison, im regnerischen Sommer. Die nicht asphaltierten Sandpisten können dann komplett überschwemmt sein, was mitunter durchwachsene Reiseberichte nach sich zieht.
Nichtstun am Strand
Die naheliegendste Aktivität auf Holbox ist sicherlich das Nichtstun am Strand. Wie es sich für eine Trauminsel gehört. Doch der ikonische Sehnsuchtsort hat ein Problem, das kaum zu lösen ist.
Seit einigen Jahren schwimmt im Ozean das größte Braunalgen-Feld der Erde, der sogenannte Große Atlantische Sargassum-Gürtel. Die Alge landet an vielen Stränden der Karibik in so großer Menge, dass man sie oft kaum abtransportieren kann. Sie hat einen leicht fauligen Geruch. Holbox ist ebenso betroffen. Die mexikanische Regierung hat schon viel Geld in die Beseitigung gesteckt, doch es ist eine beispielhafte Sisyphos-Arbeit: Man ist nie fertig.
Und dann gibt es auf Holbox noch etwas, das nicht ganz zum Image eines noch immer beschaulichen Urlaubsparadieses passt: Party, Rausch und Drogen. Auf Holbox wird gefeiert. Wenn man will, jede Nacht.
Rezensionen helfen
Das Partytreiben im Zentrum kann die Erwartungen an Holbox enttäuschen. Manch einer sucht vor allem Ruhe, doch das gewählte Hotel liegt neben einer Bar mit lauter Musik bis weit in die Nacht. Um solche Fehlgriffe zu vermeiden, empfehlen sich die Rezensionen anderer Urlauber auf den Buchungsplattformen.
Spaziert man abends über die Sandwege vom Ort weg und hinein in die Botanik, verschwindet das künstliche Licht schnell. Der Himmel sieht plötzlich aus wie ein pechschwarzer Teppich voller funkelnder Perlen. Stille liegt über der Landschaft, kaum ein Laut ist zu hören.
Früher sei die Insel ruhig gewesen, erzählt die Verkäuferin eines Souvenirgeschäfts. Heute gebe es zu viel Lärm. Und die Expansion hält an. Zahlreiche Bauprojekte im Südwesten der Insel zeugen davon, dass der Tourismusboom noch nicht zu Ende ist.
Anreise: Eurowings Discover und Condor fliegen von Deutschland aus nonstop nach Cancún. Von dort und anderen Touristenorten wie Playa del Carmen fährt man mit Bus, Privattransfer oder Mietwagen in rund zwei bis drei Stunden nach Chiquilá. Weiter geht es mit der Fähre in etwa einer halben Stunde Überfahrt nach Holbox.
