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NWZonline.de Ratgeber Reise

Kanada: Die Welt auf der Strecke lassen

29.08.2020

Churchill Die Abendsonne taucht den kanadischen Sommerhimmel über Winnipeg in schillernde Farben, unter dem goldenen Stuck der Hotel-Lounge hat ein Pianist am Flügel Platz genommen. An der Bar schenkt sich ein Mann Weißwein nach. Statt einer Hand hat er einen Haken.

Der Herr mit dem weißen, akkurat zurückgekämmten Haar stellt sich als Doktor vor. Als er von dem bevorstehenden Abenteuer hört, einer Zugreise in den hohen Norden nach Churchill, schaut er wissend. Schließlich lebt er seit mehr als 25 Jahren hier in der Provinz Manitoba in der Mitte Kanadas.

Der Doktor hat einen Rat, der wie eine Warnung klingt: „Wenn Du den Frieden magst und die Stille und die Erinnerung einer Blase im Meer des Nichts, dann fahre hin. Dort ist das Nichts.“

Lebensader aus Metall

Die eindringlichen Worte hallen am folgenden Morgen in der Union Station in Winnipeg noch nach. Auf dem Gleis stehen zwei Diesel-Loks, dahinter ein Waggon für Fracht, einer mit Sitzplätzen, ein Speisewagen und schließlich zwei Schlafwagen. So sieht in Kanada eine metallgewordene Lebensader aus.

Es war im Sommer 2017, als schwere Überschwemmungen die Strecke unterbrachen und Churchill an den Rand des Kollaps brachten. Das Schicksal der Stadt hing nun an einer Flugverbindung, denn Straßen an die Hudson Bay gibt es keine. Als nach quälenden 18 Monaten wieder der erste Zug in der Stadt einfuhr, feierten ihre Bewohner auf den eisigen Straßen. Die „New York Times“ nahm Churchill in ihre Liste der Orte auf, die im Jahr 2020 besucht werden müssten.

Die Reise führt in 50 Stunden über 1697 Kilometer vom landwirtschaftlich dominierten Süden Manitobas bis hoch ans arktische Meer der Hudson Bay. Hinein in die Wildnis. Dorthin, wo die Türen der Autos stets offen sind, falls jemand vor einem Eisbär Schutz suchen muss.

Lustreise und Abenteuer

Der etwas morbide, blau-graue Nachkriegscharme des Zug-Interieurs macht klar, dass hier nicht nur Lustreise, sondern auch Abenteuer bevorsteht. Entbehrungen machen sich aber nur digital bemerkbar. Als die Häuser Winnipegs unter der Sommersonne Feldern weichen und die Bahn das mobile Handynetz Strich für Strich hinter sich lässt, kehrt eine unerwartete innere Ruhe ein.

Keine Termine, keine Deadlines und kein Tippen. Die Reisenden blicken vom Bildschirm auf und legen ihr Reiseschicksal in die Hände der kanadischen Bahn. Zwei Tage Zeit, sich allem zu widmen, was im Alltag nicht bunt und laut genug ist. Während der Zug langsam durch die Prärie der Provinzen Manitoba und Saskatchewan schleicht, während aus Feldern Wälder und wieder Felder und – immer seltener – Dörfer werden, lernen die Gedanken fliegen.

Ganz vorne sitzt Zugführer Nick Vinci – 30, orange-rote Weste, langer Bart – in seiner Lok. Hirsche, Elche, Schwarzbären, Füchse und Wölfe habe er auf der Strecke schon gesehen. Am faszinierendsten aber sei die Nacht: „Du kannst die Polarlichter genau vor dir tanzen sehen. Sie ziehen einen in ihren Bann.“

Reisegeschichten

Weiter hinten rücken die Reisenden näher zusammen. 17 von 35 Betten sind belegt. Anfangs sind sie noch irgendwelche Fremden, doch mit der Zeit bekommen sie Gesichter, Namen und Geschichten. Joana ist von der Westküste und reist mit ihrem Bruder. Sie nennt ihn „Bro“, was angesichts ihres fortgeschrittenen Alters unfreiwillig komisch wirkt. James aus Australien ist besessen von Nachrichten zum Brexit, obwohl er nicht mehr in London, sondern im norwegischen Bergen wohnt. Coralli reist schon eineinhalb Jahre durch Kanada und will im Polar-Institut Churchills arbeiten.

Interessante Menschen

Es bilden sich neue Gruppen. Der anfänglich empfundene Zwang, sich mit seinen Mitreisenden zu beschäftigen, wird zum Privileg. Vorurteile erweisen sich als falsch und Menschen als unterhaltsam. Susan sagt: „Die interessantesten Leute habe ich in Zügen oder auf Schiffen getroffen“. Kurz darauf findet sie heraus, dass Joana und sie aus demselben Ort am Pazifik stammen.

Am letzten Morgen ist die kanadische Weite einer trüben Einöde gewichen. Die kahlen Stümpfe der Bäume wachsen wie Fangzähne aus dem Boden. Fünf Stunden verspätet fährt der Zug schließlich im Zielbahnhof ein.

„Dort ist das Nichts“, hallt wieder die Stimme des Doktors durch den Kopf. Und die ersten Schritte in Churchill geben ihm Recht. Kühler, winterlicher Nebel hängt über der Straße vor dem Bahnhof. Auf dem Parkplatz steht der Mietwagen, natürlich unverschlossen. Der Schlüssel liegt auf dem Beifahrersitz.

Natur kommt zurück

Die erste Fahrt führt zu Bürgermeister Michael Spence. Er erzählt, wie der Ort gegen die Landflucht kämpft. „Als ich aufgewachsen bin, hatte Churchill mehr als 6000 Menschen.“ Heute seien es weniger als 1000. Doch dafür sei die Natur zurückgekommen – er meint die Belugawale. „Der Tourismus ist am Leben“, sagt Spence. Das große Schild an der Stadteinfahrt rühmt Churchill als „Eisbären- und Beluga-Hauptstadt“ der Welt. Im Winter fahren Touristen hier auf Eisbärsafari. Wer aber im Sommer mit dem Boot in die Mündung des Churchill River rausfährt, der braucht kein Glück, um die Belugawale zu sehen. Sie sind neugierig, kommen immer wieder in Schwärmen zu den Booten.

Das eigentlich Faszinierende an Churchill aber ist dieses Gefühl, das schon seit Beginn der Zugreise anwuchs und sich nun Bahn bricht: Die vernetzte Welt ist endgültig auf der Strecke geblieben.

Klima und Reisezeit: Das Klima in Churchill ist rau, die Reisesaison reicht aber bis zum Spätherbst. Für Beobachter der Polarlichter eignen sich besonders die Nächte im Februar und März. Im Mai und Juni kommen Vogelbeobachter auf ihre Kosten. Die besten Monate, um Belugawale zu sehen, sind Juli und August. Von Juli bis November sind auch besonders viele Eisbären zu sichten.

Anreise: Nach Churchill kann man mit einem Flugzeug der Gesellschaft Calm Air fliegen – für etwa 500 bis 600 Euro pro einzelner Strecke. Ein Sitzplatz im Zug ist deutlich günstiger, ein Bett im Schlafwagen kostet umgerechnet ebenfalls etwa 500 Euro.


     www.viarail.ca 

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