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NWZonline.de Ratgeber Reise

Putignano In Apulien: Wahre Kunstwerke aus Pappmaché

15.02.2020

Putignano Willkommen im verschlafenen Nest Putignano, im Süden von Italien, am Stiefelabsatz in Apulien. Der Himmel ist azurblau, in den engen Gassen der Kleinstadt ist es zur Mittagszeit still, es ist Siesta. Um die Ecke steht etwas, was man hier nicht erwartet: ein Karnevalsmuseum.

Denn in Putignano findet der älteste Karneval Italiens und einer der längsten der Welt statt – er beginnt hier jedes Jahr schon am 26. Dezember. Dies ist der Tag des heiligen Stephan. Seit 1394 werden seine Reliquien in der Ortskirche Santa Maria aufbewahrt.

Damals brachten die Ritter des Malteserordens, die das Gebiet regierten, die Reliquien des Hl. Stephan von Monopoli nach Putignano, um sie besser von den Sarazenen zu beschützen. Vor lauter Ehrfurcht verließen die Bauern ihre Felder, versammelten sich in einer Prozession und feierten exzessiv.

Satire, Ironie und Kultur

Der Umzug im Dezember ist in historischer Anlehnung an dieses Ereignis als Bitte um Vergebung aller Sünden zu verstehen, die während der kommenden Karnevalszeit begangen werden. Honoratioren tragen die Reliquie in einer Prozession durch die Straßen. Es geht um Satire, Ironie, aber vor allem um Apuliens Tradition und Kultur. Sogenannte „Propaggini“, eine Art Dialekt-Rapper, ziehen Politiker durch den Kakao. Danach folgt der erste Umzug der Motivwagen durch die Stadt.

Zu dieser Zeit verwandelt sich der verträumte Ort in einen Hexenkessel, der Tausende Besucher aus ganz Italien anlockt. Jedes Jahr steht sie unter einem Motto, dieses Jahr heißt es „Die Welt, vom Karneval aus betrachtet“. Jeden Sonntag und den letzten Samstag im Februar ziehen die Paraden und allegorischen Wagen durch die Innenstadt. Es ist ein Wettbewerb um den ausdrucksstärksten Wagen. Jeder ist komplett aus Pappmaché hergestellt und in monatelanger Tages- und Nachtarbeit entstanden. Neun Künstler bestimmen das Geschehen, der Mittvierziger Deni Bianco ist einer der jüngsten und am häufigsten Ausgezeichneten. Für die US-Popsängerin Madonna baute er eine Dekoration zum 60. Geburtstag, für den Papst entwarf er eine Bühne.

„Als Kind war ich komplett fasziniert von unserer farbenfrohen Tradition. Ich hab den Meistern über die Schulter geschaut, mich rein geschlichen und die Wagen bestaunt. Mit zwölf habe ich es in eins der Teams geschafft. Ich habe zwar Maschinenbau studiert, aber ich muss einfach das hier machen“, erinnert sich Bianco.

So wie Deni Bianco damals geht es heute den Jugendlichen seiner Stadt. Er ist ihr großes Vorbild. Sie alle träumen davon, so zu werden wie er. Und wie Bianco damals, so stehen heute die Jugendlichen nach der Schule in der Halle und reißen sich darum, bei ihm Papier zu kleben. Wie der 17-jährige Ciccio. Er ist immer der Erste und der Letzte, der abends geht.

Seit drei Jahren lernt er das Handwerk, in fünf Jahren hofft er gut zu sein, meint er mit einem selbstbewussten Lachen. „Es dauert zehn bis 15 Jahre, bis man ein guter Meister ist, alle technischen und künstlerischen Aspekte beherrscht. Das muss man wirklich von ganzem Herzen wollen und hart dafür arbeiten. Und Talent braucht man auch etwas“, schmunzelt der 46-Jährige.

Die Themen von Bianco sind meist sozialer Art. Sklaven sozialer Netzwerke, Giftschiffe, die die Meere verseuchen, Homosexualität und viele andere heiß diskutierte Themen. „Es ist eine großartige Gelegenheit, die Menschen mit dem Humor und der Ironie unserer Wagen zum Nachdenken zu bewegen“.

Am Anfang steht die Zeichnung. Dann werden die Einzelteile aus recycelten Zeitungen modelliert, die mit einer Mischung aus Mehl und Wasser zusammengeklebt werden.

Alle Bürger von Putignano sammeln das ganze Jahr über ihre Zeitungen und bringen sie vorbei. Am Ende schaut man empor zu einem etwa zehn Meter hohen Kunstwerk von etwa 15 Zentnern Gewicht. Regnen sollte es an den Umzugstagen nicht, sonst wäre alles umsonst.

Hohes Preisgeld

Jeder der Wagen-Meister will der Beste sein, denn am Ende winken 42 000 Euro Preisgeld. Domenico Galluzi ist kürzlich nachgerückt, weil sich einer der Meister in den Ruhestand verabschiedet hat. „Die letzten Monate waren sehr anstrengend. Ich musste die Halle ausrüsten und ich brauchte ein Team. Das hatte ich nicht. Und wir hatten auch noch nie etwas mit Pappmaché zu tun.“

Der letzte große Umzug entscheidet endgültig darüber, wer als Sieger hervorgeht. „Wir haben zwei Jurys. Eine Volksjury mit 30 Prozent Einfluss und eine fachmännische Jury mit 70 Prozent“, erklärt Giampaolo Loperfido, Präsident der Karnevalsstiftung von Putignagno das System.

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