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Deutschland: Wo die wilden Gänse überwintern

02.11.2019

Kleve Nieselregen hängt über dem Flachland. Grau in Grau zeigt sich die Düffel an diesem Wintersonntag. „Der Regen stört die Gänse nicht, es sind ja Wasservögel“, sagt Andrea Schulze, Natur- und Landschaftsführerin. Ihren Gäste zeigt sie am unteren Niederrhein bei Kleve ein besonderes Naturschauspiel: arktische Wildgänse.

Futtern nach Fernreise

Die Düffel ist ein 3800 Hektar großes Naturschutzgebiet am Rhein. Die Landschaft mit ihren Kuhweiden, Mais- und Getreidefeldern gilt als Hotspot für allerlei Federvieh: Grau-, Saat- und Weißwangengänse, vor allem aber arktische Blässgänse fallen dort seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit Anfang November zum Überwintern ein. Außerdem beobachten lassen sich Möwen, Grau- und Silberreiher, Weißstörche und einst aus Volieren ausgebüxte Nil- und eingewanderte Kanadagänse, die links und rechts des Niederrheins ganzjährig zu Hause sind.

Andrea Schulze ist mit Naturschützerin Mona Kuhnigk in der Düffel unterwegs – und mit rund 50 Busreisenden. „In unserem Gebiet können es bis zu 80 000 Blässgänse sein, in Nordrhein-Westfalen insgesamt etwa 200 000“, schätzt Kuhnigk von der Nabu-Station in Kleve.

Die Gänseschar findet beste Bedingungen vor, etwa ruhige Schlafplätze in Altrheinarmen und ehemaligen Kies- und Sandgruben. „In diesen stehenden Gewässern sind sie vor ihren Feinden, beispielsweise dem Fuchs, ziemlich sicher“, erklärt Schulze.

Die Blässgänse haben bei ihrer Ankunft am Niederrhein innerhalb von drei Monaten eine Flugstrecke von etwa 5000 Kilometern zurückgelegt und sind entsprechend ausgezehrt. Im Winterquartier wird das watschelnde Federvieh wieder rund und satt.

„Unsere Gänse fressen täglich ein Drittel ihres Körpergewichts“, sagt Schulze. „Auf zwei bis drei Kilo Gans kommen 800 bis 1000 Gramm Gras. Das ist eine ganze Menge Grünzeug.“

Das Jahr der Blässgänse verläuft im Drei-Monats-Rhythmus: Von November bis Februar sind sie am Niederrhein. Drei Monate dauert der Flug zum Sommerquartier auf der subarktischen Taimyr-Halbinsel in der sibirischen Region Krasnojarsk. Dort folgen drei Monate Brutperiode und Nachwuchs-Aufzucht, dann erneut drei Monate Flug zum Niederrhein.

Natur und Kultur, beides wird während der Bustour vermittelt. Im Dörfchen Niel lassen Schulze und Kuhnigk die Gäste vor der Pfarrkirche Sankt Bonifatius aussteigen.

„Schon die Römer haben Teile der Düffel trockengelegt, Holländer machten im 13. Jahrhundert die Auenlandschaft nutzbar“, sagt Schulze. „Sie zogen Entwässerungsgräben, und Bauern konnten sich ansiedeln.“ Doch bis heute gelten die Düffel und das benachbarte Naturschutzgebiet Salmorth als vom Hochwasser bedroht.

Besser in der Gruppe

Flutmarken am Nieler Kirchenportal zeugen von verheerenden Überschwemmungen: 1820 stand der Rhein hier 2,50 Meter hoch, 1850 waren es zwei Meter. Beim Jahrhunderthochwasser im Januar 1995 war auf der Halbinsel Salmorth das höher gelegene Dorf Schenkenschanz tagelang vom Hochwasser umspült, die 100 Bewohner waren nur noch per Boot erreichbar – wie eine Hallig in der Nordsee.

Über schmale Landstraßen kurvt der Bus nach Zyfflich, dem Storchendorf am Niederrhein. Dort brüten seit 1995 ausgewilderte Weißstörche. An die 40 Storchenpaare sollen es Schulze zufolge am Niederrhein mittlerweile wieder sein.

Hinüber geht es nach Holland zu einem Spaziergang über den haushohen Deich der Millingerwaard. Das 700 Hektar große Naturschutzgebiet ist nicht nur Rückzugsort von Gänsen und Wasservögeln, sondern auch Lebensraum der seit einigen Jahren angesiedelten Galloway-Rinder und halbwilden Konik-Pferde. Von Millingen geht es zurück nach Kleve.

Seit den frühen 1990er Jahren bietet die Klever Naturschutzstation ihre Exkursionen an. „Gans nah“ ist das Motto der Bustouren in die einsame Auenlandschaft. Damit sollen auch die Besucherströme gelenkt werden, wie Kuhnigk erklärt. Denn die Gänse werden von einzelnen Besuchern gestört. Sobald ein Auto in ihrer Nähe anhält und Menschen aussteigen, fliehen die scheuen Überwinterer. In dichten Schwärmen steigen sie dann auf, landen Minuten später auf einer entfernten Wiese und fressen weiter.

Auch Firmen buchen Naturexkursionen. Die Teilnehmer kommen den Gänsen dabei noch näher als die Bustouristen: Im Anschluss geht es manchmal in ein Restaurant zur Weihnachtsfeier – mit Gänsebraten.

Natürlich nicht von den Wildgänsen.

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