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Köln-Ehrenfeld: Böhmermann scherzt und Wallraff relaxt

20.06.2020

Köln Den Fans von Jan Böhmermann ist Köln-Ehrenfeld seit Langem ein Begriff. Seine Show „Neo Magazin Royale“ wurde in einem abgewrackten ehemaligen Teppichgeschäft in einem Ehrenfelder Hinterhof produziert. Immer wieder ging Böhmermann in der Sendung auf seine Wahlheimat ein. Im Hintergrund sah man die nächtliche Skyline von Ehrenfeld, wohl als Parodie auf amerikanische Late-Night-Shows mit bombastischem New-York-Panorama.

„Alles Schlechte dieser Welt kommt aus Nippes, Kalk und Ehrenfeld“ sagte man früher in Köln. Es waren die Namen der drei größten Arbeiterstadtteile mit dem denkbar schlechtesten Ruf. Bis heute ist Ehrenfeld ein Schmuddelkind: Graffiti, Baustellen, Schlaglöcher, Schilderchaos, Kaugummis. Wenn man bei Regenwetter hier durchläuft, fragt man sich: Und was gibt’s denn hier nun Besonderes?

Bei Sonnenschein aber verwandelt sich alles, dann verlagert sich das Leben nach draußen, und es wird trubelig. Ehrenfelder Sommer seien italienische Sommer, schreibt die Kölner „Stadtrevue“. Das Viertel gehörte in den 1950er Jahren zu den ersten in Deutschland, in denen sich sogenannte Gastarbeiter aus Italien ansiedelten.

Vielfalt der Kulturen

Leben und leben lassen, das ist die Devise. Und einer der Gründe, warum der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff sagt: „Hier kriegt mich keiner mehr weg.“ Häuser wie seines prägen das einstige Viertel der kleinen Leute: Dreifensterhäuser mit schmaler Fassade. Nach hinten hinaus haben sie dafür oft tiefe Gärten. Auch bei Wallraff ist das so. „Eine kleine Oase“, wie er das nennt.

An Ehrenfeld gefällt ihm besonders die Mischung. „Hier sind Zugewanderte aus allen möglichen Kulturen“, erzählt er. „Und die kommen miteinander zurecht. Wenn ich auf die Straße gehe, bekomme ich hier ganz überwiegend freundliche Reaktionen, egal welche politische Einstellung jemand hat. Hier haben auch viele Juden gewohnt, das sieht man an den Stolpersteinen.“ Die Messingsteine sind jeweils vor dem letzten Wohnort eines Verschleppten in den Gehweg eingelassen und tragen seinen Namen. Heute besitzt Ehrenfeld wieder ein reges jüdisches Gemeindeleben.

„Wo immer man auch Fremde nicht ertrug, Köln-Ehrenfeld hat Platz genug“, singt der niederländische Chansonnier Herman van Veen in einem seiner Lieder. Wallraff hat in seinem Haus im Laufe der Zeit viele Verfolgte und Gestrauchelte aufgenommen, sein prominentester Mitbewohner war der Schriftsteller Salman Rushdie, der nach einer als Fatwa bezeichneten Todesdrohung des iranischen Ayatollah Khomeini um sein Leben fürchten musste. 1993 war das. Sie haben viel Tischtennis gespielt, damals. Die Platte steht noch immer im Gartenhaus.

Ehrenfeld-Besuchern empfiehlt Wallraff die Taverne „Alekos“, die als Kölns ältester Grieche gilt. Und die oft auf Wochen hinaus ausgebuchte Traditionsgaststätte „Haus Scholzen“ und das Weinhaus „Secco“, in das ihn seine Töchter zum 70. Geburtstag ausführten.

Böhmermann wiederum lobte auf seiner Facebook-Seite unter anderem „Bunte Burger“, einen „veganen Laden für Wutburger“, „Karl Hermann’s“ („Die besten Burger Kölns. I am fucking serious.“) und „Oskar Jäger deli ehrenfeld“ („Bester Mittagstisch weit und breit“).

Seitenstraßen entdecken

Typisch sind die kleinen Ateliers und Läden in den Seitenstraßen, die man selbst entdecken muss. Man läuft in einen Hinterhof hinein, und schon steht man mitten in einer Marionettenwerkstatt, auf die aber kein einziges Schild hinweist. Warum auch? Hier geht’s schließlich nicht ums Geschäft. Das ist typisch Ehrenfeld: Vieles ist erfrischend unkommerziell. Mehrere Straßen – darunter die besonders kreative Körnerstraße und die lauschige Rothehausstraße – veranstalten eigene Sommerfeste oder Weihnachtsbasare.

Am „Tag des guten Lebens“ im September wird das Viertel autofrei, und auf den Straßen laden endlose lange Tische zum Tafeln ein, vielfach gratis oder für ganz kleines Geld.

Obwohl Ehrenfeld nicht gerade schön ist, stößt man immer wieder auf architektonische Überraschungen, wie das Neptunbad, eine Badeanstalt im Jugendstil aus der Kaiserzeit, in der heute ein edles Spa und Gym untergebracht ist. Ebenfalls sehenswert: die ehemalige 4711-Fabrik von 1950, die ganz in den Farben der Parfümfirma – Gold und Türkisblau – gehalten ist.

Kurios ist das Ehrenfelder Wahrzeichen: ein Leuchtturm mitten im Binnenland! Der Turm wurde im 19. Jahrhundert von der Helios Elektricitäts Aktiengesellschaft errichtet. Er diente als Testanlage für das Feuer echter Leuchttürme, die Helios in aller Welt bestückte. Abends sandte der Leuchtturm von Ehrenfeld seine Strahlen weit über die Stadtränder hinaus, als läge Köln auf einer Insel.

Das bekannteste Bauwerk des Viertels ist heute die Zentralmoschee, der größte Moscheekomplex Deutschlands. Mag das äußere Erscheinungsbild des Betonbaus auch umstritten sein, das Innere ist beeindruckend schön, vor allem bei gutem Wetter. Dann scheint die Sonne durch die riesigen Fenster herein und lässt den Kuppelsaal leuchten. Auf Socken läuft man über den blauen Gebetsteppich und staunt. Die Moschee heißt alle Besucher willkommen, ausdrücklich auch Nicht-Muslime. Fast immer, auch zu Gebetszeiten, ist die Moschee frei zu besichtigen. Für Gruppen werden Führungen organisiert.

Gentrifizierung droht

Viele sehen den Ehrenfelder Kosmos mittlerweile bedroht: Die Mieten sind steil gestiegen, die Hauspreise haben sich binnen zehn Jahren teils mehr als verdoppelt. Einige Musikclubs wie das berühmte Underground mussten schließen. Der Bau einer großen Shopping Mall mit Luxuswohnungen wurde von einer Bürgerinitiative verhindert.

Stattdessen entsteht auf dem Grundstück nun ein Mischquartier mit Schulzentrum, Wohnungen und öffentlichen Flächen. Angedacht ist auch eine Kulturmeile mit erschwinglichen Ateliers und Galerie-Räumen. Ehrenfeld soll schließlich Ehrenfeld bleiben.


Weitere Informationen unter   www.koelntourismus.de 
Besuch der Zentralmoschee   www.zentralmoschee-koeln.de 
  www.tagdesgutenlebens.koeln 

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