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NWZonline.de Ratgeber Reise

Glückliche Winzer an steilen Hängen

20.10.2018

Longuich-Kirsch Lange schlafen. Und dann lange frühstücken. Das ist an diesem Oktobermorgen so ziemlich das Klügste, was wir machen können. Denn über der Mosel hängen dicke Wolken. Eine typische Herbststimmung, sagt Sabine Longen, unsere Gastgeberin.

Ihr Mann Markus ist bereits irgendwo auf der anderen Moselseite in den Weinhängen, durch die wir wandern wollen. Das größte zusammenhängende Steillagen-Anbaugebiet der Welt, wir können es bislang nur erahnen.

Tuckernde Trecker

Unser Quartier liegt in Longuich-Kirsch. Ein 1300-Seelen-Ort, dem es augenscheinlich gut geht, direkt vor den Toren von Trier, Deutschlands ältester Stadt. Ein Ort auch, in dem immer noch über 20 Winzer ihre Weinberge im Vollerwerb bewirtschaften.

Am späten Vormittag: Der Himmel reißt auf. Eine erste Bergkuppe taucht aus dem Nebel auf. Unsere Wanderung kann beginnen. Über eine Moselbrücke gelangen wir geradewegs in die Weinberge und in Serpentinen den „Longuicher Maximiner Herrenberg“ hinauf. Unentwegt tuckern schmale Winzertrecker an uns vorbei. Jetzt, Anfang Oktober, ist die Weinlese in vollem Gange. Sonst ernten sie den Riesling oft erst im November, nach Allerheiligen. Aber in diesem Jahr ist vieles anders. „2018, das ist der Hammer“, sagt Markus Longen, „man muss nicht sortieren, alles Auslese.“ 95 Grad, solche Oechsle-Werte machen den Winzer glücklich.

An der Mosel reift ein weltweit einmaliger Riesling, weil dort ein paar Dinge zusammenkommen. Ganz wichtig ist der Boden, Grauschiefer, der hält die Wärme, sagt Longen. Über die Wurzeln, die metertief in den Boden reichen, gelangen die Mineralstoffe in die Traube. „Deswegen schmecken die Moselweine auch mit wenig Alkohol.“

Dann die Lage, in diesem Fall ein Südhang mit 50 Prozent Steigung und intensiver Sonneneinstrahlung. Schwer zu bewirtschaften. Aber Longen ist ein Pionier, war es immer schon. Ende der 1980er Jahre baute er als einer der ersten Winzer Rotwein an, auf dem Etikett stand damals noch: „aus Versuchsanbau“. 1992 fing er mit Chardonnay an, auch „eher untypisch für die Mosel“.

Und heute ist er einer der Ersten, der bei der Weinlese im Steilhang einen Vollernter einsetzt. Der rüttelt die Beeren ab, laut, aber sanft. Longen holt sein Handy raus, zeigt Bilder von der Ernte, lauter Trauben. „Kein Blatt, kein Stiel. Das ist die Zukunft. Ohne Technik kein Steilhang-Weinbau“, ist der 51-Jährige überzeugt. Und ohne Steilhang-Weinanbau kein Mosel-Panorama. „Wir sind Landschaftspfleger.“

Wir kehren den Winzern und ihren fleißigen Erntehelfern den Rücken. Der Weg wird schmaler und führt durch einen Wald hinauf auf die inzwischen wolkenfreie Bergkuppe.

Ein Blick zurück auf Longuich-Kirsch: vorn die Moselbrücke, hinten die Autobahnbrücke und dazwischen ausnahmslos schiefergedeckte Häuser und die „Villa Urbana“, ein imposanter Römerbau aus dem 2. Jahrhundert, schon damals mit Kalt- und Heißbad.

Ab jetzt folgen wir einem kleinen Schild mit der Aufschrift „Moselsteig“. Ein Fernwanderweg, 365 Kilometer lang und unterteilt in 24 Etappen. Wir sind auf der sechsten Etappe. Sie ist mit rund 13 Kilometern eine der kürzesten, in Wanderführern aber stets als „sportlich“ beschrieben. Schnell merken wir, warum. Im Zickzackkurs geht es durch den herbstlichen Mischwald zum Mehringer Berg hinauf. Der ist 418,7 Meter hoch, eigentlich nicht die Welt, und doch sind wir kräftig am Schnaufen.

Ein Gipfelkreuz ist nirgends auszumachen. Vor uns liegt ein fast baumfreies Wiesenplateau. Wir könnten auf einer „Sinnesbank“ Platz nehmen, wie die Touristiker die urbequemen Sitzgelegenheiten an markanten Punkten des Moselsteigs getauft haben, doch das ist gegen unsere Wanderehre, sprich: zu früh.

Durch eine Senke geht es abwärts und auf einem breiten Forstweg mal durch Laub-, mal durch Nadelwald. Dann, unter einem Kirschbaum, die nächste „Sinnesbank“. Jetzt lassen wir uns nieder, blicken ins Tal, erahnen dank der Weinberge den Verlauf der Mosel. Am Horizont, auf den Hunsrück-Höhen, drehen sich Dutzende von Windrädern. Jetzt nur nicht eindösen.

Schiefer und Holz

Kurze Zeit später glitzert im Sonnenlicht ein kleines Stück Mosel durch den Wald. Nach Stunden der Ruhe dringt wieder das Knattern eines Winzertreckers an unser Ohr. Wir nähern uns Mehring. Ständig könnten wir Rast machen: bei einer alten Weinbergkapelle, auf dem Huxley-Plateau an der Hangkante oder bei einem überdimensionierten Weinfass mit Sitzbank, gestiftet von rüstigen Senioren aus dem Ort.

Die Mehringer Weinberge fallen so steil ab, dass wir uns fragen, wie in aller Welt die Winzer es schaffen, an die Weinstöcke zu kommen. Für uns Wanderer führt der Weg in Kehren bergab, im Grunde die einzige Stelle auf dieser Etappe, die wirklich Trittsicherheit erfordert. Gut, dass der Boden trocken ist.

Von Mehring könnte es jetzt auf dem Moselsteig weitergehen Richtung Rhein. Wir aber wollen zurück nach Longuich-Kirsch. Die Alternativen lauten: rund sechs Kilometer zu Fuß am Moselufer oder Bus Nummer 333. Wir nehmen den Bus.

Abends betten wir unsere müden Glieder in einer Touristenattraktion neueren Datums: in einem von 14 kleinen Winzerhäuschen „bei Longens“, erbaut aus heimischem Schiefer und Holz. Das, was der italienische Star-Architekt Matteo Thun dort 2012 im Zusammenwirken mit hiesigen Architekten geschaffen hat, inspiriert von einem Winzerhäuschen auf der anderen Moselseite, lockt Architektur-Fans von weither. Plötzlich kommen Leute, die noch nie an der Mosel waren, sagt Sabine Longen. Aber auch Einheimische sehen die Häuschen im Fernsehen und machen einen Spaziergang. Und trinken danach vielleicht in der „Vineria“ noch einen Wein aus den steilen, felsigen Hängen, die wir heute durchquert haben.

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