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NWZonline.de Ratgeber Reise

Wo sich Schande in Stolz verwandelt

17.11.2018

Matera Wäre Jesus am Leben, würde er dann eine Wohnung in Matera vermieten? Die kleine Bergstadt hat in Italien die höchste Zahl an Airbnb-Wohnungen, gemessen an der Zahl der Einwohner. Und sie sieht mit ihren antiken Gemäuern und der urzeitlichen Landschaft so altertümlich aus, dass dort gern Bibelfilme gedreht werden. Jetzt soll der Rest der Welt Matera entdecken, das neben Aleppo in Syrien zu den ältesten Städten überhaupt zählt: 2019 ist es neben dem bulgarischen Plowdiw Europäische Kulturhauptstadt.

Matera in der Region Basilicata zwischen Neapel und Bari wirkt wie ein unscheinbares Bergdorf. Dort wohnen 60 000 Menschen, auf dem Weg vom Bahnhof zur Innenstadt hätte man eher auf 6000 getippt. Und dann steht man plötzlich in den Sassi, den zwei ältesten Stadtteilen, dem Herz der Stadt und jeder Geschichte über Matera.

Eigentlich verwundert es, dass Matera in Italien heute so wenig Menschen kennen: In den 1950er Jahren ging es als „la vergogna d’Italia“, die Schande Italiens, in die Geschichte ein, denn in den Sassi lebten damals noch rund 15 000 Menschen in unzumutbaren hygienischen Bedingungen. „Sasso“ heißt Stein auf Italienisch. Die Wohnungen in den Vierteln Sasso Caveoso und Sasso Barisano waren Höhlensiedlungen, bewohnt seit der Spätantike. Menschen lebten dort zu Dutzenden, zusammen mit Tieren. Licht war rar, die Luft schlecht, Krankheiten verbreiteten sich schnell.

Die Sassi wurden evakuiert, die Menschen umgesiedelt, das Viertel verfiel. In den 1980er Jahren fingen die Bewohner an, es zu restaurieren, 1993 ernannte die Unesco die Siedlungen zum Weltkulturerbe. Aus der „vergogna“, Schande, wurde „orgogna“: Stolz.

Zu Recht. In den verwinkelten und treppenreichen Gassen, die durch die hügeligen Viertel führen, werden sogar Fotomuffel die Aussicht festhalten wollen. Auf die weißen Felsen und die darin liegenden Höhlen, in denen nun wieder Menschen leben und arbeiten. Und auf die Murgia. Der rund 8000 Hektar große archäologische Park liegt gegenüber der Stadt, die am Rand einer Schlucht steht, durch die sich der Fluss Gravina schlängelt.

In den Sassi rechnet man damit, hinter jeder Ecke auf Jesus zu stoßen. Dort wurde zum Beispiel Mel Gibsons „Die Passion Christi“ gedreht. Statt Jesus trifft man aber auf Cafés, Eisdielen, Restaurants. Der Kulturhauptstadt-Titel bringt der Stadt Aufschwung, viele junge Italiener kommen zurück – oder waren nie weg.

Francesco Ambrosecchia (34) und Raffaele Giannella (25) zum Beispiel. Die Cousins betreiben die Weinbar „Nocelleria“ in den Sassi, und zwar in jenem Gemäuer, in dem noch Ambrosecchias Großvater wohnte, dessen Foto über dem Tresen hängt. Als sein Vater zwei Jahre alt war, wurde die Familie umgesiedelt. „Das Leben in den Höhlen war schlecht für die Knochen, dieses gebückte Laufen“, sagt Ambrosecchia.

Angelo Lamacchias Großmutter hat ebenfalls in den Sassi gewohnt. Der 33 Jahre alte Maler betreibt in der Nähe der alten Wohnung ein Atelier und sagt: „Vor fünf Jahren war es hier wie in Neapel.“ Er meint damit: lebendig. Aus vielen restaurierten Höhlen wurden Airbnb-Unterkünfte oder gleich Luxushotels. Er hat sich bewusst für die Kunst entschieden. „Auch wenn ich damit weniger verdiene.“ Er hofft, Matera wächst. „Aber nicht zu sehr.“

Tatsächlich ist das Bemerkenswerte an Matera nicht nur, wie schön es ist, sondern wie gut man diese Schönheit genießen kann. Touristennepp wie Selfie-Sticks oder Minions-Figuren gibt es zu kaufen, aber in überschaubarem Maß. Und auch wenn die Zahl der Besucher von jährlich 200 000 im Jahr 2010 auf 450 000 im Jahr 2017 gestiegen ist, schiebt man sich nicht in Massen durch die kleinen Straßen, in denen Kakteen stehen und Heiligenbilder hängen. Meistens hat man sie für sich, nur ab und an mustert einen eine skeptische Katze. Aber bleibt das so?

Paolo Verri, Chef der Stiftung, die das Programm für das Kulturhauptstadtjahr verantwortet, hat sich in Städten wie Amsterdam oder Barcelona umgehört, um zu vermeiden, was dort zum Problem wurde: Overtourism. Zu viele Besucher und die Verdrängung der Einheimischen. Bewohner dürften nicht separiert werden, Besucher sehe man als „temporäre Einwohner“. Beide sollten voneinander lernen.

Das Programm für das Kulturhauptstadtjahr ist vielseitig – und nimmt das Wort „europäisch“ ernst. Für die Projekte gilt, dass 30 Prozent der Teilnehmer aus Europa stammen müssen, 30 aus der Region Basilicata und 30 aus Matera.

Die Bewohner scheinen sich auf 2019 zu freuen. Die Stadt brauche „un piccolo trampolino“, ein kleines Trampolin, sagt Linda Perrone, die Touristen durch die steilen Sassi führt, für die man festes Schuhwerk braucht, was manche Italienerinnen aber nicht davon abhält, es in Stöckelschuhen zu versuchen. Perrone zeigt viele Kirchen, die Stelle, an der Mel Gibson die Kreuzigung Jesu gedreht hat und schließlich eine Höhle, die eingerichtet ist wie früher. In der Casa Grotta, die bis 1958 bewohnt war, stehen Möbel aus dunklem Holz, wie sie Großstädter gern auf Flohmärkten kaufen.

Museen wie der Palazzo Lanfranchi geben ebenfalls Einblick in das Leben damals. Überhaupt ist die Stadt nicht arm an Museen. Archäologie spielt eine große Rolle, eines widmet sich Olivenöl. Natürlich dreht sich das Leben in Matera auch ums Essen. Man sieht sogar noch, woher es kommt. An einem Nachmittag trägt ein Mann Schweinehälften auf seinem Rücken über die Piazza. Dienstag ist wohl Schlachttag. Und am Ende begegnet man doch noch Jesus: Sein Bild hängt gerahmt beim Metzger. Über der Fleischtheke.

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