Moskau - „Das ist das wahre Russland da draußen“, sagt Konstantin Tsarkovsky und schaut durch die schlierigen Zugfenster. Schier endlos ziehen Birken- und Nadelholzwälder vorbei, verstreute Siedlungen, Mosaike aus zusammengeduckten Häuschen, versunken im Winterweiß. Kiefernzweige biegen sich unter der Last von Schnee, der hier zwischen Kirow und Jekaterinburg die Hälfte des Jahres die Landschaft beherrscht, von Oktober bis April.

Konstantin ist mit der Transsibirischen Eisenbahn auf dem Weg zu seinen Eltern, von Moskau nach Kemerowo in Sibirien. Gebucht hat der 26-Jährige die Pritschenklasse: vier Dutzend Leute in einem Großraumwagen. Die Geschlechter sind gemischt. Laken und Wolldecken werden gestellt. Ständiges Hin und Her.

„Zur Ruhe komme ich hier nicht“, erzählt der Produktmanager. Die Tour hat ihn umgerechnet 70 Euro gekostet. Dafür ist Konstantin zweieinhalb Tage unterwegs und muss sich mit seinen 1,93 Metern in eine zu kurze Koje zwängen. „Aber es geht irgendwie.“

Dass ganz hinten an den Linienzug zwei „Zarengold“-Sonderwaggons angehängt sind, in denen Touristen zu einem Vielfachen des Preises reisen, um „Winterträume auf der Transsibirischen Eisenbahn“ zu erleben, weiß Konstantin nicht. Dort hinten haben nur registrierte Gäste Zugang. Freundliche Mitarbeiterinnen machen die Betten in den Kabinen, servieren Getränke, saugen die Teppichböden.

Startpunkt der Transsib ist in Moskau der Kopfbahnhof Yaroslavsky mit seiner Fassadenpracht. Bahnhöfe sind Perlen der russischen Architektur, säulenschwere Melangen, irgendwo anzusiedeln zwischen Theatern und Palästen. Das ist in Krasnojarsk nicht anders als in Irkutsk.

Bis heute ist das Wintererlebnis in der Transsib um Längen einsamer als die Zugfahrt im Sommer, wenn viel mehr Touristen auf Achse gehen. In den frostüberzogenen Weiten dominiert die Farbe Weiß, Eisblumen wachsen an den Zugfenstern statt Trollblumen in der Natur.

Dauerthema für Fremde ist und bleibt die Witterung. Unterwegs, auf der Übernachtfahrt nach Irkutsk, sackt die Quecksilbersäule auf den Reiserekordwert von minus 31 Grad ab. Den Tag über hält sich niemand länger als nötig im Freien auf, auch nicht auf Komforttrips.

In Ulan-Ude löst sich die Strecke der Transmongolischen Eisenbahn von der klassischen Transsib und nimmt Kurs auf die Mongolei. In Ulan Bator, der Endstation, liegt Feuerrauch von Kohle- und Heizöfen über der Stadt. Gedanken an Dschingis Khan flammen auf. Klöster mit Lamas, buddhistischen Lehrern, und jungen Schülern haben die orthodoxen Kirchen Russlands abgelöst.