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NWZonline.de Ratgeber Reise

Im Archipel gehen die Uhren anders

23.02.2019

Nassau „Kühl halten“ steht auf den Eierkartons, die am Kai in der prallen Sonne braten. Autoreifen stapeln sich neben Erdnuss- und Zwiebelsäcken. Ein Kran hievt palettenweise Bierdosen an Bord. Die Abfahrt der „Bahamas Daybreak III“ verzögert sich, am Ende um eine Spielfilmlänge.

Das Zeitverständnis der Bahamer ist nicht an die Zeiger der Uhr gekoppelt. Einfach cool bleiben in der Dauerwärme. Das gilt auch für Passagiere. Sie können auf Postschiffen zu den entlegenen Out Islands mitfahren. Transportiert wird alles Erdenkliche. Obst und Käse für Tante-Emma-Läden. Blumenkübel für Resorts. Medikamente für Ärzte. Sofas für Privatleute.

Ankunft in der Nacht

Startpunkt ist der Frachthafen Potter’s Cay in Nassau, der Hauptstadt des zersplitterten Inselstaats. Etwa 20 Postschiffe, sogenannte Mailboats, verkehren im Archipel. Das kalkuliert Delores Forbes-Berry im Dockmaster’s Office rasch durch. Die Mittfünfzigerin ist ein Urgestein, unsäglich hilfsbereit und freundlich, wie fast alle Bahamer.

Sie druckt den Wochenfahrplan der Boote aus. Heute, an einem Montag, legt die „Bahamas Daybreak III“ ostwärts nach Governor’s Harbour auf Eleuthera ab. Aus dem vorgesehenen Spätnachmittag wird letztlich Abend. Sieben Stunden dauert die Passage, Ankunft in der Nacht, Rückfahrt tags darauf mittags. Das Ticket kostet 35 Dollar.

Unterwegs zu sein auf Postschiffen bedeutet, die Bahamas auf die vielleicht authentischste und preisgünstigste Art zu erleben. Was voraussetzt, hart im Nehmen zu sein, flexibel und bereit, Ziele anzusteuern, zu denen man niemals wollte. Und auf solche zu verzichten, die man ursprünglich im Kopf hatte. Fahrpläne und Destinationen wechseln. Volle Kraft weg aus der Planungs- und Komfortzone. Harte Holzbänke statt Polsterliegen auf Sonnendecks.

„All inclusive“ ist das, was auch die Crew bekommt: Wasser, Instantkaffee, schlichte Mahlzeiten auf Styroportellern. Die Passagiere werden mitverpflegt. Das Entertainment besteht aus Kontakten mit Bahamern, die so wunderbar ungezwungen und kommunikativ sind.

Stimmengewirr verrät die nächtliche Ankunft auf Eleuthera. Egal. Einfach liegen bleiben auf der dünnen Matratze. Der Wecker klingelt zum Sonnenaufgang um 7 Uhr. Bleiben fünf Stunden für den Landausflug. Nicht im klimatisierten Bus und Entenmarsch hinter Schildhochhaltern her, sondern in Eigenregie zu Fuß. Natürlich könnte man auch eine Woche bleiben, dann kommt die „Bahamas Daybreak III“ zurück. Wahrscheinlich. Governor’s Harbour war einer der Gründungsorte der Bahamas. In der weiten Bucht ankern Jachten und Katamarane.

Inselhüpfen funktioniert nicht per Postschiff. Die Wege führen immer zurück nach Nassau, dem Umschlagplatz des Warenverkehrs. Tags darauf steht die „Captain C“ zum Einstieg bereit. Kurs Südost auf die Exuma Cays. „Vergangene Woche sind wir wegen Wartungsarbeiten nicht gefahren, jetzt haben wir doppelt so viel Ladung“, entschuldigt Kapitän Etienne Maycock (52) die zehnstündige Verspätung bis weit nach Mitternacht. Kein Problem.

Großes Landschaftskino

Die Exumas liegen weit verstreut. 365 Inseln sollen es sein, mehrheitlich unbewohnt. Die ersten geraten am frühen Morgen in Sicht. Fortan läuft im Bordprogramm großes Landschaftskino. Die Weiten im Archipel. Farbfluten. Sandbänke. Einsame Strände.

Der Ausstieg erfolgt auf Staniel Cay. Ab dort fliegen Propellermaschinen regelmäßig zurück nach Nassau. Möwen kreischen. 118 Einheimische leben ständig auf Staniel Cay, einige US-Pensionäre haben dort ihren Zweitwohnsitz. Die kleine, sandige Pirate Trap Beach im Norden ist menschenleer, ebenso der Küstenpfad über die Klippen im Osten. In der Marina tummeln sich Ammenhaie.

Tierischen Nachschlag beschert ein Halbtagestrip im Kleinboot. Felsenleguane am Strand von Iguana Cay. Schweine auf Big Major Spot. Ja, landläufige Hausschweine. Sobald sich Boote nähern, wittern sie Nahrung und schwimmen den Ausflüglern durchs Salzwasser entgegen. Kurios. Da bekommt der Terminus „Meerschwein“ eine ganz neue Note.

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