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NWZonline.de Ratgeber Reise

Deutschland: Wanderung mit Boot und Kutsche

02.10.2020

Neuruppin Die Jungs sind kaum zu halten. Adrian beugt sich aus der Kutsche und streckt den Arm raus. Jakobs Stimme überschlägt sich fast: „P-i-i-i-i-i-lze!“ Kutscher Jürgen Strache, der bislang seine Anekdoten referiert hat, schreckt auf: „Schön, wenn sich Kinder so für die Natur begeistern!“ Er gibt Chico und Hercules, den beiden schwarzglänzenden Wallachen, mit Zügel und Stimme das Signal anzuhalten. Die Kinder springen ab und huschen unter die Bäume.

Essbar oder nicht? Zur Sicherheit ist ein Pilzbestimmungsbuch im Rucksack, und die Eltern der beiden Jungs haben ein bisschen Erfahrung. Auf der Familienwanderung durch die Ruppiner Schweiz im Bundesland Brandenburg sollen sie noch ein großes Pilzwunder erleben.

Fontanes Geburtsort

Unser Vorhaben startet in Neuruppin. Von dort soll es nach Rheinsberg gehen. Den 25-Kilometer-Marsch haben wir dem Nachwuchs zuliebe auf drei Tage verteilt – mit jeweils rund acht Kilometern. Das schaffen auch ein 6- und ein 10-Jähriger.

Die alt-preußische Kleinstadt stand 2019 als Geburtsort Theodor Fontanes zu dessen 200. Geburtstag im Fokus. Noch ein bekannter Sohn der Stadt war Baumeister und Architekt Karl Friedrich Schinkel. Er baute Schlösser und klassizistische Gebäude wie am Fließband, etwa das Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt oder die Nikolaikirche in Potsdam.

Bis Alt-Ruppin wandern wir noch an der Straße entlang, dann gehts endlich in den Wald – in die grüne Idylle. Rechts die Buchen, über uns ein Dach aus Zweigen und Blättern, links dichtes Schilf, durch das die Sonne blinzelt. Bald öffnet sich das Schilf zum Sandstrand.

Abwechslung mit Angel

Der Molchowsee – im Herbst menschenleer – liegt im goldenen Licht. Er ist Teil einer Seenkette, die über Rhin und Binenbach verbunden sind. Die Gewässer sind das Herz der Ruppiner Schweiz, eine hügelige, bewaldete Endmoränenlandschaft.

Auf dem Steg werfen die Kinder Angeln aus – eine willkommene Abwechslung nach gut fünf Kilometern Marsch. Es ist nicht mehr weit bis Molchow, einem sogenannten Rundlingsdorf, um dessen Dorfplatz sich die Gehöfte gruppieren. Im Luisenhof am Rhin checken wir ein. Betreiberin Katrin Helldörfer-Schmitt erzählt uns von dem Politikum der letzten Jahre: der Molchower Brücke.

Boot statt Brücke

Als Fontane 1873 über den Rhin nach Molchow kam, um sich über den alten „unheimlichen“ Holzglockenturm auf dem Dorfplatz auszulassen, kam er mutmaßlich noch über eine Brücke. Den Einwohnern ist dieser Weg seit 2016 verwehrt. Die baufällige Nachfolgekonstruktion wurde gesperrt und abgerissen. „Gegenüber ist doch gleich der Wald“, sagt Helldörfer-Schmitt. Seit Jahren warten die Leute auf den Neubau.

Für uns hat die Sache am nächsten Morgen einen Nebeneffekt, der den Familienspaß steigert. Um an unser Frühstück zu kommen, müssen wir ins Paddelboot steigen. Schräg gegenüber machen wir fest im kleinen Hafen des „River Café“. Zurück am anderen Ufer, wartet schon Kutscher Strache.

Weiter wandern mit der Kutsche? Oh ja! Schon Fontane machte das so. Er reiste im Pferdewagen durch die Gegend und veröffentlichte später seine Reisetexte als „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ – also wollen wir ein Auge zudrücken.

Entschleunigt reisen

Wir genießen die Fahrt in der Wagonette – mit etwa fünf km/h geht es im offenen Pferdewagen weiter durch ausgedehnte Buchenwälder. „Wenn man heute von Entschleunigung spricht – na, das isset dann“, sagt der Kutscher. Fast hätten sich die Eltern entspannt, doch dann plötzlich wieder: „Pi-i-i-i-lze!“ Die Jungs springen zielstrebig vom Wagen. Am Ufer entdecken sie Steinpilze in Rekordgröße, etwa 30 Zentimeter groß – und strahlen über das ganze Gesicht.

Da gehen Straches Erläuterungen natürlich völlig unter, dass hier ein Hochmoor renaturiert werde, um den Wasserhaushalt des Waldes wieder in Ordnung zu bringen. Dass im Ruppiner Seenland Graugans und Kranich brüten, Eisvogel, Otter und Biber leben, und dass der Wolf schon Gatterwild gerissen habe.

In den Goldenen Zwanzigern entdeckten die Berliner die Gegend für die Sommerfrische, erzählt der Kutscher auf der Weiterfahrt, eine Parallele zu heute. Wie vermögend manche Großstädter waren, zeigt die herrschaftliche Bebauung von Dörfern wie Stendenitz, das zwischen Tetzen- und Zermützelsee liegt.

Wir rollen entlang des Rottstielfließes, der Verbindung zum Tornowsee. An dessen Nordende liegt die Boltenmühle, unser Nachtlager. Nicht nur Fontane kam hier entlang.

Müller statt König

„Es heißt, Friedrich der Große habe gesagt, wenn er nicht König von Preußen gewesen wäre, dann wär’ er gern Müller an der Boltenmühle geworden“, erzählt Kutscher Strache zum Abschied. Vor dem heutigen Waldhotel plätschert immer noch Wasser über ein Mühlrad. Kurz darauf planscht die Familie im kleinen Hotelschwimmbad mit Sauna.

Die Sonne vertreibt am letzten Wandertag die nächtlichen Wolken. Zunächst steht es schlecht um den Wanderwillen der Kinder. Doch zwischen Zechow und Rheinsberg motiviert sie der Pilzreichtum: Von Marone zu Marone hüpft die Familie, auch Krause Glucken – diese vorzüglichen Speisepilze – finden wir in Massen.

Dass Rheinsberg den Endpunkt unserer Wanderung markiert, passt auch geografisch. Die Stadt liegt in der äußersten Ecke des Ruppiner Landes – einst Zollstation, als noch Salz und Tabak geschmuggelt wurden.

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