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NWZonline.de Ratgeber Reise

Schweigend durch die Natur wandern

01.09.2018

Neustrelitz „Nun lasst uns gehen“, sagt Pilgerpastorin Melanie Ludwig. Vor dem Gemeindehaus in Rödlin steht ihre fünfköpfige Gruppe. Gerade hat Ludwig die Bibelgeschichte vom Zollpächter Zachäus erzählt, der wegen seiner kleinen Gestalt auf einen Baum steigt, um Jesus zu sehen. Er ist wegen seines Berufs unbeliebt und auch verbittert. „Wo wurden wir verletzt und warum? Wie gehen wir damit um? Tragen wir die Verletzungen nach außen oder machen wir uns größer, als wir sind, um sie zu überdecken?“, fragt die Pastorin und zitiert Jesus: „Ich sehe dich, wie du wirklich bist.“

Raus aus dem Alltag

Schwere Kost an diesem frühen Morgen in der Mecklenburgischen Seenplatte. Die Geschichte von Zachäus ist der Auftakt für die kommende Stunde, in der Ludwig mit ihren Pilgern schweigend durch die Natur wandert. Der Weg führt vorbei an Seen, Feldern und durch Wälder. Die ideale Umgebung, um Gedanken nachzuhängen.

Der 2011 eröffnete Pilgerweg Mecklenburgische Seenplatte zwischen Friedland und Mirow ist rund 220 Kilometer lang. Immer wieder laden in dieser menschenarmen Gegend kleine Kirchen oder Klosterkirchen dazu ein, einen meditativen oder christlichen Text zu lesen oder eine Kerze zu entzünden. Dazu gehört beispielsweise das ehemalige Zisterzienserinnen-Kloster Wanzka aus dem 13. Jahrhundert, das in den vergangenen Jahren umfangreich restauriert wurde.

„Die Gedanken mäandern“, so beschreibt Hans-Martin, Mitglied der kleinen Gruppe, die Dinge, die in ihm und wohl in allen Pilgern vorgehen. Doch irgendwann kristallisieren sich die wirklich wichtigen Themen heraus. „Mit dem Impuls kannst du die Aufmerksamkeit auf deine persönliche Geschichte konzentrieren.“

Pilgern hat nicht zwangsläufig etwas mit Religion zu tun. Es geht um Einkehr und den Wunsch, neue Wege zur Lösung von Problemen zu finden. Die Pastorin weiß: „Beim Pilgern kommen die Dinge in Bewegung.“ Vor allem dann, wenn sich die Schritte verselbstständigen, wenn die Menschen erleben, was die Stimme der Seele ihnen zuraunt. Manche machen auf dem Weg erste spirituelle Erfahrungen.

In Deutschland gibt es Dutzende Pilgerwege, in Mecklenburg-Vorpommern vier. In der Bekanntheit kommt keiner an den Jakobsweg heran, der sich durch Europa nach Santiago de Compostela in Spanien windet.

Durch einen Aufenthalt in Santiago ist die Rostocker Journalistin Katja Bülow auf das Pilgern aufmerksam geworden. Alle paar Minuten komme dort ein Pilger an, glücklich oder weinend, der nächste setzt sich still in eine Ecke. Regungen, die sie nach mehreren Touren nachvollziehen kann. „Wenn du unterwegs bist, dieses gleichmäßige Trotten – das macht etwas mit dir“, sagt Bülow. „Du bist sofort raus aus dem Alltag.“ Elementare Dinge werden wichtig: Was nehme ich mit? Wo und wie ist die nächste Übernachtung?

Herzliche Begegnungen

„Wichtig ist die Entschleunigung“, bestätigt der Schweriner Bischof Andreas von Maltzahn, der selbst über Pilgererfahrung verfügt. „Endlich mal die Klappe halten zu können“, fügt er lächelnd hinzu. Er treffe dann Leute, die von bewegenden Erfahrungen berichten, auch wenn sie mit dem christlichen Glauben nichts zu tun haben. Trotzdem erleben sie etwas, das ihnen guttut.

Pilger sind in jeder Gesellschaftsgruppe zu finden, sagt Pastorin Ludwig. Ebenso unterschiedlich sei auch ihre Motivation. „Viele sind an einer Schwellensituation und versuchen, den künftigen Weg zu erforschen.“ Oft liege eine Lebenskrise zugrunde oder Trauer um nahestehende Menschen oder andere Verluste. „Manche wollen zur Ruhe kommen, und manche suchen eine Gottesbegegnung.“

In der Mecklenburgischen Seenplatte gibt es für Einsteiger geführte Schnupper-Touren. „Wochenendpilgern“ soll kommen – für gestresste Berliner oder Hamburger, die kurze Anfahrtswege haben.

Bei den wenigen Begegnungen auf dem Pilgerpfad durch die Seenplatte wird klar, dass die Menschen oft allein oder in kleinen Gruppen unterwegs sind. Diese Begegnungen mit anderen Wanderern sind von großer Herzlichkeit geprägt. Allen scheint gemein, dass sie glücklich darüber sind, „einfach sein zu dürfen“, wie Ludwig es formuliert. Zum Abschied der Tour sagt sie „Seid behütet“ und segnet die Teilnehmer, bevor diese die Seenplatte verlassen. Jeder nimmt seine ganz individuellen Eindrücke mit.

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