PIGEON FORGE - Knirschend öffnet sich die Holztür ins dämmerige Innere der 177 Jahre alten Mühle. Mehlpuder und Staub hängen in der Luft, rasselnd mahlt der tonnenschwere Granitstein die Maiskörner zu feinem Grieß. In der Mühle mit ihrem Restaurant, der Backstube und dem Kramladen, in dem Kuchen und hausgemachte Marmelade noch immer wie zu Omas Zeiten verkauft werden, könnte die Zeit stehen geblieben sein.

Doch das coole T-Shirt des 24-jährigen Müllers Ryan Matthews zeigt, dass auch in Pigeon Forge am Rand der Smoky Mountains im US-Bundesstaat Tennessee das 21. Jahrhundert Einzug gehalten hat.

Matthews hat den Aufstieg seines Dorfes zum Besucher-Magneten miterlebt: „Als ich klein war, gab’s hier nur Maisfelder“, sagt er und zeigt auf die Umgebung, wo die Smoky Mountains in den Himmel ragen. Sie gehören zum Great Smoky Mountain National Park, dem mit neun Millionen Gästen pro Jahr meistbesuchten Nationalpark der USA. Der höchste Gipfel dort, der Clingmans Dome, ist 2025 Meter hoch.

Pigeon Forge ist das Einfallstor in das Naturschutzgebiet, ein langgestreckter Ort an einem sechsspurigen Parkway, an dem sich die Attraktionen aufreihen: Restaurants, Showbühnen, Einkaufszentren und Vergnügungsparks. Früher blühte hier im Tal die Landwirtschaft, und in den dahinter liegenden Bergen wurden ohne Rücksicht auf Verluste Kohle und Holz abgebaut. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Bergrücken fast kahlgeschlagen. Erosion verursachte Erdrutsche, und um 1920 begann der Kampf zur Rettung der fast zerstörten Idylle.

Die Holzfäller zogen weg, als es nichts mehr abzusägen gab, das Land der Bergbevölkerung wurde aufgekauft. 1934 wurden die Great Smoky Mountains im Grenzgebiet zu North Carolina zum US-Nationalpark. Pigeon Forge begann zu wachsen. Als das benachbarte Knoxville 1984 die Weltausstellung austrug, kam der Tourismus in Gang. Er war ein Segen für die verarmte Gegend, zog Investoren an und gab den Südstaatlern Gelegenheit, ihre Gastfreundschaft zu beweisen.

Europäer mögen in Pigeon Forge vor allem ihre Klischees bestätigt finden – aber inmitten der grellen Unterhaltung zeigt der Süden hier sein freundliches, uramerikanisches Gesicht. Fünf Kilometer lang ist die Schlange der Restaurants, am Parkway 441 muss für Vergnügen und Völlerei nur auf den Parkplatz abgebogen werden. Kinder geraten in der künstlichen Diamantenmine in den Gold-, Mütter in den Kaufrausch. Und Väter werden zu Helden, weil sie alles bezahlen.

Mit Gott und Sternenbanner tritt auch die Country-Sängerin Dolly Parton an. Parton stammt aus der kleinen Stadt Locust Ridge und wuchs in einer 14-köpfigen Familie in schwierigen Verhältnissen auf. Heute ist die 62-Jährige ein Superstar und versucht, ihrer einst bitterarmen Heimat zu helfen.

Wem der Rummel am Parkway zu viel wird, der kann in die Wildnis des Nationalparks flüchten. Dort lockt ein Wanderwegenetz von mehr als 1300 Kilometer Länge. Das einst fast abgeholzte Gebiet wurde wieder aufgeforstet.